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Hammerwerfen in Frankfurt: Was
kommt nach der goldenen Generation?


Immer engagiert und motiviert: Michael Deyhle
Foto: Iris Hensel

Sein Name ist untrennbar verbunden mit dem Aufschwung der deutschen Hammerwerferinnen: Michael Deyhle. Schon vor zehn Jahren führte er Kirsten Münchow zum dritten Platz bei den Olympischen Spielen in Sydney, später warf Susanne Keil viermal deutschen Rekord, zuletzt im Juli 2005 mit 72,74 Meter. Dann begann die Ära Betty Heidler. Zunächst überraschend mit dem vierten Platz bei Olympia 2004, die Bundespolizisten und Jura-Studentin wurde später auch Weltmeisterin (2007) und Europameisterin (2010). Studenten-Weltmeisterin sowieso, ihr deutscher Rekord steht bei 77,12 Meter (2009). Mit Kathrin Klaas gehört der Trainingsgruppe Deyhle eine weitere Weltklasseathletin an, die 26-Jährige verbesserte sich in diesem Sommer auf 74,53 Meter. Die EM in Barcelona verpatzte Kathrin Klaas mit dem Ausscheiden in der Qualifikation allerdings. Andrea Bunjes war erst gar nicht dabei, nach einer Knieoperation im vergangenen Winter kam die 34-Jährige nur mäßig in Schwung (66,65).

Was allen Genannten gemein war respektive ist: Sie tragen das Trikot der LG Eintracht Frankfurt. Wie auch die Nachwuchs-Werferinnen Mareike Nannen (61,25) und Gabi Wolfarth (62,59/2008). Dass Deyhle als Disziplintrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes auch für die männlichen Kollegen zuständig ist, geht in diesem Kontext häufig unter. Wobei die Meldungen aus dem Männerlager in der Saison 2010 eher durchwachsen gewesen sind. Zunächst sorgte Sergej Litvinov (Frankfurt) mit seinem angekündigten Rückzug aus Deutschland für negative Schlagzeilen, dann schied Markus Esser (Leverkusen) bei der EM mit indiskutablen 71,89 Meter in der Qualifikation aus. Positive Nachrichten sind eher Mangelware gewesen.


Und so steht die deutsche Hammerwurf-Szene vor einem Umbruch, und der 58-jährige Bundes- und Heimtrainer Deyhle aus Frankfurt vor neuen Herausforderungen. Denn so ganz allmählich dämmert es vielen: Die Generation Heidler und Klaas - mit Abstrichen inbegriffen auch Münchow und Keil - ist ein absoluter Glücksfall. Eine positive Ausnahmesituation. „Wir haben mit Betty und Kathrin zwei absolute Topleute. Aber wir müssen die Lücke dahinter schließen und gleichzeitig den Nachwuchsathletinnen genügend Zeit für ihre Entwicklung geben“, sagt Deyhle. Ein Spagat, der schwer genug zu bewältigen sein wird. Die Jungen, das sind zuvorderst Carolin Paesler (Hallesche LF/63,55) und Mareike Nannen. Diese beiden sollen im nächsten Jahr „die U23 besetzen“. Bei Gabi Wolfarth ist Deyhle zunächst einmal froh, „dass sie wieder da ist“, ihre langwierigen Rückenprobleme wohl überwunden hat.


Andrea Bunjes wird noch eine Saison dranhängen und damit die Dritte im Bunde der möglichen WM-Teilnehmerinnen 2011 in Daegu (Südkorea) sein. „Mit so einer beschissenen Saison hört Andrea nicht auf“, sagt ihr Trainer. Betty Heidler und Kathrin Klaas haben als Fernziel natürlich die Olympischen Spiele 2012 in London im Blick. „Eine Olympiamedaille ist Bettys ganz großer Traum“, sagt Deyhle. Vierte war sie 2004 in Athen, vier Jahre später wurde Betty Heidler in Peking enttäuschende Neunte. Bei der EM 2010 hat sie aber die Weltrekordhalterin und Weltmeisterin Anita Wlodarczyk (Polen) ebenso hinter sich gelassen wie die ehemalige Dopingsünderin Tatjana Lysenko (Russland).


Doch es ist längst nicht alles so gülden wie es scheint am Stützpunkt Frankfurt. Die Trainingsbedingungen im Winter (Sportzentrum Kalbach/Wurfhaus Hahnstraße) sind optimal, im Sommer hingegen sieht die Sache anders aus. Auf der Sportanlage im Stadtteil Fechenheim, wo Deyhle regelmäßig eine Übungsgruppe mit sechs bis zehn Hammerwerfer/innen betreut, gibt es nämlich immer noch eine antiquierte Aschenbahn. „Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt Betty Heidler. Derzeit wird umgebaut in Fechenheim, doch dass moderner Kunststoff verlegt wird, ist eher unwahrscheinlich.


Bei seinen besten Werferinnen kann Deyhle voller Zuversicht in Richtung London 2012 blicken - bei den Männern sieht das etwas anders aus. Der gebürtige Weißrusse Litvinov, mit 78,98 Meter deutscher Jahresbester, befindet sich noch bis Ende September in Deutschland, dann zieht er nach Russland. Für dieses Land will er künftig auch international starten. Die sportlich bedeutendste DLV-Hoffnung im Hammerwurf verlässt also die Republik - und was wird dann? Esser ist mit 30 Jahren in einem guten Werferalter, hat sich aber seinen seinem persönlichen Rekordwurf vor vier Jahren (81,10) nicht weiter entwickelt. In diesem Jahr warf er 78,87 Meter. Und die deutsche Nummer drei, Jens Rautenkranz (USC Mainz) hat mit 76,65 Meter schlichtweg eine desaströse Saison hinter sich. Der 28-Jährige, betreut vom ehemaligen Frankfurter Weltklassewerfer Holger Klose, wird künftig nicht mehr dem B-Kader angehören und laut Deyhle 2011 als „Übergangsjahr“ betrachten. „Danach müssen wir sehen, wie und ob es weitergeht.“


Uwe Martin

 


20.08.2010