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Die Olympia-Bilanz: Sieben auf einen Streich


Betty Heidler (Foto: Hensel)

Die Olympischen Spiele in London sind Geschichte - doch hlv.de blickt noch einmal zurück auf die Leistungen und Ergebnisse der hessischen Teilnehmer. Neun Athleten sind vom Deutschen Olympischen Sportbund nominiert worden, zwei kamen in der britischen Metropole nicht zum Einsatz: Die 4x400-Meter-Staffelläufer Christiane Klopsch (LG Ovag Friedberg-Fauerbach) und Benjamin Jonas (LG Eintracht Frankfurt). Bleiben also sieben, die nachfolgend jeweils kurz bewertet werden. Den Anfang macht Marathonläuferin Irina Mikitenko vom SC Gelnhausen.



Die 39-Jährige wurde 14. in 2:26:44 Stunden. Das war natürlich weit weg von ihrer Bestzeit (2:19:19/2008) und von ihrer Vorleistung im April beim London-Marathon (2:24:53). Beides ist nicht wirklich relevant, weil es ein komplett anderer Kurs gewesen ist und bei Meisterschaftsrennen im Feld keine Tempomacher und daneben radelnde Trainer zugelassen sind. Mikitenko war zunächst in der Spitzengruppe präsent, zeigte sich, vermittelte einen guten Eindruck. Doch bei der ersten Tempoverschärfung bei Kilometer 25 musste die gebürtige Kasachin ad hoc abreißen lassen, der Rest war ein Kampf bis ins Ziel. Der Wille war vorhanden, der Körper ließ nicht mehr zu. „Ich bin enttäuscht“, sagte Mikitenko, und wenn die Athletin dies selbst schon so empfindet, bleibt eigentlich kaum etwas hinzuzufügen.

Das Podium mit Tiki Gelana (Äthiopien/2:23:07), Priscah Jeptoo (Kenia/2:23:12) und Tatyana Petrova Archipova (Russland/2:23:49) war an diesem Tag völlig außer Reichweite. Irritierend ist auch, dass sechs europäische Läuferinnen schneller gewesen sind als Mikitenko, die am 23. August 40 Jahre alt wird und sich jetzt vermehrt Gedanken machen dürfte, wie ihre Karriere weitergeht. Dass sie weitergeht, hatte sie schon vor dem Startschuss in London gesagt. Analog zu den Online-Bewertungsmöglichkeiten wären ihre 42,195 Kilometer über den Londoner Asphalt und das Kopfsteinpflaster drei von fünf möglichen Sternen wert.


Gesa Krause (Foto: Hensel)

Gesa Krause von der LG Eintracht Frankfurt hat zwei sensationelle Läufe über 3.000 Meter Hindernis auf die Bahn des Olympiastadions gezaubert. Bestleistung als Vorlaufsiegerin (9:24,91), im Finale lief sie als Achte 9:23,52 Minuten. Fast noch besser gefallen hat uns aber der Satz bei leichtathletik.de: „Die Zukunft hat die Jugend-Leichtathletin des Jahres 2011 ohnehin noch vor sich“ Ja, was denn sonst? Hat irgendjemand seine Zukunft hinter sich? Und dann noch diese Einlassung, wiederum bei leichtathletik.de: „Die nächsten Spiele in Rio de Janeiro rufen schon.“ Sicher doch, man hört sie schon (die Spiele!), wie sie voller Inbrunst die Jugend der Welt einfordern. Neben allem möglichen sprachlichen Unfug bleibt festzuhalten: Gesa Krause hat sich grandios präsentiert, auf den Punkt topfit beim Saisonhöhepunkt, weshalb auch ihrem Trainer Wolfgang Heinig ein deutlich lesbares Kompliment gebührt. Ob die weiteren möglichen Sommerstarts der 20-Jährigen - Linz (20. August), Zürich (30. August), Berlin (2. September) - mehr werden als ein Schaulaufen, ist egal. Selbst wenn, die U23-Europarekordhalterin hat es sich verdient. Fünf Punkte!


