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„Neue Bestzeiten wollte ich immer laufen“


Gesa Krause in Aktion (Foto: Iris Hensel)

Gesa Felicitas Krause, geboren am 3. August 1992, ist mit 19 Jahren die jüngste deutsche Teilnehmerin an der Leichtathletik-WM, die vom 27. August bis 4. September in Daegu (Südkorea) stattfindet. Sie wuchs im mittelhessischen Dillenburg auf, seit einigen Jahren wohnt das große Lauftalent in Frankfurt. Dort besuchte sie die Carl-von-Weinberg-Schule, eine Eliteschule des Sports, und startet für die LG Eintracht Frankfurt. In diesem Sommer lief Krause deutschen Jugendrekord über 2.000 Meter Hindernis (6:22,45), wurde U20-Europameisterin über 3.000 Meter Hindernis und unterbot wenige Tage später beim Meeting in London über 3.000 Meter Hindernis mit einem weiteren hochklassigen Jugendrekord (9:35,97) die WM-Norm des deutschen Verbandes (9:43,00). hlv.de sprach mit ihr unmittelbar vor dem Abflug zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft.


Wie fühlen Sie sich als „Küken“ der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft?

Wenn ich mir Gedanken machen würde, die Jüngste im Team zu sein, dann wäre es schon etwas Besonderes. Aber ich bin einfach nur glücklich, dass ich es geschafft habe, dabei zu sein. Und damit so früh die Chance habe, an einer ganz großen Meisterschaft teilzunehmen. Im Endeffekt muss ich ja nur laufen, wie sonst auch. Obwohl: Die WM ist natürlich schon viel größer als alles, was ich bisher erlebt habe.

Keine Nervosität?

Eigentlich noch nicht. Vor der U20-EM war ich schon sehr nervös, da hatte ich mir extrem viel vorgenommen. Das habe ich in Daegu selbstverständlich auch, aber die Vorfreude überwiegt. Als Küken habe ich ohnehin nichts zu verlieren. Ich werde mit Spaß an den Start gehen, bin aber sicher, dass die Nervosität direkt vor dem Rennen kommen wird.

Die um einige afrikanische Läuferinnen bereinigte Weltrangliste eröffnet ja sogar eine Endlaufchance…

Mein Trainer Wolfgang Heinig und ich haben gesagt: Der Endlauf - also zwei WM-Rennen in Daegu - ist das Ziel. Ich bin ein ehrgeiziger Mensch, der alles probieren und alles dafür tun wird. Die anderen müssen ja auch erst einmal laufen - dann schauen wir mal. Aber wenn ich das Finale verpassen würde, wäre es keine Schande.

Deutsche Erfolge im Mittel- und Langstreckenlauf haben Seltenheitswert - warum sind gerade Sie international auf der Überholspur?

Da spielen sicher viele Aspekte und Fragen eine Rolle. Wie viel bin ich bereit zu investieren? Wie wichtig ist mir der Erfolg? Wie motiviert bin ich? Wie gut kann ich im Wettkampf mit Nervosität und Druck umgehen? Und man muss Opfer bringen, auch wenn es sich ein bisschen pathetisch anhört. Ich ordne dem Sport vieles unter, eigentlich das meiste. Als ich im Abiturstress gewesen bin, habe ich trotzdem weitertrainiert und Fehlstunden in Kauf genommen. Gelitten hat die Schule auch der Trainingslager oder bei Wettkampfreisen. Letztlich bin ich mit meinem Notenschnitt von 2,1 trotzdem zufrieden. Das ist nicht überragend, aber gut. Und ich habe beides gemeistert: Sport und Schule. Das ist mir wichtig.

Vermittelt Ihnen speziell Wolfgang Heinig, Ehemann und früher Trainer der erfolgreichsten deutschen Marathonläuferin Katrin Dörre-Heinig, das nötige Selbstbewusstsein?

Er hat ganz klare Vorstellungen, sagt mir, was realistisch ist und was ich dafür tun muss. Da habe ich großes Vertrauen, und es funktioniert seit knapp dreieinhalb Jahren sehr gut. Wir sprechen jedes Jahr im Herbst über die Ziele für die nächste Saison. 2010 habe ich aufgeschrieben, was ich erreichen möchte, das hat er sich durchgelesen und gesagt: Machbar, aber da steckt viel Arbeit dahinter.

