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Wieder Regen: Meisterin Friedrich ohne Norm


Ariane Friedrich (Foto: Iris Hensel)

Tief im Westen war ihr nur noch zum Heulen zumute. Dritte Chance in diesem Sommer, zum dritten Mal hat es nicht geklappt mit der Olympianorm. 1,95 Meter - Ariane Friedrich, WM- und EM-Dritte im Hochsprung, hat sich in Rehlingen, in Turin und zuletzt im Lohrheidestadion von Bochum-Wattenscheid bei den deutschen Meisterschaften vergeblich an der Zulassung für die Olympischen Spiele versucht. Und allmählich wird die Zeit knapp, viele Chancen bleiben der 28-jährigen Polizeikommissarin nicht mehr. Genau genommen gibt es bislang nur einen feststehenden Termin: die Europameisterschaften in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli). Doch darauf wollen sich Ariane Friedrich und ihr Trainer/Manager Günter Eisinger nicht verlassen. Und deshalb suchen sie fieberhaft nach einer Startmöglichkeit bereits vor der EM. In das Projekt „Springen für Ariane“ hat sich auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) eingeschaltet und Unterstützung angeboten. „Wir werden das Athletenpotential organisieren“, sagt DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen.

Und entweder tritt der DLV selbst als Veranstalter auf und erweitert ein bereits existierendes Meeting um den Hochsprung der Frauen. Beispielsweise die Junioren-Gala am nächsten Wochenende in Mannheim. Oder es wird ein singulärer Wettkampf neu angesetzt. Voraussetzung für die Anerkennung der Norm, sollte Ariane Friedrich 1,95 Meter oder höher springen, wäre die Teilnahme von mindestens zwei weiteren deutschen Kaderathletinnen oder Springerinnen aus dem Ausland.

In Wattenscheid wurde der gewaltige Druck offensichtlich, der auf Ariane Friedrich seit ihrem Achillessehnenriss im Dezember 2010 lastet. Mit der Aussicht auf die Olympischen Spiele in London hatte sie die langwierige Rehabilitation und das Aufbautraining auf sich genommen, war im Winter bereits wieder deutsche Hallenmeisterin geworden; im Sommer sollten die drei erwähnten Wettkämpfe reichen, um die Norm zu meistern. Doch bis jetzt sind es nur 1,92 Meter - punktgenau die EM-Norm. Im Lohrheidestadion blieb die Athletin von der LG Eintracht Frankfurt bei 1,86 Meter hängen, scheiterte dreimal an 1,93 Meter. Das Wetter war mies, es regnete immer schlimmer, hinzu kamen wechselnde Winde von allen Seiten. Der Himmel war dunkel. „Die Bedingungen waren der Killer“, sagte Ariane Friedrich. Sie war frustriert, richtig down, ihr standen die Tränen in den Augen, auf der Pressekonferenz weinte sie hemmungslos. Vielleicht musste das alles einmal raus.

Noch im aufwärmenden Einspringen war sie über 1,90 Meter gefloppt, hatte sich viel zugetraut. „Ich bin absolut fit und gut drauf. Und ich war heute felsenfest von der Norm überzeugt.“ Doch nach Turin wurde es der zweite Regenwettkampf innerhalb einer Woche, das war zuviel für sie. „Die Wetterprognosen waren doch gut gewesen …“ Ariane Friedrich ist eine ausgewiesene Spezialistin für nassen Kunststoff, aber Wind und Regen waren des Schlechten dann doch zuviel. Einen Tag später schien den Männern die Sonne - und ihr Vereinskollege Martin Günther von der LG Eintracht Frankfurt wurde Vierter mit 2,19 Meter. Auch Günther glückte damit in dieser Saison ein Comeback. Dem 25 Jahre alten deutschen Hallenmeister des Jahres 2010 (2,30 Meter) war zwei Monate nach Ariane Friedrich ebenfalls die linke Achillessehne gerissen.

„Dieser Normdruck ist enorm“, sagt Ariane Friedrich. In den Wochen zuvor hatte sie stets kontrolliert und wohl auch kalkuliert gesprochen, gekippt war diese Stimmung nach dem Meeting in Turin vor zehn Tagen. Da sprach ihr Trainer Eisinger erstmals von „einer Barriere im Kopf“. Doch daran lag es in Wattenscheid nicht. Sie hadert mit der Schlecht-Wetter-Lage, und sie muss erstmals seit Jahren wieder einem Zulassungslimit für den Saisonhöhepunkt hinterherspringen. Eine völlig ungewohnte Situation. „Wenn sie die Norm für Olympia erst einmal gepackt hat, wird es noch höher gehen“, glaubt Eisinger. Drei London-Chancen bleiben noch: Eingangs erwähnter Wettkampf, der noch ausfindig gemacht wird, die Qualifikation bei der EM und im Erfolgsfall das EM-Finale. Bleiben diese Möglichkeiten ungenutzt, wäre der Karriere-Worst-Case perfekt: Olympia in London ohne Ariane Friedrich. „Ich muss nichts ändern, es einfach mal gutes Wetter sein“, sagt sie.

Uwe Martin


 


17.06.2012