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Friedrich, Facebook, Freunde und die Folgen


Ariane Friedrich (Foto: Iris Hensel)

Wenn Ariane Friedrich beabsichtigt hatte, mit ihrer Internetoffensive via Facebook die sexuelle Belästigung durch einen „Freund“ öffentlich aufzuarbeiten und rasch abzuschließen, um sich mit der nötigen Ruhe auf die Olympischen Spiele in London vorbereiten zu können, hat die 28-jährige deutsche Hochsprung-Rekordhalterin von der LG Eintracht Frankfurt dieses Ziel grandios verfehlt. Die Debatte über die Veröffentlichung der E-Mail jenes Mannes mit Vor- und Nachname, Wohnort sowie Inhalt der elektronischen Botschaft („Willst Du mal meinen schönen Schw*** sehen, gerade frisch geduscht und rasiert“), ist nun mehr als eine Woche in Gang - und ein Ende ist nicht abzusehen. Alle seriösen Medien haben darüber berichtet, die Boulevardpresse stieg ohnehin mit Vehemenz ein. In der jüngsten „Bild am Sonntag“ war die Vorgehensweise von Friedrich Anlass genug, dem Thema Stalking mehr als eine Seite zu widmen. Da plauderten diverse Frauen über hartnäckige „Verehrer“ und darüber, wie sie sie los geworden sind - oder eben auch nicht.

Was sich im Fall der Polizeikommissarin Friedrich aufdrängt - neben einer (dienst)rechtlichen Würdigung - sind einige offene Fragen: Warum hat sie diesen Weg gewählt, um gegen das Cybermobbing vorzugehen, und gab es keine andere Möglichkeit, sich zu wehren? Wer sich in der Leichtathletikszene umhört in diesen Tagen, trifft vor allem auf eines: jede Menge Unverständnis. Anzeige erstatten und keine Öffentlichkeit herzustellen, wäre eine andere Möglichkeit gewesen, eine Pressekonferenz die weitere. Mit einem Anwalt ihres Vertrauens, einem Vertreter ihres Vereins Eintracht Frankfurt (etwa Abteilungsleiter Wolfram Tröger und/oder Sportdirektorin Mona Steigauf), einem Vertreter der hessischen Polizei. So oder so hätte Friedrich die unappetitliche Affäre mit hoher Wahrscheinlichkeit geräuschloser beendet als es jetzt der Fall ist.

Womit sich eine weitere Frage aufdrängt: Hat sie sich beraten lassen vor ihrer Facebook-Offensive, den Kritiker als einen Schritt zur Selbstjustiz werten? Wenn ja, von wem? Oder war es eine Übersprunghandlung angesichts einer anzüglichen E-Mail, die allzu schwer zu ertragen war? Was Friedrich ohne es zu beabsichtigen losgetreten hat, ist folgendes: Sie wird stellenweise von der Opfer- in die Täterrolle gedrängt. Und ihr wird in einigen Leserkommentaren unterstellt, nur an PR interessiert zu sein. Wer die bisweilen exaltierte Athletin kennt, weiß, dass dies Unfug ist, aber: Dies alles hätte sie sich ersparen können, wenn sie folgendes getan hätte: einen PR-Berater konsultieren. Ihr Trainer, Manager, Mentor und väterlicher Freund Günter Eisinger ist alles in Personalunion - auch der Ansprechpartner für alle Medien in punkto Öffentlichkeitsarbeit. „Wenn Ariane auf mich hört, war’s das mit Facebook“, sagte der Gymnasiallehrer Ende vergangene Woche. Weil sich „die Geschichte derart hochschaukelt“.

Seine seit Jahren in exponierter Situation befindliche Top-Hochspringerin hat mittlerweile ihre Facebook-Seite dicht gemacht. Warum sie darauf nicht schon früher gekommen ist, wäre die nächste Frage. Denn: Es gibt kein bisschen Facebook, wer beitritt, ist mitgefangen. Unerwünschte Nebenwirkungen inklusive. Wie dramatisch sie auch sein mögen. Insofern ist der „Fall Friedrich“ in seiner dramatischen Entwicklung auch ein Lehrbeispiel für all jene Leistungssportler, die über Facebook versuchen, mit Fans, die als sogenannte Freunde registriert sind, in Kontakt zu treten. Oder ihren Sponsoren mit möglichst vielen „Freunden“ einen Gefallen tun möchten. Ein anderer Aspekt: Die Pflege dieser Kontakte zieht Energie und Zeit ab, die anderweitig sinnvoller einzubringen ist.

Uwe Martin

 


30.04.2012