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Hessen - Landesverband der Mehrkämpfer


Carolin Schäfer im Jahr 2009 als U20-Europameisterin (Foto: Iris Hensel)

Auch der Leitende Landestrainer Manfred Kehm kann das Phänomen nicht so recht deuten. Die hessischen Zehnkämpfer und Siebenkämpferinnen auf (inter)nationalem Topniveau sind irgendwie einfach da. In beinahe jeder Altersklasse, es ist eine Glücksgeneration der Jahrgänge 1985 bis 1993. In der Summe sind sie aktuell die leistungsstärkste Gruppe im Hessischen Leichtathletik-Verband. Selbst die erfolgsverwöhnte Frankfurter Hammerwurf-Hochburg um Europameisterin Betty Heidler und die Jahresweltbeste Kathrin Klaas hält da nicht mit. Allein im Zehnkampf gibt es drei Hessen mit höchsten Ansprüchen - angefangen bei dem WM-Sechsten Pascal Behrenbruch, dem deutschen Meister von 2009, Jan Felix Knobel (beide LG Eintracht Frankfurt), bis hin zu Steffen Klink (TSV Kirberg), zuletzt Dritter der nationalen Jugend-Hallenmeisterschaften. Behrenbruch ist 26 Jahre alt, Knobel 22, Klink 19. Dahinter steht mit dem 18-jährigen Aron Schreiner der deutsche B-Jugendmeister auf dem Sprung. „Das ist schon eine unglaubliche Dynamik“, sagt Kehm.

Wie es dazu gekommen ist? Natürlich habe der im vergangenen Jahr verabschiedete Mehrkampf-Landestrainer Jörg Graf hervorragende Arbeit geleistet, sagt Kehm. Da greift womöglich ein gewisser Nachzieheffekt. Andererseits tendieren fast alle Leichtathletiktalente spätestens im Jugendalter zur Spezialisierung. Die trainings- und somit zeitintensive Mehrkampfkarriere wird vergleichsweise selten gewählt. In Hessen ist das anders - auch bei den Frauen. Die 24-jährige Claudia Rath von der LG Eintracht Frankfurt ist EM-Elfte im Siebenkampf (6107 Punkte), Carolin Schäfer, fünf Jahre jünger, war schon Welt- und Europameisterin in der Altersklasse U20. Und Sara Gambetta (LG Eintracht Frankfurt) ist die Aufsteigerin des Vorjahres gewesen, sie wurde Zweite der U20-WM und steigerte sich auf 5854 Punkte. Christina Kiffe (ASC Darmstadt) triumphierte zuletzt bei den nationalen Hallenmeisterschaften im Jugend-Fünfkampf. „Sara und Christine haben eine gesunde Konkurrenz ausgerufen. Aber es gibt keinen Zickenkrieg“, sagt Kehm. Beide kämpfen im Sommer um die Teilnahme an der U20-EM.

Für den seit Jahren in Hessen dominierenden Zehnkampf-Beau Behrenbruch geht es zunächst darum, bei der WM in Daegu (Südkorea/27. August bis 4. September) dabei zu sein. Vor ein paar Tagen ist die Übungsgruppe mit Behrenbruch, Knobel, Claudia Rath und Trainer Jürgen Sammert aus dem März-Trainingslager in Stellenbosch (Südafrika) nach Deutschland zurückgekehrt. Knapp vier Wochen dauerte der Aufenthalt, und die Form stimmt. „Ich hoffe, dass ich als Maschine nach Hause komme“, hatte Behrenbruch vor der Abreise auf seiner Homepage kundgetan. Sammert muss immer schmunzeln, wenn er starke Sprüche wie diese hört. „Wir haben ohne Probleme durchtrainiert“, sagt er sachlich. Das Saisonziel von Behrenbruch sei aber ganz klar die Verbesserung seiner Bestleistung (8439 Punkte/2009). Auch Knobel, vor drei Jahren U20-Weltmeister und im Vorjahr von einer hartnäckigen Rückenverletzung ausgebremst, sei nach einem langen Aufbauprogramm wieder richtig fit. Und derzeit ähnlich stark und schnell wie Behrenbruch. Gute Vorzeichen, endlich mehr als 8000 Punkte zu holen und sich für einen Podestplatz bei der U23-EM zu empfehlen. Oder sogar für die WM in Daegu.

Wobei die Normhürde des deutschen Verbandes mit 8200 Punkten recht hoch angesetzt ist. Auch angesichts der gesundheitsbedingt unsicheren Perspektive der Konkurrenz um Michael Schrader (Leverkusen), André Niklaus (Berlin) und Arthur Abele (Sindelfingen) ist die Teilnahmewahrscheinlichkeit aber zumindest gegeben. Behrenbruch und Knobel (Kehm: „Die beiden Dicken“) sowie Claudia Rath sind Kandidaten für die WM, Sara Gambetta, Christina Kiffe und Klink laufen, springen und werfen um die Qualifikation für die U20-EM in Tallinn (Estland/21. bis 24. Juli). Nur bei Carolin Schäfer ist zurzeit ungewiss, wohin die Reise gehen wird. Die vergangene Saison war mit 5333 Punkten verletzungsbedingt ein rechtes Desaster, es folgte eine Fußoperation mit anschließenden Komplikationen. „Caro braucht wohl ein Übergangsjahr, um sich zu finden. Aber zumindest ist sie seit Anfang des Jahres wieder gut dabei“, sagt Kehm. Der persönliche Rekord (5833 Punkte) von Carolin Schäfer wird im Sommer drei Jahre alt, im Leistungssport ist das beinahe ein halbe Ewigkeit. Gyula Kovacs, ihr neuer Trainer, hat wohl noch jede Menge (Aufbau-)Arbeit vor sich.

Uwe Martin

 


31.03.2011