Ariane Friedrich (Foto: Hensel)

Es war zu erwarten, dass Ariane Friedrich von der größten deutschen Boulevardzeitung auch nachträglich eine Breitseite bekommt. So geschehen am Tag nach der Schlussfeier. „Hochspringerin Ariane Friedrich (28) wurde mitgenommen, obwohl sie die Norm verpasste, scheiterte mit 1,93 Meter gleich im Vorkampf. So hatte sie viel Zeit für Tourismus. Ihre Sightseeing-Tour wurde sogar vom DOSB bezahlt. Außer Spesen nix gewesen!“ Das ist, mit Verlaub, eine bodenlose Attacke, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ihr Trainer und Manager Günter Eisinger im direkten Vorfeld von London die Bild-Zeitung ungewohnt deutlich kritisiert hatte wegen ihrer Berichterstattung über Friedrich. Das Nachtreten gehört bei Boulevardmedien zum Geschäftsprinzip, also Schwamm drüber. Unabhängig davon, dass der Wettkampf von Friedrich am vergangenen Mittwoch gewesen ist, sie demnach gerade einmal vier Tage Zeit für das vermeintliche London-Hopping hatte. Sportlich hat hlv.de die Hochspringerin bereits bewertet, an dieser Stelle vergeben wir nachträglich drei Sterne. Vier wären es beim Finaleinzug gewesen. Mehr war bei realistischer Betrachtung niemals zu erwarten gewesen. Friedrich wird beim Hochsprung-Meeting in Eberstadt (17. bis 19. August) an den Start gehen. Zu wünschen wäre ihr eine Höhe, die alle halbinformierten oder böswilligen Kritiker verstummen lässt.


Pascal Behrenbruch (Foto: Hensel)

Pascal Behrenbruch kam als Europameister, als Zweiter der Weltjahresbestenliste mit 8.558 Punkten - er verließ London als schmuckloses Beiwerk eines Zehnkampfes, den Weltrekordhalter Ashton Eaton aus den Vereinigten Staaten beinahe nach Belieben dominierte (8.869 Punkte). Dahinter platzierten sich der zweimalige Weltmeister Trey Hardee (USA/8.671) sowie der Kubaner Leonel Suarez (8.523). So sieht es aus, wenn man beim Saisonhöhepunkt in Form ist. Behrenbruch war es nicht. Die zwei Tage im Olympiastadion waren ein einziger Kampf ohne Perspektive nach oben. 8.126 Punkte sprechen für sich, der zehnte Platz auch. Es ist schön für Behrenbruch, dass er sich im Olympia-Interview über den EM-Titel freute („Ein geiles Ding“), doch Legenden stehen in den olympischen Listen. Und da muss man bei ihm ziemlich weit nach unten scrollen. Behrenbruch darf sich selbstverständlich nachhaltig über seinen EM-Triumph freuen, doch die olympischen Medaillen haben andere. Die Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt um Sportdirektorin Mona Steigauf hätten es lieber anders herum gesehen. In der Süddeutschen Zeitung stand: Behrenbruch übrigens relaxte vor dem letzten Lauf mit Trainer und Freunden vor dem Stadion. Er führte seine Leistung auf das harte Training und die Europameisterschaft zurück: "Vielleicht bin ich deshalb müde und ausgelaugt. Die EM war aber wichtig für mich, den Titel kann mir niemand mehr nehmen", sagte er. Für den gebürtigen Offenbacher erscheinen zwei Sterne angemessen.


Jan Felix Knobel (Foto: Hensel)

Sein Vereins- und Zehnkampfkollege Jan Felix Knobel begann mit indiskutablen 11,42 Sekunden über 100 Meter, danach wurde es unwesentlich besser. 7,05 Meter im Weitsprung, 15,29 Meter mit der Kugel, 1,90 Meter im Hochsprung, 49,87 Sekunden über 400 Meter, 15,03 Sekunden im Hürdenlauf, 46,10 Meter mit dem Diskus. Nach übersprungenen 4,40 Meter im Stabhochsprung beendete der 23-Jährige wegen muskulärer Probleme den Wettkampf vorzeitig. Knobel war in jeder Disziplin weit weg von seinen Bestleistungen. Auch wenn er durchgekommen wäre, um 8.000 Punkte zu erreichen, hätte Knobel heftig kämpfen müssen. Was bei einer Bestleistung von 8.288 Punkten nicht wirklich überzeugend ist. Er wird 2016 nochmals bei Olympia angreifen, das ist die beruhigende Botschaft bei nur zwei Sternen.

