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Zwei Mal Schmid, zwei Mal
Leichtathletik in Gelnhausen


Irina Mikitenko kehrt zurück nach Hessen - zum Sportclub Gelnhausen
Foto: Victah Sailer

Was sich unlängst im Main-Kinzig-Kreis ereignete, verwunderte selbst Szenekenner. Die 53-jährige Leichtathletik-Ikone Harald Schmid, noch immer deutscher Rekordhalter über 400 Meter Hürden mit 47,48 Sekunden, gründete am 12. Oktober den Sportclub Gelnhausen. Und präsentierte bereits drei Wochen später die ersten prominenten Mitglieder: Die 38-jährige deutsche Marathon-Rekordhalterin Irina Mikitenko (2:19:19 Stunden) verlässt den TV Wattenscheid und schließt sich wie die 21-jährige Langstrecken-Hoffnung Musa Roba-Kinkal dem neuen Verein an. „Ich glaube, dass wir hier etwas ganz Neues aufbauen können und Talente von unserem Know-How profitieren werden“, sagte die zweimalige Marathon-Saisonsiegerin der World-Majors-Serie bei ihrer Vorstellung. Als Trainer wird ihr Mann Alexander Mikitenko im Sportclub Gelnhausen tätig sein. Als Sponsoren wurden bislang der Sportartikelhersteller Nike sowie der Versicherungsmakler Hagen Mootz genannt.

Die neue Konstellation in Gelnhausen entbehrt nicht einer gewissen Brisanz, weil Klubchef Harald Schmid bis zu seinem Karriereende im Jahr 1990 für den TV Gelnhausen gestartet war, später noch als Trainer und Mitglied des Abteilungsvorstands in Erscheinung trat. Vorsitzender des Traditionsvereins ist sein vier Jahre jüngerer Bruder Frank - Harald Schmid nun verantwortlich für den Konkurrenzklub. Die Schmid-Brüder wohnen beide im 1200-Einwohner-Ort Hasselroth, Irina Mikitenko etwa 1000 Meter entfernt in Freigericht. Auch die erfolgreichste nationale Langstreckenläuferin des zurückliegenden Jahrzehnts startete einst für den TV Gelnhausen: 1997 und 1998 zu Beginn ihrer Karriere in Deutschland. Von 1999 bis 2005 trug die zweimalige Gewinnerin des London-Marathons das Trikot der LG Eintracht Frankfurt, anschließend zog es sie gen Westen. Von ihrem neuen Klub in Hessen erhofft sich die Mutter zweier Kinder ein besseres Umfeld für ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012.


Ein weiterer Hintergrund des Wechsels: Ihr Mann hatte beim TV Wattenscheid einen Trainerjob eingefordert, was jedoch abgelehnt wurde. Enge Verbindungen zwischen der Familie Mikitenko und Harald Schmid gibt es seit 1996, damals siedelte die gebürtige Kasachin nach Freigericht um und Harald Schmid leistete unter anderem mit der Vermittlung einer Arbeitsstelle für ihren Mann wertvolle Hilfestellung. Sind die Schmid-Brüder jetzt Konkurrenten um den Nachwuchs in der nicht gerade boomenden Sportart Leichtathletik? Und droht dem TV Gelnhausen „eine Zerreißprobe“, wie die Gelnhäuser Neue Zeitung unkte? Nein, soweit mag Klubchef Frank Schmid dann doch nicht gehen. Aber dass er über die Vereinsgründung des Sportclubs nicht informiert war, wo doch selbst Mitglieder des TV Gelnhausen daran beteiligt waren, irritiert ihn. „Und mein Bruder hätte mich wenigstens anrufen können.“ Von der Pressekonferenz am vergangenen Freitag mit der Präsentation von Irina Mikitenko hatte er kurzfristig erfahren, eingeladen waren auch nur die zwei örtlichen Zeitungen.


Der TV Gelnhausen hatte seine große Zeit in den achtziger und neunziger Jahren, natürlich dank der international herausragenden Erfolge von Harald Schmid und Edgar Itt, daran beteiligt waren auch nationale Spitzenathleten wie die Schwestern Karin und Ute Lix (400, 800 Meter) sowie Wulf Brunner (Diskuswerfen). Derzeit umfasst die Leichtathletik-Abteilung etwa 600 Athleten und 20 Trainer. „Wir sind im Spitzensportbereich nicht mehr vertreten, aber stolz auf unsere guten Schüler und Jugendlichen“, sagt Frank Schmid. Auch der 49-Jährige war früher aktiver Leichtathlet, warf den Hammer 53 Meter weit und wuchtete die Kugel auf 15 Meter. Hessische Mittelklasse, er ist ein Mann der Basis, bei finanziellen Zuwendungen an Topathleten kann sein Verein nicht mithalten. 1998 nicht, als Irina Mikitenko nach Frankfurt wechselte, vor einem Jahr nicht, als der beste deutsche 10-Kilometer-Straßenläufer Roba-Kinkal letztlich beim TV Wattenscheid anheuerte. „Ich fände es bedauerlich, wenn unsere Jugendlichen jetzt abgeworden würden“, sagt er. „Unsere Trainer sehen sich nicht als Zulieferer für andere Vereine.“


Uwe Martin

 


10.11.2010