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Irina Mikitenko - 42 Kilometer für eine Medaille?


Irina Mikitenko (Foto: Iris Hensel)

Mit sportlichem Blick voraus kann Irina Mikitenko nicht allzu viel mitteilen. Wie auch? Denn beim olympischen Marathonrennen in London wird vieles anders sein als bei den Massenveranstaltungen, die weltweit organisiert werden. Es gibt keine avisierten Rekordzeiten, für die Stars keine Tempomacher, mithin auch kein technisches Meeting, in dem der Rennverlauf akribisch besprochen wird. Und keine Trainer oder Manager, die auf dem Rad nebenher fahren. Es geht nicht um Bestzeiten jedweder Art, nur um den Sieg, um die Medaillen. Die 39-jährige deutsche Rekordhalterin aus Freigericht kennt den London-Marathon, sie hat ihn zweimal gewonnen (2008, 2009) - doch auch der olympische Kurs ist ein anderer. Es gibt einige scharfe Kurven, Kopfsteinpflaster und ein paar kleinere Steigungen auf der Rundstrecke, die dreimal absolviert werden muss. Mithin alles, was leistungsorientierte Marathonläufer nicht ganz so gerne mögen. „An diesen Kurs muss man sich erst einmal gewöhnen“, sagt die Marathonläuferin vom SC Gelnhausen. „Ob er mir liegt, kann ich nicht sagen. Ich bin bisher nur einen kleinen Teilabschnitt gelaufen.“ Am Sonntag ab 12 Uhr wird sie es genauer wissen.

London werden die letzten Olympischen Spiele der gebürtigen Kasachin sein. Schon 1996 in Atlanta war sie für ihr Heimatland über 5.000 Meter am Start und schied im Vorlauf aus; im Jahr 2000 wurde sie im deutschen Trikot Fünfte über 5.000 Meter, 2004 über dieselbe Distanz Siebte in Athen. 2008 in Peking, ihr Wechsel von der Bahn auf die Straße und zum Marathon war längst geglückt, musste sie wegen einer Becken- und Rückenverletzung ihre Teilnahme absagen. Es war dennoch ihr sportlich erfolgreichstes Jahr. Im Frühjahr hatte die Mutter von zwei Kindern in London gewonnen (2:24:14), diesen nationalen Rekord verbesserte sie im Herbst in Berlin nochmals auf 2:19:19 Stunden. Am Jahresende wurde sie in Deutschland zur „Leichtathletin des Jahres“ gewählt. Auch 2009 triumphierte sie in London und lief in Chicago auf den zweiten Platz. Sie ist wohlhabend und ziemlich berühmt geworden durch den Marathon, großen Anteil daran hat ihr Ehemann und Trainer Alexander Mikitenko. Allein ihre Gesamtsiege in der internationalen Serie „World Marathon Majors“ (2007/2008 und 2008/2009) brachten ihr eine Million Dollar.


Irina Mikitenko (Foto: Iris Hensel)

Und nun kommt Olympia in London. „Es wird ein taktisches Rennen geben“, sagt Irina Mikitenko. Wie zumeist bei den Spielen. Vor vier Jahren gewann überraschend die Rumänin Constantina Dita in 2:26:44 Stunden die Goldmedaille. So ganz sicher sind sich die Experten nicht, aber auf eine Favoritin hat man sich im Vorfeld verständigt: Sie heißt Mary Keitany, kommt aus Kenia und ist die London-Gewinnerin der Jahre 2011 und 2012. Bestzeit 2:18:37 Stunden. „Aber es sind viele starke Afrikanerinnen und Chinesinnen dabei. Im Marathon hat sich in den vergangenen Jahren so viel entwickelt.“ Irina Mikitenko traut der Weltmeisterin Edna Kiplagat aus Kenia (2:19:50) einiges zu, die Äthiopierinnen Tiki Gelana, Aselefech Mergia und Mare Dibaba sind auch schon alle unter 2:20 Stunden geblieben. Eine Hochgehandelte fehlt hingegen wegen einer Fußverletzung, Weltrekordhalterin Paula Radcliffe aus Großbritannien. „Sie ist eine Kämpferin, es tut mir wirklich sehr leid für sie.“
Irina Mikitenko ist nervös, das ist sie immer vor den ganz wichtigen Rennen. „Wenn die Nervosität nicht steigt, läuft irgendetwas schief.“ Wochenlang hat sie sich eingeredet, dass auch bei den Olympischen Spielen nur ein ganz normales, wenngleich ganz großes Marathonrennen stattfindet. „Doch es gelingt immer weniger, den Druck herauszunehmen. Ich muss einfach 42 Kilometer laufen und zeigen, was ich kann.“ Sie ist optimistisch, die beiden Höhentrainingslager in St. Moritz (Frühjahr, Sommer) waren gut für den Formaufbau. Und dass sie im April beim London-Marathon als Siebte (2:24:53) beste Europäerin gewesen ist, gibt zusätzlichen Mut. Ebenso wie ihre immense Erfahrung bei internationalen Meisterschaftsrennen. Ist Irina Miktenko eine Medaillenkandidatin? „Ja, was soll ich denn anderes sagen? Aber es wird schwierig.“ Am 23. August wird sie 40, ein beinahe biblisches Alter für eine Hochleistungssportlerin. „Das macht doch nichts, ich habe Freude am Laufen.“ Jetzt, im direkten Vorfeld eines kräftezehrenden Wettkampfs, sagt sie sich trotzdem immer wieder, wie schwer das alles sei. „Aber danach geht es schon weiter.“

Uwe Martin

 


04.08.2012