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Jörg Graf:
Ein stiller Genießer auf der Zielgeraden

In ein paar Monaten ist Schluss - dann beginnt für den hessischen Mehrkampf-Landestrainer Jörg Graf der Vorruhestand. Und die Weichen für eine geordnete Übergabe der Amtsgeschäfte sind bereits seit einigen Monaten gestellt. Der deutsche Zehnkampfmeister Jan Felix Knobel (LG Eintracht Frankfurt) trainiert bereits in der Gruppe von Jürgen Sammert, gemeinsam mit dem WM-Sechsten Pascal Behrenbruch (LG Eintracht Frankfurt), ihn hat Graf in dessen Jugendzeiten betreut. Und der neue 2,30-Meter-Springer im Landsverband Hessen, Martin Günther, wird nach dem Ende der Freiluftsaison zu Günter Eisinger wechseln. Bleibt noch zu klären, wer offiziell ab 1. November 2010 die U20-Welt- und Europameisterin im Siebenkampf, Carolin Schäfer (LG Eintracht Frankfurt), und den deutschen B-Jugendmeister und Dritten der U18-WM im Zehnkampf, Steffen Klink vom TSV Kirberg übernimmt.


Joerg Graf bei seiner Ehrung zum Trainer des Jahres 2009. Foto: Iris Hensel


Graf, 62 Jahre alt, hat im Spätherbst seiner Trainerkarriere viele hessische Athleten zu nationalen und internationalen Erfolgen geführt - und ist dafür vom HLV als „Nachwuchstrainer des Jahres“ geehrt worden (2008). Im Vorjahr wurde ihm sogar die Ehrung als „Trainer des Jahres“ in Hessen zuteil. Mit 114 Stimmen, knapp vor Michael Deyhle (111) und Eisinger (100). Doch derart in den Vordergrund gerückt zu werden, ist ihm eigentlich nie recht gewesen. Graf hält sich lieber im Hintergrund, spricht über seine Athleten und eher ungern über sich. Doch wenn er gelobt wird, wie im vergangenen Herbst vom hessischen Finanzminister Karl-Heinz Weimar in dessen Laudatio („Er versteht seine Trainertätigkeit nicht als Beruf, sondern als Berufung“), ist dies auch späte Genugtuung am Ende einer langen Trainerkarriere.

Die hat im Arbeiter- und Bauernstaat jenseits der Mauer mehr oder weniger im Jahr 1962 begonnen, als sich Graf für das sogenannte Abitur mit Berufsausbildung einschrieb. Und weil sein eigentlicher Berufswunsch Sport in den Rubriken nicht vorgesehen war, wählte er Landwirtschaft. Graf wurde zunächst staatlich geprüfter Rinderzüchter, studierte später an der DHfK Leipzig und war anschließend Trainer beim Sportclub der Deutschen Hochschule für Körperkultur. Von 1980 bis 1986 betreute er die zwischenzeitliche Siebenkampf-Weltrekordhalterin Sabine Paetz (6946 Punkte/1984), ebenso die Hochspringerin Gabriele Günz (Bestleistung 2,01 Meter). Dann kam die Wende. Graf arbeitete als Mehrkampf-Landestrainer in Sachsen, seit Mai 2001 in gleicher Funktion beim HLV. Und nun?

„Musst Du wirklich etwas schreiben?“ Die Frage ist irgendwie typisch für Graf. Nur kein Aufhebens machen um seine Person. „Ich bin doch ein Auslaufmodell.“ Wenn seine Arbeit beim HLV beendet ist, wird er in seine Heimstadt Leipzig zurückkehren, derzeit wohnt er in Niederdorfelden bei Bad Vilbel. Dass Graf schon vor dem offiziellen Eintritt ins Rentenalter um die Auflösung seines Vertrags gebeten hat, ist allein seine Entscheidung gewesen. „Ich bin gesundheitlich etwas angeschlagen, um eine Hüftoperation komme ich wohl nicht herum.“ So richtig fit für die Arbeit „am Mann“ fühlt er sich nicht mehr. Das ist ein Grund für seinen Rückzug ins Private. Und der andere? „Ich habe in Hessen fünf Weltklasseathleten geformt“, sagt er. „Und dafür ist die Anerkennung durch den DLV schon dünn gewesen. Das kränkt mich.“ Nein, sagt Graf, bei dieser Einschätzung gehe es ganz gewiss nicht um persönliche Eitelkeit. „Der DLV müsste sich um die Trainer doch Gedanken machen, tut es aber nicht.“
Die Stellenausschreibung für seine Nachfolge ist noch bis Ende März einzusehen.

Uwe Martin


 


19.03.2010