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„Studieren und Leistungssport - das ging nicht“


Gesa Krause bei Olympia 2012 (Foto: Iris Hensel)

Gesa Krause hat schwierige Monate hinter sich. Von Oktober bis Dezember 2012 bremste eine Verletzung ihren Vorwärtsdrang, zusätzlichen Stress verursachte ihr Studium, das die 20-jährige Olympia-Achte über 3.000 Meter Hindernis (Bestzeit 9:23,52 Minuten) zum Wintersemester aufgenommen hatte. Im Interview mit hlv.de spricht die Läuferin von der LG Eintracht Frankfurt über „die schlimmste Zeit meines Lebens“ und ihre Ziele im nächsten Sommer.



Die Cross-DM war Ihr erster Wettkampf seit dem vergangenen Sommer. Warum hat man so lange nichts gehört von Gesa Krause?



Ich musste eine Sehnenscheidenentzündung an der Achillessehne auskurieren. Nach meiner obligatorischen Pause im Herbst konnte ich kaum laufen. Die Verletzung hat sich insgesamt über zehn Wochen hingezogen - von Oktober bis Weihnachten. Alle zwei Tage waren fünf, sechs Kilometer möglich, weiter ging es nicht, dann kamen die Schmerzen. Ganz ehrlich: Diese Verletzungsmonate zuvor waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Richtig laufen durfte ich erst wieder an den Weihnachtsfeiertagen. Begonnen habe ich bei gefühlten null Prozent und dachte: Du kommst nie wieder dorthin, wo du aufgehört hast.

Wie haben Sie die Auszeit genau erlebt?

Ich hatte viel Krafttraining absolviert, dadurch war mein Laufgefühl weg, alles ging extrem schleppend. Ich hatte das Gefühl, ständig einen 180er Puls zu haben und kaum Luft zu bekommen. Das ging so etwa vier, fünf Wochen. Es war extrem schwer, denn viel Geduld bringe ich ohnehin nicht auf.

Der Verzicht auf die Hallensaison war demnach unumgänglich?

Ich habe Hallenwettkämpfe ganz bewusst ausgelassen. Mitte Januar merkte ich, dass mein Leistungsvermögen noch nicht so ist, wie ich es mir vorstelle. Die Grundlagen und die Schnelligkeitsausdauer stimmten nicht, um wirklich schnell laufen zu können. Und ich habe gemerkt, dass ich ziemlich unter Druck stand.

Inwiefern?

Den Druck hatte ich mir selbst gemacht, weil ich lange nicht richtig trainieren konnte. Ich wollte schnell wieder einsteigen. Mit meinem Trainer Wolfgang Heinig bin ich dann übereingekommen, dass ich mich langsam, ordentlich und mit Ruhe an mein Grundlagenniveau heran kämpfen muss. Und nach dieser Entscheidung ging es mir wieder richtig gut. Ich habe jetzt neun sehr, sehr gute Trainingswochen hinter mir, die bei einer Leistungsdiagnostik im Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig bestätigt wurden. Ich habe gespürt, dass ich wieder an Grenzen gehen kann.

Das Gefühl hatten Sie vorher nicht?

Es ist immer schwierig, ins Training für eine neue Saison einzusteigen. Die letzten Wettkämpfe, die ich in Erinnerung hatte, waren die Olympischen Spiele und das Meeting in Zürich. Beide Male hatte ich ein großes Leistungsvermögen. Und dann laufe ich in der Halle ohne Hindernisse vielleicht nur 9:30 Minuten und werde bei den deutschen Meisterschaften Fünfte, Sechste oder Siebte, weil ich noch nicht so weit bin? Und bin sieben Sekunden langsamer als meine Bestzeit mit Hindernissen? Das wäre mental kaum zu machen gewesen. Die hohen Ansprüche von außen hätte ich ausgehalten. Aber ich tue mich leichter, wenn ich mich in einer Form präsentiere, die mich selbst zufriedenstellt. Mein Kopf spielt auch schnell verrückt, wenn ich weiß, dass ich keine guten Leistungen erreichen kann.

Wie läuft Ihr Studium, das Sie an der Accadis-Hochschule in Bad Homburg begonnen haben?


