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„Ich bin mit dem Sport verheiratet“
HLV-Coach Eisinger im Interview

Zunächst nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag. Wer hat denn ansonsten alles gratuliert?
Die erste Karte kam vom ehemaligen DLV-Präsidenten Helmut Digel. Damit habe ich nicht gerechnet. Der aktuelle Präsident Clemens Prokop und weitere DLV-Vertreter waren ebenfalls unter den Gratulanten. Etwa Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Oder Meetingdirektoren wie Hubertus Triebel und Peter Schramm. Und der frühere Weltklasse-Hochspringer Gerd Nagel. Und natürlich Repräsentanten des HLV. Aber ehrlich gesagt: Ich wollte nicht, dass mein Geburtstag an die große Glocke gehängt wird. Ariane hatte geplant, den Termin publik zu machen und eine Feier zu organisieren. Sie hatte auch vor, die Presse zu informieren. Da habe ich gesagt: Wenn Du das machst, bekommen wir beide Ärger.


Günter Eisinger, Ariane Friedrich und HLV-Geschäftsführer Thomas Seybold bei der Ehrung zum Trainer des Jahres 2008


Andere Trainer haben mit 60 die Frührente im Hinterkopf. Wie lange steht Günter Eisinger noch an der Hochsprunganlage?
Solange die Gesundheit mitspielt, meine Athleten erfolgreich sind und ich Spaß habe. Der Sport ist mein Leben. Das ist der Unterschied zwischen reinem Gelderwerb und Liebe zum Sport. Ich bin mit dem Sport verheiratet.

Gibt es keine Momente, in denen Sie sich etwas mehr Ruhe wünschen?
Klar, die gibt es schon. Im vergangenen Jahr ist meine Mutter gestorben, deshalb habe ich mir an Weihnachten 2009 genau diese Ruhe genommen. Ich bin auf dem Friedhof bei ihr gewesen, das war ein ganz anderes Weihnachten als vorher. Meine Schwester hatte mich zu einer Weihnachtsfeier eingeladen, Ariane auch. Aber ich wollte Ruhe haben, habe Abgeschiedenheit gesucht. Ansonsten bin ich ja permanent unter Menschen.

Ariane Friedrich trainiert wieder - aber wie gesund ist sie?
Bereits Ende Januar musste sie wegen einer Entzündung am Ischiasnerv eine kurze Zwangspause einlegen. Als wir dann von den Deutschen Hallenmeisterschaften Ende Februar nach Hause gefahren sind, haben wir einen Autobahnstopp an einem Restaurant gemacht. Bei diesen Pausen treffen sich sehr oft Athleten aus Leverkusen, Friedberg, Frankfurt und, und, und. Ariane hat sich nach dem Essen an einem Tisch den Oberschenkel des Sprungbeins angeschlagen, der Bluterguss war beinahe so groß wie ein Handteller. Wir haben sogleich gekühlt, große Schmerzen hatte sie nicht. In der Woche vor der Hallen-WM in Doha traten dann plötzlich beim Lauftraining stechende Schmerzen im Knie auf. Ich dachte nur: Oh, du Scheiße! Wir haben sofort das Training abgebrochen und in den nächsten Tagen verschiedene Ärzte aufgesucht. Prof. Dr. Heinz Lohrer in Frankfurt, Dr. Carsten Radas in Sendenhorst und Prof. Dr. Michael Strobel in München. Es war eine ziemliche Odyssee.

Die zu welchem Ergebnis geführt hat?
Die Oberschenkelmuskulatur war verhärtet, was neben dem Bluterguss auf die gerade ausgeheilte Einzündung des Ischiasnervs zurückzuführen war. Dadurch hatte Ariane ein leicht verändertes Bewegungsverhalten. Was dazu führte, dass die Kniescheibe minimal verschoben wurde. So kam es zu einer Patellasehnenreizung.

Drei Ärzte für eine Diagnose?
Ja, aber wir haben richtig gehandelt. Jeder ist eben in einem oder mehreren Spezialgebieten eine Koryphäe. Und glücklicherweise musste bei Ariane keine Kniespiegelung gemacht werden. So, wie die Ärzte bei ihr zusammengearbeitet haben, stelle ich mir professionelle Betreuung im Spitzensport vor. Wir bekamen sofort und ohne Wartezeit die Untersuchungstermine. Auf der Heimfahrt von München nach Frankfurt hat Dr. Radas bei mir durchgeläutet und gemeint: Glück gehabt, oder? Er war also schon von dem Befund seines Kollegen Strobel informiert worden.

Wie groß ist die Angst vor gesundheitlichen Rückschlägen?
Es ist ja jetzt nicht von heute auf morgen alles okay. Ariane ist die zurückliegenden Wochen behandelt worden, doch eine Patellasehnenreizung kann bei unbedachten, extremen Belastungen ganz schnell zurückkommen. Gleiches gilt auch für den Ischiasnerv. Wir müssen ganz vorsichtig trainieren. Das ist wie bei einem Ferrari, der nur langsam auf Touren gebracht wird.

Wann steigt Ariane Friedrich in die Freiluftsaison ein?
Das wird etwa Mitte Juni werden. Das sind noch acht Wochen, und diese Zeit braucht Ariane. Sie befindet sich in einer guten Trainingssituation, hat aber ihr Spitzenniveau noch nicht erreicht. Wir passen uns mit dem Training an die neue Situation an und gehen teilweise neue Wege. Die zweiwöchige Physiotherapie bei Peter Heckert im Frankfurter OSP hat aber einen hervorragenden Heilungsverlauf gebracht.

Was ging bislang gar nicht?
Während der Therapie etwa kein Krafttraining an der Hantel. Ariane ist viel gelaufen, hat Aquajogging betrieben, auch ihr Stabilisationsprogramm absolviert. Jetzt macht sie schon wieder Treppensprünge, allerdings nur bergauf. Und steht wieder im Krafttraining. Sie muss eben aufpassen, es geht nur peu à peu.

Müssen die ehrgeizigen Saisonziele vor diesem Hintergrund revidiert werden?
Die EM in Barcelona steht weiterhin im Vordergrund, darauf arbeiten wir hin. Wobei der kurzfristige Verzicht auf die Hallen-WM vernünftig war, aber sehr weh getan hat. Man darf jedoch eines nicht vergessen: Die beiden Verletzungen von Ariane in der Hallensaison, ihre Probleme mit dem Ischiasnerv und die Patellasehnenreizung, kann auch jeder Otto-Normal-Verbraucher bekommen. Beispielsweise Günter Eisinger. Als wir zum Meeting im tschechischen Hustopece angereist sind, zunächst mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Wien und abschließend zwei Stunden mit dem Auto, musste ich nach einer Stunde aussteigen, weil ich wahnsinnige Rückenschmerzen hatte. Der Grund war nur ein Portemonnaie in meiner Gesäßtasche. Ich habe die Geldbörse herausgenommen und der Schmerz war weg. Winzige Ursache, große Wirkung.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)

 


10.04.2010