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Vom Junkie zum Marathonläufer


Jamal Sanhaji (Foto: Frank Neumann)

Hinter Jamal Sanhaji liegt eine Reise, die von seinem Heimatland Marokko über Spanien und Portugal nach Deutschland führte. Er war noch ein Kind, als er sich in den Metropolen Madrid und Paris auf der Straße und in Heimen durchschlug, in Alkohol- und Haschischsucht abrutschte. Mit „schiefer Bahn“ ist seine Jugendzeit wohl allzu sachte umschrieben. Mittlerweile ist er 24 Jahre alt, und am 18. November jährt sich sein Aufenthalt im Hof Fleckenbühl in Cölbe, etwa zwölf Kilometer von Marburg entfernt, zum zweiten Mal. Sanhaji ist einer von 112 Bewohnern, die sich drei ehernen Regeln unterwerfen müssen, um von ihren Süchten loszukommen: Verzicht auf Alkohol und Drogen, keine Gewalt und Androhung derselben, Rauchverbot. Hinzu kommt eine sechsmonatige Kontaktpause. Der Marokkaner ist auf einem guten Weg, er hat Arbeit in der hofeigenen Käserei - und läuft Marathon. Sein Debüt feierte Sanhaji im Sommer 2010 beim Marburger Nachtmarathon, ohne spezielles Training lief er 3:07:10 Stunden. Einen Sommer später, wiederum in der Marburger Nacht, waren es 2:53:32 Stunden. Seine Bestzeit steht bei 2:39:34 Stunden, erzielt beim Frankfurt-Marathon Ende Oktober 2011. Beim ältesten deutschen City-Marathon ist der Marokkaner am nächsten Sonntag wiederum auf Rekordjagd.

„Sein Ziel sind 2:34 Stunden oder schneller“, sagt sein Trainer Helmut Schaake. Der Leichtathletik-Abteilungsleiter von Blau-Gelb Marburg ist überzeugt: Die Form stimmt. Beim Offenbacher Mainuferlauf, dem letzten Test, legte Sanhaji den Halbmarathon in 1:12:42 Stunden zurück, persönliche Bestzeit. Konservativ hochgerechnet, sind dies bei normalen Wetterbedingungen in Frankfurt 2:36 Stunden, womöglich ein paar Minuten schneller.

Der ehemalige Junkie ist zurück im Leben - auch dank des Sports. Über seine Zeit im Drogenmilieu erzählt er offen, ebenso über die Begleitumstände. „Ich bin immer einfach in einen Zug gestiegen und irgendwo hingefahren.“ Eine Fahrkarte hatte er nie, ohne Ausweis und Ticket kam er auch im Jahr 2001 in Deutschland an. Auch Sanhaji hat die sechsmonatige Kontaktpause auf dem Hof Fleckenbühl hinter sich gebracht, damit wird in der Zeit des kalten Entzugs einem Rückfall vorgebeugt und die Eingewöhnung in das neue Lebensumfeld vorangetrieben. Auch mit Gruppengesprächen, die anfangs fünfmal pro Woche, später nur noch drei- und zweimal stattfinden. Nach zwei Jahren hat er nun eine gute Chance, dauerhaft abstinent zu bleiben.

Sanhaji hat keine typische Läuferphysiognomie, sein Oberkörper würde auch einem Zehnkämpfer zur Ehre gereichen. In der regionalen Laufszene Mittelhessen, bei kleineren Stadtläufen, ist er längst eine erwarteter Siegläufer; beim Frankfurt-Marathon hat er von Renndirektor Jo Schindler zunächst einmal einen Freistart bekommen. Einen landesweit arrivierten „Mitläufer“ hat Sanhaji in seinem Klub auch gefunden: den früheren Marathon-Hessenmeister Hakim Ouahioune mit einer Bestzeit von 2:30:13 Stunden.

Uwe Martin

 


26.10.2012