Sponsoren HLV Logo

Behrenbruch will über Tallinn nach London


Pascal Behrenbruch beim WM-Zehnkampf 2009 (Foto: Iris Hensel)

Er ist weg. Mit dem Auto ging es nach Lübeck, dann mit der Fähre nach Finnland und weiter nach Tallinn, die Hauptstadt von Estland. Im Baltikum wagt der hoffnungsvollste deutsche Zehnkämpfer der vergangenen Jahre einen Neuanfang, und es dürfte die letzte Chance sein für Pascal Behrenbruch, seiner Karriere den entscheidenden Impuls zu geben. Nach der WM-Saison hat ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) aus dem Top Team 2012 gestrichen und in den A-Kader zurückgestuft, wegen „nicht ausreichender Zusammenarbeit mit den Bundestrainern“. Behrenbruch war WM-Sechster 2009 in Berlin mit persönlicher Bestleistung (8.439 Punkte), bei der WM 2011 in Daegu erreichte der 26-Jährige 8.211 Punkte und Platz sieben. Damit war der exaltierte Modellathlet von der LG Eintracht Frankfurt zwar bester DLV-Zehnkämpfer, in der nationalen Bestenliste sind aber Jan Felix Knobel (Frankfurt/8.288) und Rico Freimuth (Halle/8.287) an ihm vorbeigezogen. Das Projekt Olympia 2012 in London beginnt Behrenbruch nun bei Erki Nool, dem estnischen Zehnkampf-Olympiasieger von 2000.

Nool, mittlerweile 41 Jahre alt, ist das, was Behrenbruch gerne sein möchte: eine Zehnkampf-Legende. Nicht nur wegen seines Olympiasiegs, auch aufgrund seiner Bestleistung von 8.815 Punkten. Im Stabhochsprung (5,60 Meter) und im Weitsprung (8,10 Meter) hat er zudem überragende Einzelrekorde in langjährigen Problemdisziplinen von Behrenbruch. Wobei man dem Hessen eines lassen muss: Einen derart radikalen Schnitt - in Absprache mit seinem Verein, dem DLV und seinem „Hauptarbeitgeber Fraport AG“ (Eintracht-Abteilungsleiter Wolfram Tröger) - hat noch kein deutscher Leichtathletik vollzogen. „Es ist eine grundsätzliche Neuausrichtung“, sagt Tröger. Mona Steigauf, Direktorin Leichtathletik bei Eintracht Frankfurt, bewertet den Umzug nach Estland als „sehr extrem“. Extrem, das war Behrenbruch schon immer. Doch aufgrund diverser Alleingänge und Eskapaden hat er beim DLV nicht mehr allzu viele Fürsprecher.

Dass er Talent hat, 8.500 Punkte und mehr zu erreichen, ist unbestritten. Doch Fortschritte gab es in den Jahren 2010 und 2011 nicht mehr. „Er hat in diesen Jahren nicht so gelebt, wie es ein Spitzenathlet tun sollte. Er könnte viel weiter sein.“ Das sagt jemand, der es wissen muss: sein langjähriger Trainer Jürgen Sammert. Verbales Nachtreten ist das gewiss nicht, der bisweilen unstete Lebenswandel von Behrenbruch, sein häufig grenzwertiges öffentliches Auftreten und Imponiergehabe sind in der Szene kein Geheimnis. Und harte Kritiker halten ihm schon länger Disziplinlosigkeit vor. „Er muss sich überprüfen“, sagt Tröger. Aber der Verein stehe zu Behrenbruch, ohne Wenn und Aber. „Das ist momentan eine Aufbauphase mit einer neuen Struktur.“
In der Frankfurter Mehrkampf-Trainingsgruppe ist es zwischen den Weltklasseathleten Behrenbruch und Knobel im zurückliegenden Frühjahr und Sommer zu erheblichen Spannungen gekommen. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass sich Knobel mit Leistung immer besser in Szene gesetzt hat und letztlich an Behrenbruch vorbeigezogen war; grundsätzlich trafen zwei grundverschieden sozialisierte Alpha-Tiere aufeinander. „Pascal ist jemand, der eine starke Führung braucht“, sagt Manfred Kehm, Leitender Landestrainer des Hessischen Leichtathletik-Verbandes. „Vielleicht funktioniert es ja bei Erki Nool.“ Sein Ziel, bei Olympia 2012 eine Medaille zu gewinnen, hat Behrenbruch jedenfalls nicht abgeschrieben. Und laut „Offenbach Post“ hat Nool zunächst einmal die Bereitschaft des Hessen getestet, unter seiner Anleitung das letzte aus sich herauszuholen. „Ich habe alles gemacht, bis zur totalen Erschöpfung“, sagt Behrenbruch.

Durch den Rauswurf aus dem Top Team 2012 entgeht ihm geschätzt ein mittlerer vierstelliger Förderbetrag für Trainingsmaßnahmen, doch an Geld scheint es dem „Auswanderer“ nicht zu mangeln. Dem Vernehmen nach hat er seine Eintracht-Förderung seit einigen Monaten nicht abgerufen. Und selbst jene, die es gut mit ihm meinen und Potential für 8.600 Punkte sehen, bewerten den Neustart bei Nool als letzte Chance, ein wirklich Großer zu werden. „Er hat sich zuletzt in der Leistung nicht annähernd so weiterentwickelt, wie es sein Talent hergibt“, sagt Tröger. Anders gesagt: Es ging stagnativ rückwärts. Von 8.439 Punkten (2009) auf 8.202 (2010) und 8.211 (2011). Sammert, der Behrenbruch und Knobel in die Weltspitze gebracht hat, mag zu diesem Thema „gerne nichts sagen“. Nach ein paar Minuten kommt immerhin noch ein aufschlussreicher Satz: „Pascal hat voll trainiert, aber nicht richtig regeneriert.“

Uwe Martin

 


08.11.2011