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Anja Ritschel und die fehlenden Gegnerinnen


Anja Ritschel (Foto: privat)

Rüstige Seniorin? Nein, das trifft es nicht, wenn die Rede auf Anja Ritschel kommt. Dabei hat die 66-Jährige mittlerweile durchaus ein Alter erreicht, in dem andere die Nachmittage bei schönem Wetter im Café verbringen, mit den Enkelkindern in den Zoo gehen oder über Bluthochdruck und andere Gebrechlichkeiten klagen. Schon der Trainingsplan lässt der Mittel- und Langstreckenläuferin des TV Waldstraße Wiesbaden hierfür keine Zeit. Sechs Einheiten pro Woche stehen auf dem unerbittlichen Programm - regelmäßige Besuche im Kraftraum und die eine oder andere Tour auf dem Rennrad nicht eingerechnet. Eine Handvoll deutscher Meistertitel hat die Waldsträßerin in der Altersklasse W65 in dieser Saison bereits gesammelt, den letzten erst vor Wochenfrist über zehn Kilometer auf der Straße. Neben Cross und Bahn (800/1.500/5.000 Meter) kamen im Vorjahr auch noch die Erfolge in der Halle, am Berg und im Duathlon hinzu. Lediglich über die Halbmarathon-Distanz musste sich die Ausdauersportlerin bei den nationalen Meisterschaften einer Konkurrentin beugen und nahm es beinahe mit Erleichterung auf: „Das Problem ist, dass mir irgendwann einmal die Gegnerinnen ausgehen.“

„Durch das Schnellkrafttraining für die 800 Meter verfügt Anja immer noch über eine hohe Sprungkraft“, spricht Waldstraße-Chef und Trainer Günther Jung nur in höchsten Tönen über seine Musterschülerin. Die Mainzerin kam mit Mitte 40 nur deshalb zum Laufen, weil sie ihre beiden jüngsten Töchter nicht allein ins Training gehen lassen wollte. Vor rund zehn Jahren schloss sie sich schließlich dem TV Waldstraße an und mischte als Neueinsteigerin plötzlich die eingesessene Konkurrenz auf. „Der ehrgeizige Ehemann einer Gegnerin ging sogar einmal heimlich an meine Sporttasche, kontrollierte die Länge meiner Spikes und verhinderte schließlich, dass mein deutscher Altersklassenrekord über 800 Meter anerkannt wurde, weil die elektronische Zeitnahme ausgefallen war und mit Hand gestoppt werden musste“, erzählt Anja Ritschel. Und muss noch im Nachhinein über diesen Vorfall lachen. „Ich bin zäh, gebe nie auf und beiße mich halt durch“, verrät die 66-Jährige ihr Erfolgsgeheimnis und verschwendet keinen Gedanken ans Aufhören: „Ich werde so lange weiter laufen, bis Günther eines Tages kommt und zu mir sagt: Anja, du bist zu alt dafür, lass das jetzt mal.“

Quelle: Wiesbadener Tagblatt / Rolf Lehmann

 


27.09.2012