Ist Talent oder Fleiß wichtiger?

Fleiß. Ob der Sprung in die absolute Spitze gelingt, ist dann wohl eher eine Frage des Talents. Talent ist auch, ob bestimmte Trainingsvorgaben umgesetzt werden können. Doch ohne eine spezielle Begabung begeistert man sich nicht für eine Sportart.

Wann waren Sie begeistert?

Ich habe im Alter von acht Jahren mit der Leichtathletik begonnen und gleich gemerkt, dass mir das Laufen am besten liegt. Neue Bestzeiten wollte ich immer laufen, das war das Wichtigste. Ich glaube nicht, dass ich der Typ wäre, der nur zum Spaß sieben oder acht Mal pro Woche auf die Bahn gehen würde. Wenn ich etwas anfange und es mir wichtig ist, will ich ein gutes Resultat haben.

Dazu gehören Trainingsumfänge von bis zu 160 Kilometern in der Woche?

Das kommt im Trainingslager in einer maximalen Belastungswoche zusammen, wenn wir zeitweise dreimal am Tag laufen. Es ist aber nicht der Regelfall, sondern nur Teil eines Zweiwochenprogramms. Normal sind eher so um die 80 Kilometer.

Wie mutig müssen europäische Hindernisläuferinnen sein, um gegen die afrikanische Konkurrenz bestehen zu können?


Gesa Krause, jubelnd (Foto: Iris Hensel)

Wir waren 2010 und 2011 im Höhentrainingslager in Kenia. Dort habe ich gesehen, was die heimischen Läuferinnen und Läufer in den Sport investieren. Und wie sie trainieren und unter welchen Bedingungen sie leben. Nur dann kann man sich vorstellen, wie ihre Leistungen zustande kommen. Mir hat Mut gemacht, als ich letztes Jahr bei der U20-WM in Kanada noch die Äthiopierin Almaz Ayana überholt habe und Vierte geworden bin. Dort habe ich gemerkt: Auch die sind zu schlagen. Zuletzt beim Diamond-League-Meeting in London habe ich sogar die U20-Weltmeisterin Purity Cherotich Kirui aus Kenia hinter mir gelassen. Langfristig dominieren können wir die afrikanische Elite sicher nicht, aber vereinzelte Erfolge sind machbar. Doch es steckt viel Aufwand und enormer Wille dahinter. Läuferisch bin ich aufgrund meines Alters noch etwas schwächer, ich profitiere von meiner Hindernistechnik und meinem Rhythmusgefühl. Doch je länger die Strecken werden, umso schwieriger ist es, die Afrikanerinnen zu besiegen. Im Marathonlauf erscheint es mir so gut wie unmöglich.

Abitur, Trainings- und Wettkampfmonate - und bis zu den Olympischen Spielen in London wollen Sie Vollprofi bleiben. Gibt es kein Bedürfnis nach etwas Abwechslung?

Sicher, ich kenne viele, die nach dem Abi gesagt haben: Ich reise jetzt ein Jahr durch die Welt. Das würde mir auch gefallen, aber es geht halt nicht. Seitdem ich klein war, habe ich gesagt: Ich will zu den Olympischen Spielen! Und jetzt ist London nur noch zwölf Monate entfernt. Die Norm kann ich laufen, das habe ich gezeigt, doch es bleibt ein weiter Weg. Deshalb nehme ich mir das eine Profijahr. Untätig sein kommt jedoch nicht in Frage, als Vorbereitung auf ein Studium „International Business“ werde ich einen Sprachkurs belegen.

Gedanklich wie weit entfernt ist der deutsche Rekord?

Der steht bei 9:19 Minuten, oder?

Das ist ein ganz schöner Abstand zu meiner Bestzeit. Antje Möldner hat da schon einen guten Rekord vorgelegt. Darauf hinarbeiten kann man schon, viele Gedanken daran verschwendet habe ich aber nicht.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)


 


21.08.2011