Hammerwurf-Weltrekordhalterin Betty Heidler von der LG Eintracht Frankfurt hat in London für ein großartiges Highlight aus deutscher Sicht gesorgt. In der Berliner Morgenpost stand zu lesen:

Zu Beginn der Geisterstunde war der Spuk dann endgültig vorbei. Der Protest der Chinesen gegen das offizielle Ergebnis im Hammerwerfen der Frauen war am späten Freitagabend erwartungsgemäß abgelehnt worden, Betty Heidler konnte sich ihrer Bronzemedaille wirklich sicher sein. "Um 24 Uhr hatte ich es dann schwarz auf weiß", sagte die in Frankfurt lebende Berlinerin am Morgen nach dem nervenaufreibendsten Wettkampf ihrer Karriere. Gelb auf schwarz war eine gefühlte Ewigkeit nach dem von der Russin Tatjana Lysenko mit einem Wurf auf 78,18 Meter gewonnenen Finale die ersehnte Zahl auf der Anzeigetafel aufgeleuchtet: 77,13. Von allen Sorgen und Ängsten befreit, schnappte sich Betty Heidler eine deutsche Fahne und posierte auf dem Rasen neben der für sie magischen Marke. "Da ist mir ein Brocken heruntergefallen, weil endlich offiziell dastand, was ich schon vorher wusste. Es war ein emotionaler Moment", sagte die Weltrekordlerin. Dass bei einer Nachmessung schließlich 77,12 Meter ermittelt wurden, war irrelevant. Schon lange bevor auch die 80.000 Zuschauer im Stadion mitbekamen, wie denn der Wettkampf nun eigentlich gewertet würde, wusste Betty Heidler Bescheid. Gelöst und erleichtert alberte sie herum. "Es war ein Fehler in der Weitenmessung. Ich wusste zeitig, dass der Wurf im System drin war. Es musste nur noch offiziell werden." Das Kampfgericht hätte sich bei ihr entschuldigt. "Ich bin aber traurig, dass mir die Stimmung, die Emotionen genommen wurden. Letztlich bin ich froh, dass ich mit Bronze nach Hause fahren darf".

Natürlich bekommt Betty Heidler fünf von fünf möglichen Sternen – Glückwunsch!


Kathrin Klaas (Foto: Hensel)

Hammerwerferin Kathrin Klaas verbesserte im dritten Versuch ihre persönliche Bestleistung auf 76,05 Meter. Die Steigerung ihres Hausrekords um 57 Zentimeter brachte sie zwischenzeitlich sogar auf den Bronzerang. Letztlich wurde Kathrin Klaas Fünfte. „Nach den Problemen in dieser Saison bin ich froh, dass ich hier so mitspielen und eine Bestleistung werfen konnte“, sagte sie leichtathletik.de nach dem Wettkampf. „Wenn man Bestleistung wirft, muss man schon sagen, es war ein guter Wettkampf. Ich habe auch im Training schon 76,50 Meter geworfen. Überraschend war es deshalb nicht. Ich wusste, dass etwas geht.“ Und dies trotz einer schwierigen Vorbereitung. Beim vierten Saisonwettkampf in Eugene (USA) am 1. Juni war sie ausgehebelt worden und auf den linken Ellbogen, Schulter und Kopf gefallen. Die Wunden wurden noch im Stadion genäht bzw. geklammert. Und dann eine Bestleistung im wichtigsten Wettkampf des Jahres - fünf Sterne!

Uwe Martin

 


13.08.2012