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Die Hessenmeisterschaften als DM-Generalprobe


Julia Hütter (Foto: Iris Hensel)

An diesem Wochenende (18./19. Juni) steht das Kasseler Auestadion im Zeichen der hessischen Meisterschaften der Männer und Frauen sowie der B-Jugend. Die Titelkämpfe in der Leichtathletik-Region Nordhessen sind quasi die Generalprobe für die Deutschen Meisterschaften fünf Wochen später an gleicher Stätte. Die Wettkämpfe beginnen am Samstag und Sonntag jeweils um 11 Uhr, und gemeldet haben auch viele hessische Spitzenathleten. So im Männersprint über 100 Meter mit Till Helmke, Felix Göltl, Nils Müller und Benjamin Brömme, im Weitsprung der Frauen mit Beatrice Marschek, Xenia Atschkinadze und Claudia Rath sowie im Frauen-Hammerwerfen mit Andrea Bunjes, Gabi Wolfarth und Svenja Kern. Über 400 Meter ist Niklas Zender gemeldet, im Dreisprung der erstarkte Wiesbadener Nico Bayer (15,45 Meter), über 800 und 1.500 Meter die Wahl-Kasselerin Simret Restle., im Hochsprung Bianca Schmid, im Diskuswerfen Sabine Rumpf. Die Meisterschaften der B-Jugend leiden am Samstag darunter, dass zeitgleich in Schweinfurt die entscheidende U18-Qualifikation für die WM in Lille (Frankreich) stattfindet. Und für eine Teilnehmerin sind die Hessenmeisterschaften ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zurück in die absolute Spitze.

Es ist das Jahr drei für Julia Hütter nach dem wohl größten anzunehmenden Sportunfall. Kreuz- und Innenband gerissen, zudem Knorpel- und Meniskusschäden im Knie sowie ein doppelter Außenbandriss am Sprunggelenk. Julia Hütter hatte sich im Juni 2008 beim Meeting in Regensburg einen fatalen Fehlversuch geleistet und war aus großer Höhe in den Einstichkasten gestürzt. Und bereits wenige Wochen später begann der lange Weg zurück zu alter Klasse - die Stabhochspringerin hat Bestleistungen von 4,57 Meter und 4,60 Meter (Halle). Im Sommer danach überquerte sie schon wieder 4,35 Meter, im vergangenen Jahr waren es 4,50 Meter. In diesen Tagen kämpft die 27-Jährige von der LG Eintracht Frankfurt aber nicht nur mit ihrer schwankenden Form und der Qualifikationsnorm für die WM in Daegu (4,55 Meter), sondern auch gegen die starke nationale Konkurrenz.

Denn spätestens in der Hallensaison ist deutlich geworden, wie gut die besten deutschen Stabhochspringerin auch in der Summe sind: Hinter der nationalen Rekordhalterin Silke Spiegelburg (4,76), Kristina Gadschiew (4,66), Lisa Ryzih (4,65), Martina Strutz (4,55), Anna Battke (4,51) und Carolin Hingst (4,50) war Julia Hütter nur Siebte der Winterstatistik. Mit 4,42 Meter. Im Freien ist sie bislang bei 4,30 Meter angelangt. Und am Pfingstmontag in Rehlingen hatte die Hessin mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, mit einem Salto Nullo registriert zu werden - drei ungültigen Versuchen bei ihrer Anfangshöhe. Die sportliche Situation ist nicht unbedingt verfahren, aber schwierig. „Im Training läuft es sehr gut. Im Großen und Ganzen läuft es sehr gut“, sagt Julia Hütter. Umgesetzt in bestenlistenfähige Höhen hat sie ihre Übungsleistungen noch nicht. Immerhin ist sie mit zwei Wettkämpfen über 4,30 Meter schon weiter ist als vor zwölf Monaten. Seinerzeit begann Julia Hütter die Saison mit zwei Salto-Nullo-Auftritten. „Mir fehlt die Wettkampfroutine“, sagt sie. Weiterhin, immer noch.


Julia Hütter in Aktion (Foto: Iris Hensel)

Schwer zu sagen, wie viele Technikeinheiten und Wettkämpfe sie aufgrund der schweren Verletzung verpasst hat. Dass Julia Hütter vor zwei Jahren überhaupt zurückgekehrt ist auf die Anlaufbahn, war schon eine große Überraschung. Und ein kleines medizinisches Wunder und letzter Beleg für ihre nimmermüde Hartnäckigkeit im Reha-Programm. Auch wenn Trainer Jakob Lötzbeyer stets geahnt hat, dass sie „beißen kann“. Weniger ehrgeizige Athletinnen hätten ihre Karriere einfach für beendet erklärt. Julia Hütter macht weiter. Immer weiter. „Natürlich traue ich mir die WM-Norm zu. Etwas anderes zu sagen, wäre Quatsch.“ Und wie in den vergangenen Jahren dürfte die Entscheidung über die WM-Nominierung erst bei den deutschen Meisterschaften fallen. Also am 23./24. Juli in Kassel. Kandidatinnen gibt es im halben Dutzend. „Das ist bei uns ja immer derselbe Showdown.“ Mut gemacht hat trotz der letztlich unbefriedigenden Höhe von 4,30 Meter vor Wochenfrist das Meeting in Kassel. „Der Sprung bei schwierigen Wetterverhältnissen war für 4,50 Meter gut“, sagt Julia Hütter. Fünf Tage später in Rehlingen ging es zurück auf Null.

Ausgestanden sind mittlerweile wenigstens die Unstimmigkeiten, die im Winter nach ihrem Vereinswechsel vom LAZ Bruchköbel zum Großklub Eintracht Frankfurt aufgekommen waren. Seit dem Frühjahr 2010 fährt sie zweimal wöchentlich zum Techniktraining nach Zweibrücken zu Bundestrainer Andrej Tiwontschik, und dass ihr Heimatverein die Erstattung dieser Mehrkosten nicht würde aufbringen können, war klar. Dennoch gab es ungewöhnlich heftige mediale Nachwehen, als Julia Hütter sich im Guten verabschiedete, die Rede war sogar von Undankbarkeit. So ist das auch im Jahr 2011 in der vermeintlich professionellen Leichtathletik: Über alles, was mit Geld zu tun, wird gar nicht oder nur höchst ungern gesprochen.

Uwe Martin

 


17.06.2011