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Die zweite Karriere der Julia Hütter


Julia Hütter ist wieder auf dem Sprung
Foto: Iris Hensel

Julia Hütter ist wieder da. Rein sportlich gesehen. Leistungssportlich. Hochleistungssportlich. „An den 4,50 Meter habe ich mein Comeback festgemacht“, sagt die Stabhochspringerin vom LAZ Bruchköbel. Und genau diese Höhe hat sie unlängst beim Meeting in Biberach übersprungen. 4,50 Meter. Bei dieser Höhe ist es vor etwas mehr als zwei Jahren passiert in Regensburg, als die Hessin nach einem missglückten Absprung den Stab losließ und aus großer Höhe in den Einstichkasten stürzte. Die Diagnose: Kreuzbandriss im linken Knie, doppelter Bänderriss im rechten Sprunggelenk. Sie hat sich zurückgekämpft, anfangs mit vielen Schmerzen und mehr Tiefen als Höhen. Es ging langsam vorwärts, manchmal zu langsam. 4,35 Meter wurden es im vergangenen Sommer, die Hallensaison 2010 ist dann weniger zufriedenstellend gewesen. Und dann traten externe Kritiker auf den Plan und monierten ausbleibende Fortschritte. Gehört haben Julia Hütter und ihr langjähriger Trainer und Förderer Jakob Lötzbeyer nicht auf die Unkenrufe - aber sie haben etwas verändert. Die Technikeinheiten absolviert sie mittlerweile bei Kadertrainer Andrej Tiwontschik in Zweibrücken, zweimal pro Woche fährt Julia Hütter 200 Kilometer hin und zurück. Ein Aufwand, der gelohnt hat. „Ich stehe jetzt praktisch wieder dort, wo ich vor der Verletzung gewesen bin.“
In Reichweite ihrer Bestleistungen von 4,57 Meter (Freiluft) und 4,60 Meter (Halle). Und Julia Hütter hat die EM-Norm für die Titelkämpfe in Barcelona (26. Juli bis 1. August) zentimetergenau erfüllt. Damit ist sie eine von insgesamt sechs Stabhochspringrinnen, für die es an diesem Wochenende bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig um drei EM-Startplätze geht. „Ich probiere es einfach“, sagt Julia Hütter. Druck macht sie sich nicht. Silke Spiegelburg (Leverkusen/4,71) die europäische Jahresbeste Carolin Hingst (Mainz/4,72), Kristina Gadschiew (Zweibrücken/4,60), Lisa Ryzih (Ludwigshafen(4,60) und Anna Battke (Mainz/4,60) haben ohnehin die besseren Vorleistungen aufzuweisen. „Und sie haben bei größeren Höhen die bessere Konstanz.“ Viel mehr gibt es vor den „Deutschen“ kaum zu sagen. Aber natürlich sind die internationalen Ambitionen präsent. Schließlich hat Julia Hütter wegen ihres Sportunfalls schon die Olympischen Spiele 2008 und die WM 2009 verpasst. Olympia in Peking sollte der krönende Abschluss der Trainerkarriere des Stabhochsprung-Autodidakten Lörzbeyer werden - dann hat der promovierte Chemiker, mittlerweile 75 Jahre alt, doch weiter gemacht.

Und vor ein paar Monaten die Arbeitsteilung mit Tiwontschik in die Wege geleitet. „Ich hatte die EM eigentlich schon aus den Augen verloren“, sagt Julia Hütter. Jetzt ist sie wieder näher herangerückt an Barcelona. Und beinahe vergessen sind die Momente, in denen sie sich gefragt hat: „Warum tue ich mir das an?“ Ja, warum? „Der Stabhochsprung gibt mir etwas, das tief aus mir herauskommt.“

Das Duo Hütter/Lötzbeyer hat viel probieren müssen in der Anfangsphase nach der Rehabilitation, Vergleichswerte anhand ähnlich schwerer Verletzungen gab es keine. Nur den Fall der deutschen Freiluft-Rekordhalterin Annika Becker (4,77), die sich nach einem Trainingsunfall mit Stabbruch im Februar 2004 schwer an der Halswirbelsäule verletzte. Annika Becker ist wieder gesund geworden, körperlich, die Angst blieb. Julia Hütter hat keine Angst. Aber seit der Operation eine taube Unterseite am linken Fuß, zudem kann sie ihr Kniegelenk nicht vollständig beugen. Einschränkungen, die sie nicht daran hindern, mit knapp 27 Jahren ihre zweite Stabhochsprung-Karriere mit Nachdruck zu verfolgen.


Uwe Martin

 


16.07.2010