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Sergej Litwinow: Rückzug aus Deutschland


Sergej Litwinow. (Foto: Iris Hensel)

Wenige Stunden nach dem Rauswurf war das Personenprofil von Sergej Litwinow bereits von der Homepage des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gelöscht. Was soll man auch anderes tun mit einem Athleten, der kurzerhand bekannt gegeben hatte, dass er künftig nicht mehr für Deutschland sondern für Russland international starten möchte? Und so ist der deutsche Hammerwurfmeister und nationale Jahresbeste (78,98 Meter) quasi nicht mehr existent für den DLV mit Sitz in Darmstadt, und nicht nur dort. Litwinow hat alle Zelte abgebrochen, er wird ad hoc seine A-Kader-Unterstützung verlieren, ebenso sein Salär von der Bundeswehr-Sportfördergruppe in Mainz - und was macht sein Klub Eintracht Frankfurt? „Wir wollen persönlich mit ihm sprechen, bevor wir entscheiden“, sagt Mona Steigauf, die zuständige Direktorin Leichtathletik. Die Hintergründe der aktuellen, ziemlich unglaublichen Entwicklung hätte sie mit dem 24-Jährigen gerne so schnell wie möglich besprochen, doch bei Litwinows Handy sprang bislang nur die Mailbox an.

Die Eintracht-Verantwortlichen werden es weiter probieren, vielleicht klappt es ja bei den Hessenmeisterschaften, die am nächsten Wochenende in Wetzlar stattfinden. Gemeldet ist Litwinow, was beinahe unglaublich erscheint angesichts der Tatsache, dass genau an diesem Wochenende die Team-Europameisterschaft in Bergen (Norwegen) stattfindet. Genau bei diesen Titelkämpfen hatte sich der der junge Mann mit deutscher und weißrussischer Staatsangehörigkeit geweigert, für den DLV zu starten. Sollte Litwinow nun wirklich die Chuzpe haben, in Wetzlar zu werfen? Mona Steigauf weiß es nicht. So oder so wird das Kapitel für die Eintracht spätestens zum Jahresende beendet sein. Denn Grundlage für den Fördervertrag ist die Teilnahme an internationalen Meisterschaften - und diese Basis ist nun weggebrochen. Zu kurzfristigen Maßnahmen, etwa einer fristlosen Kündigung wegen vereinsschädigenden Verhaltens, mag sich Mona Steigauf nicht äußern.

Eine merkwürdige Geschichte. 2007 wurde Litwinow junior, Sohn des gleichnamigen Olympiasiegers (1988) und zweimaligen Weltmeisters (1983, 1987), noch Elfter bei den U23-Europameisterschaften für Weißrussland; ein Jahr später deutscher Juniorenmeister, 2009 war der blonde Werfer bereits WM-Fünfter. Ein beinahe kometenhafter Aufstieg, der Ende Juli bei der EM in Barcelona einen vorläufigen Höhepunkt hätte erreichen können. „Reisende soll man nicht aufhalten“, sagt DLV-Präsident Clemens Prokop. Und gewiss sei dies „kein schöner Tag für die deutsche Leichtathletik“ (DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen). Doch warum und weshalb? Noch vor ein paar Wochen, sagt Mona Steigauf, habe Litwinow beteuert, in Deutschland bleiben zu wollen. Sogar eine Wohnung im Frankfurter Sportinternat habe man ihm besorgt. Jetzt ist oder will er weg. Laut dem DLV liegt ein Schreiben des russischen Verbandes vor, dass er künftig für Russland den Hammer schleudern möchte. Dabei sehen die Regeln des Weltverbandes (IAAF) laut DLV-Informationen vor, dass er dann zunächst eine dreijährige internationale Sperre absitzen müsste. Und dann wirft Litwinow seine Karriere so gut wie weg. Anders gesagt: Es muss ein ungeheurer (Leidens)druck auf ihm lasten.

Druck, der womöglich von seinem Vater ausgeht. Das jedenfalls denken viele Insider, die ihn ganz gut kennen. Litwinow selbst hat den Senior einmal als „weltbesten Trainer“ und „Hammerwurf-Revolutionär“ bezeichnet. Michael Deyhle, sein Heim- und Bundestrainer in Frankfurt, spielte da wohl eher eine Nebenrolle. Und der Rückzug von Litwinow ist natürlich Wasser auf die Mühlen all seiner Kritiker. Was mit Dopingverdächtigungen weniger zu tun hat, eher schon schon mit den monatelangen Trainingsaufenthalten von Litwinow im zurückliegenden Winter bei seinem Vater in Russland. Was dem Junior auch eine Gesprächsvorladung beim DLV eingebracht hat. Die Bindung zu Russland war aber augenscheinlich so felsenfest und unverbrüchlich, dass bereits im vergangenen Sommer einem Journalisten aus Deutschland von Deyhle abgeraten wurde, „in dieser Richtung zu recherchieren“.

Uwe Martin

 


16.06.2010