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Achillessehnenriss von Ariane Friedrich
schockt die deutsche Leichtathletik


Kämpferisch trotz schwerer Verletzung: Ariane Friedrich (Foto: Iris Hensel)

Am Dienstag ist Ariane Friedrich aus der BG-Unfallklinik in Frankfurt entlassen worden - sechs Tage nachdem sich die 26-jährige Hochspringerin im Training die linke Achillessehne gerissen hatte und von Professor Reinhard Hoffmann operiert worden ist. „Ich habe schon einige Rückschläge erlebt, aber das ist eine völlig neue Situation für mich“, sagte die deutsche Rekordhalterin (2,06 Meter) dem Sport-Informationsdienst. „Ich denke, dass ich jetzt erst recht alles dafür geben und es auch schaffen werde, in London in Topform zu sein.“ Die Olympischen Spiele 2012 sind das große sportliche Ziel der sprungkräftigen Polizeikommissarin. Es sind viele aufmunternde SMS-Botschaften im Handydisplay der WM- und EM-Dritten aufgeblinkt, und zu den Menschen, die das persönliche Gespräch gesucht haben, gehörte die zuständige Hochsprung-Bundestrainerin Brigitte Kurschilgen.

„Der Schock sitzt auch bei mir tief“, sagt die 52-Jährige. „Man erlebt alles wieder, ist auf einmal mit seiner persönlichen Geschichte konfrontiert.“ Unter ihrem Mädchennamen Holzapfel gehörte sie zehn Jahre zur Hochsprungelite, nahm zweimal an Olympischen Spielen teil (1976, 1984) und sprang deutschen Rekord (1,95 Meter/1978). Die Karriere von Brigitte Holzapfel endete 1986 beim Springer-Hallenmeeting in Berlin - mit einem Achillessehnenriss. Sie hat mehrmals durchlebt, was der prominentesten deutschen Leichtathletin jetzt bevorsteht. Den Knall beim Reißen der Sehne, die Operation, die langwierige Rehabilitation, den mühevollen Trainingseinstieg, die Suche nach Zutrauen zum eigenen Körper und nach der Form früherer Tage. „Man hat ein Niveau und glaubt immer, es unbedingt wieder erreichen zu müssen.“ Bei ihr ist es dreimal passiert. Zuerst riss 1980 die Achillessehne im linken Fuß, 1983 die rechte, 1986 nochmals die linke. Und so hoch wie bei ihrem Rekordsprung 1978 ist sie nie mehr gefloppt.

Doch es gibt auch andere Beispiele. Etwa Kajsa Bergqvist. Der schwedischen Hochspringerin riss im Jahr 2004 die Achillessehne, ein Jahr später wurde sie Weltmeisterin, 2006 sprang sie sogar Hallen-Weltrekord (2,08). Auch Weitspringerin Bianca Kappler (Rehlingen) kehrte nach ihren Achillessehnenriss (2008) in die Weltspitze zurück. In zwei Wochen werden bei Ariane Friedrich die Fäden gezogen, anschließend wird ein Spezialschuh angepasst. „Damit eine vollständige Heilung gelingt, werden wir genau darauf hören, was die Experten uns Schritt für Schritt bei der Belastungssteigerung erlauben“, sagt Trainer Günter Eisinger. „Ob es noch für die WM reicht, werden wir auf uns zukommen lassen.“ Die Weltmeisterschaft findet vom 27. August bis 4. September 2011 in Daegu (Südkorea) statt. „Es gibt Heilungszeiten, über die man sich nicht hinwegsetzen kann“, sagt die Bundestrainerin und betont: „Es besteht keine Notwendigkeit zur Eile. Ariane muss zulassen, dass es dauert.“ Auch wenn die schwer verletzte Hochspringerin von der LG Eintracht Frankfurt als sehr ehrgeizig bekannt sei. Die Empfehlung von Brigitte Kurschilgen ist eindeutig: „Keine Wettkämpfe im nächsten Jahr.“

Warum und weshalb, warum gerade ich? - diese Fragen wird sich Ariane Friedrich noch oft genug stellen. Bei Brigitte Kurschilgen ist die Sehne dreimal im Wettkampf gerissen, bei der Frankfurterin bei der Übungsform Sprungläufe im Training. Andreas Surbeck vom VfL Sindelfingen erwischte es 1983 im April, nachdem er sich in der Hallensaison auf 2,27 gesteigert hatte und in 2,30-Meter-Form war. „Das Vertrauen muss langsam vom Kopf in die Beine zurückkehren“, sagt er. Bei ihm dauerte es drei Jahre, dann sprang er wieder über 2,21 Meter und beendete mit diesem Wettkampf seine Karriere. Surbeck hatte 36 Monate nur ein Ziel vor Augen, er wollte wieder bester Baden-Württemberger sein. „Der Kopf wird das Entscheidende bei Ariane sein“, sagt der 51-Jährige.

Der Kopf. „Ariane hat sich nicht im Wettkampf verletzt, deshalb hat sie kein traumatisches Erlebnis“, glaubt die Bundestrainerin. Aber sie sagt auch: „Wir bewegen uns im Leistungssport immer auf dünnem Eis.“ Dass bei Ariane Friedrich der linke Sprungfuß betroffen ist, erscheint als Nachteil auf dem Weg zurück in die Weltspitze. Anderseits ist die Belastung beim Kurvenlauf vor dem Absprung für beide Füße extrem und generell in keiner anderen leichtathletischen Disziplin so hoch wie im Hochsprung. „Wir werden nichts überstürzen“, sagt Eisinger, der zuvorderst inbegriffen ist bei der Aussage von Brigitte Kurschilgen, „dass Ariane in allen Bereichen in guten Händen ist“.


Uwe Martin

 


28.12.2010