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Barriere im Kopf - Friedrich kämpft mit der Norm


Ariane Friedrich (Foto: IRIS)

Der Weg ist lang, länger als sie dachte, und allmählich ist Ariane Friedrich leicht genervt. 1,95 Meter, über diese Höhe hat sie in besten Zeiten nicht lange nachgedacht, da gingen die Wettkämpfe erst richtig los. Anlaufen, abspringen, Hohlkreuz über der Latte, Landung. Klingt einfach, es war einfach. Beinahe schwerelos präsentierte sich die 28 Jahre alte Polizeikommissarin insbesondere in den Jahren 2008, 2009 und 2010, sie wurde Hallen-Europameisterin, sprang unter dem Dach über 2,05 Meter und im Freien über 2,06 Meter, war Dritte bei der WM in Berlin (2009) und bei der Europameisterschaft (2010). Ariane Friedrich ist die Vorzeigeathletin der deutschen Leichtathletik gewesen - jetzt kämpft sie um die Zulassung für die Olympischen Spiele in London. Am Pfingstmontag im saarländischen Rehlingen floppte die Athletin von der LG Eintracht Frankfurt über 1,92 Meter, womit sie punktgenau die EM-Norm erreichte. Am Freitagabend in Turin der zweite Versuch: Es war ein schwieriger Regenwettkampf auf glitschigem Untergrund, den sie vor der Hallen-Weltmeisterin Chaunte Lowe (Vereinigte Staaten) und der Asienmeisterin Swetlana Radziwil (Usbekistan) gewann.

Gründe zur Zufriedenheit gab es dennoch keinen. Wieder nur 1,92 Meter, drei Zentimeter fehlten zum großen Glück, der Olympianorm. Eins, neun, fünf. Drei Zahlen, die schwer wiegen.

Seit ihrem Achillessehnenriss im linken Sprungfuß (Dezember 2010) kämpft Ariane Friedrich um den Anschluss. Um ihre Konkurrenzfähigkeit auf höchstem Niveau. „Alles, was mir in den letzten Jahren leicht gefallen ist, muss ich mir seit dem Achillessehnenriss hart erarbeiten“, sagt sie. Die Leichtigkeit ist weg, und bisweilen, wie bei den Sprüngen in Turin über 1,95 Meter, mag sie sich bleischwer vorgekommen sein. „Bei dieser Höhe ändert sich mein Anlauf und ich komme nicht mehr in den Absprung rein. Ich bin sauer auf mich.“

Die Drucksituation ist neu. Früher hat sie das Limit für die jeweiligen internationalen Saisonhöhepunkte direkt beim Einstieg in die Sommersaison abgehakt. „Ich bin es nicht gewohnt, einer Norm hinterherzuspringen.“ Für die Olympiaqualifikation bleiben noch drei Möglichkeiten. Etwa die deutschen Meisterschaften am Wochenende 16./17. Juni in Bochum-Wattenscheid und die EM in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli ). Doch die Zeit drängt. Das weiß auch ihr Trainer und Manager Günter Eisinger. „Ariane ist keine Vielspringerin.“ Dicht gedrängte Wettkampfabfolgen, wie von Chaunte Lowe mit Starts in Oslo (Donnerstag) und 24 Stunden später in Turin demonstriert, waren noch nie ihre Sache.

Die Norm muss her. „Je eher, desto besser“, sagt Ariane Friedrich. Sollte es bei der DM nicht klappen, will Eisinger vor der Europameisterschaft noch einen weiteren Wettkampfstart einschieben. Woran es derzeit genau hapert? „Mir fehlt die Lockerheit im Kopf. Im richtigen Moment cool zu bleiben, das muss ich wieder hinkriegen.“ Über technische Details mag sich die Hochspringerin ebenso wenig auslassen wie über die „Facebook-Affäre“, die Ende April nicht nur die Leichtathletikszene bewegte. Dass sie über das soziale Netzwerk den kompletten Namen und den Wohnort jenes Mannes postete, der sie zuvor auf diesem Weg sexuell belästig hatte, brachte ihr nicht nur Zustimmung ein. Vielleicht ist das abgehakt, vielleicht nicht, wer weiß das schon? Ihr Fokus gilt Olympia in London, dort will sie eine Medaille gewinnen. „Das ist mein Anspruch, meine Erwartung. Das ist die Motivation für mein Training.“ Nein, von dem Medaillentraum werde sie nicht abrücken. 2008 in Peking war sie Olympia-Siebte. „Ich mache keine Zieländerung“, sagt sie mit fester Stimme.


Günter Eisinger, Ariane Friedrich und HLV-Geschäftsführer Thomas Seybold (Foto: IRIS)

Für eine Medaille in London müsste sie bei regulären Bedingungen zwei Meter plus x springen, sie weiß es. Das sind drei, vier Höhen mehr als derzeit. Anders gesagt: Ihr Leistungsniveau vor dem Achillessehnenriss in etwa wieder erreichen. „Das Training läuft super und geht normal weiter“, sagt Ariane Friedrich. An ein Scheitern der Mission Olympia denke sie gar nicht, nicht mal ins Grübeln komme sie. „Ich bin stark.“ Und eines sei ihr seit ihrem Comeback Ende Januar (1,84 Meter) ohnehin klar gewesen: „Olympia wird ein Step-by-Step-Ding.“

Eisinger ist in diesen Tagen mehr denn je als Feintuining-Coach, Mutmacher und sensibler Psychologe gefragt. „Man muss auch einmal sehen, dass Ariane in Turin fünf Mädels mit Bestleistung zwischen 1,98 und 2,05 Meter geschlagen hat“, sagt er. Doch auf der olympischen Zielgeraden hat sich unerwartet ein Problem aufgetan, das er nicht auf der Rechnung hatte. „Im Kopf von Ariane gibt es eine Barriere, die weg muss.“ In Zahlen: eins, neun, fünf. Die Norm. „Wenn sie die Norm gesprungen ist, wird es auch noch viel höher gehen“, sagt Eisinger.

Als Manager steht er bisweilen auch zwischen allen Stühlen. Sponsor Nike wollte Ariane Friedrich vor acht Tagen unbedingt beim Diamond-League-Meeting in Eugene (Vereinigte Staaten) am Start sehen; Eisinger schickte seine Athletin aber zu einem Medizincheck in die St.-Josef-Stift-Klinik nach Sendenhorst - und umging so leidige Diskussionen über Vertragsverpflichtungen, Reisestress und Jetlag. Was allerdings zur Folge hatte, dass Ariane Friedrich auch nicht Oslo nicht dabei sein konnte, einem weiteren Diamond-League-Meeting. Ihre Teilnahme dort hätte für genau jene Diskussion gesorgt, die er zuvor aus dem Weg geräumt hatte. Dumm nur: In Oslo waren beste Bedingungen, in Turin regnete es. Als Eisinger eine Nacht später in der Wartehalle des Turiner Flughafens steht und nach draußen blickt, scheint die Sonne. „Nicht zu fassen“, sagt er. „Heute haben wir Traumwetter.“

Uwe Martin


 


11.06.2012