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Zehnkampf-Europameister Behrenbruch kämpft in London um eine Olympiamedaille


Ausdrucksstark - Pascal Behrenbruch (Foto: Hensel)

Pascal Behrenbruch ist schon lange ein Weltklasse-Zehnkämpfer, doch seine Punktzahlen entwickelten sich nicht so, wie er und der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) es gerne gehabt hätten. Schon vor sechs Jahren war der gebürtige Offenbacher EM-Fünfter (8.209), ein Jahr später Zweiter der U23-EM (8.239). Im Jahr 2008 folgten 8.242 Punkte, bei der WM 2009 in Berlin erreichte Behrenbruch als Sechster 8.439 Punkte. Seine Saisonergebnisse 2010 (8.202) und 2011 (8.232/WM-Siebter) bedeuteten Stillstand. Pflegeleicht ist er nie gewesen, und doch war sein Rauswurf aus dem DLV-Top-Team im Herbst 2011 eine Überraschung. Womit sich seine finanzielle Förderung drastisch reduzierte. „Nicht ausreichende Zusammenarbeit mit den Bundestrainern in den zurückliegenden Jahren“, lautete die Begründung. Zum Vorteil gereicht haben dürfte es Behrenbruch dabei sicher nicht, dass er 2010 wegen seiner Nichtnominierung für die EM den Verband verklagt hatte und vom Sportschiedsgericht abgewiesen worden war. „Pascal Behrenbruch wird bei kommenden großen Meisterschaften sein Potenzial noch zeigen können“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop damals. Ob er wirklich daran geglaubt hat?

Im olympischen Sommer jedenfalls startete der Hesse richtig durch, wurde mit neuem Trainer (Andrei Nazarov und Erki Nool statt Jürgen Sammert) und neuem Wohnort (Tallinn/Estland) Europameister mit 8.558 Punkten. Und wenn man sich die Weltjahresbestenliste ansieht, wird deutlich, was Behrenbruch bei den Olympischen Spielen in London erreichen könnte: eine Medaille. Hinter dem amerikanischen Weltrekordhalter Ashton Eaton (9.039) nimmt er Rang zwei ein, dann folgen der Belgier Hans van Alphen (8.519), der Niederländer Eelco Sintnicolaas (8.506), der Franzose Kevin Mayer (8.415) sowie der zweimalige Weltmeister Trey Hardee (Vereinigte Staaten(8.383). „Ich möchte in London einen Wettkampf ohne Tiefpunkte hinlegen und 100 Punkte drauflegen“, sagt Behrenbruch. Eaton scheint bei normalem Gang der Dinge unschlagbar, dahinter ist vieles möglich. Selbst Hardee mit einer Bestleistung von 8.790 Punkten („Er war früher unschlagbar für mich, das ist jetzt anders“) ist derzeit auf Augenhöhe mit Behrenbruch. So in etwa. Je nach Sichtweise.


Dynamisch beim Hürdenlauf (Foto (Hensel)

Der Zehnkämpfer von der LG Eintracht Frankfurt hat bei der EM in Helsinki einen grandiosen Wettkampf hingelegt; die Kugel landete bei 16,89 Meter, im Stabhochsprung überquerte er erstmals fünf Meter, im Speerwurf waren es 67,45 Meter. Die bekannten Schwächen von Behrenbruch sind geblieben, etwa im Weitsprung (7,15) und Hochsprung (1,97). „Im Weitsprung möchte ich noch 20 Zentimeter herausholen“, sagt er. 27 ist er jetzt, also im besten Zehnkampf-Alter. Und er wirkt gereift, seit er vor neun Monaten nach Tallinn umgezogen ist und eigenverantwortlich handeln sein musste. „Eigentlich bin ich kein Bad Boy“, sagt Behrenbruch. Normalisiert hat sich seit den EM-Tagen von Helsinki das Verhältnis zum deutschen Verband. Allerdings nicht soweit, dass Behrenbruch bereit gewesen wäre, beim Test-Weltkampf „Meet the Champions“ in Mörfelden und beim Thorpe Cup in Marburg dabei zu sein. „Ich mache lieber mein eigenes Ding.“ Und auch mit seinem Verein sei „jetzt erst mal wieder alles gut“.


Geschafft. Die EM-Siegerehrung (Foto: Hensel)

Nach dem Frühjahrsmeeting in Götzis hat er sich mit Eintracht-Abteilungsleiter Wolfram Tröger und Sportdirektorin Mona Steigauf („Sie macht einen guten Job“) zudem finanziell verständigt. Doch wie geht es weiter, nach Olympia? Behrenbruch mahnt Planungssicherheit an, er will seine Karriere bis zu den Spielen 2016 in Rio de Janeiro fortsetzen. Nazarov hat aufgrund der Betreuung von Behrenbruch seine Unterstützung durch den estnischen Verband verloren, der Zehnkämpfer eigenes Geld investiert. Nazarov wird sein Trainer bleiben („Es gibt natürlich keinen Grund, etwas zu verändern“), wie er finanziert werden könnte, ist offen. Dass sich in den Bankenstadt Frankfurt bislang keine potenten Sponsoren aufgetan haben, versteht er ebenso wenig wie sein Zehnkampf-Kollege Jan Felix Knobel. Der Verein Eintracht Frankfurt wird angesichts recht düsterer Zahlen der Fußball AG jedenfalls kaum nachlegen können. Quo vadis, Pascal Behrenbruch, dürfte es also nicht nur in London heißen.

Uwe Martin

 


02.08.2012