Gesa Krause bei der DM 2012 in Wattenscheid (Foto: Helmut Schaake)

Ich studiere International Business, Marketing und Event-Management. Und anfangs dachte ich: Gesa, das schafft du alles! Auch das volle Pensum. Doch es hat nicht funktioniert. Ich musste zweimal pro Woche zu meinem Physiotherapeuten nach Erbach im Odenwald, ständig zum Arzt, trainieren sowieso. Um Weihnachten herum war ich dann sehr kaputt und wusste: Das war nicht die beste Lösung, der Schuss ist nach hinten losgegangen. Von sechs Prüfungen musste ich zwei verschieben, ich habe sie einfach nicht untergebracht in meinen Tagesablauf. Eine habe ich total versemmelt.

Das klingt nach einem schweren Start ins akademische Umfeld …

Ich musste im Kopf ständig zwischen zwei Welten switchen und überlegen: Trainiere ich jetzt, oder lerne ich für die Prüfungen? Irgendwann im Januar war dann die Luft raus. Drei Monate voll studieren mit bis zu 35 Wochenstunden und Hochleistungssport mit allen Nebenwirkungen - das ging nicht. Letztlich hatte ich an beidem keinen Spaß mehr. Da habe ich beschlossen: Ich will Leistungssport betreiben und ordne alles andere unter. Damit muss ich akzeptieren, dass ich wohl zwei Jahre länger studiere.

Wie hat sich die Doppelbelastung Leistungssport/Studium in der Praxis dargestellt?

Ich bin absolut an Belastungsgrenzen gestoßen. Manchmal habe ich fünf Stunden vor einem Buch gesessen und nur eineinhalb Stunden etwas aufgenommen. Ich fühlte mich ausgebrannt, erkannte mich kaum wieder. Und mit dieser Motivation bin ich dann ins Training. Mein Coach sagt immer: Ich kann schon in deinen Augen sehen, wie Du dich fühlst. Und ich war einfach kaputt und fertig. Es war keine Basis mehr vorhanden für ein erfolgreiches Training. Zum Sommer hin werden wir deshalb mit der Hochschule das persönliche Gespräch suchen. Ich muss weniger Fächer belegen. Es wird eine gute Lösung geben, da bin ich sicher. Meine große Leidenschaft Laufen darf nicht leiden.

Welcher Wochenumfang schwebt Ihnen vor?


Gesa Krause mit Wolfgang Heinig und Nico Sonnenberg (Foto: Benjamin Heller)

Im Moment mache ich ein Praktikum, täglich vier Stunden. Das ist optimal. Es gibt auch Tage, an denen ich gar nicht arbeite. Wenn ich drei Trainingseinheiten am Tag absolviere, tut es gut, sich nach der physiotherapeutischen Behandlung nachmittags eine Stunde ins Bett zu legen. Zwölf bis 15 Wochenstunden an der Uni kann ich gut schaffen.

Sie dachten wirklich, mit 35 Wochenstunden Studium sei Hochleistungssport noch möglich?

Ich wollte im Herbst einfach den ersten Studienbock hinter mich bringen. Es heißt ja immer: In dieser Zeit passiert nicht viel, das ist unspektakulär, kaum jemand bekommt etwas mit. Aber es ist eben doch die trainingsintensivste Zeit. Ich dachte: Okay, Du bist jeden Tag fünf, sechs Stunden an der Universität, dann hast du vorher und nachher genügend Zeit. Die hatte ich auch - aber keine Kraft mehr. Vielleicht musste ich diese Erfahrung machen.

Einen Schritt weiter gedacht: Laufen ist ein Beruf geworden?

Ich habe immer gesagt: Sport ist mein Hobby. Und das Hobby baue ich in meinem Leben so drum herum. Aber es ist jetzt kein Hobby mehr, es ist mein Job. Als Mädchen mit acht bis 13, vielleicht auch 16 Jahren war es wirklich nur Hobby, mittlerweile ist es ein so großer Teil von mir, dass die Herangehensweise anders sein muss. Das musste ich aber erst realisieren und akzeptieren.

Wo soll das Jahr 2013 sportlich hinführen?

Mein großes Ziel ist die U23-Europameisterschaft. Das wird mein letzter großer Jugendwettkampf sein. Da sind noch mehr Spaß und mehr Freude dabei als bei den Erwachsenen. Ich möchte diese Lockerheit noch einmal genießen und einfach, ich sage mal nur gegen Gleichaltrige laufen. Und natürlich meinen Titel verteidigen. Meine ganze Familie wird in Tampere sein und meinen Abschied aus der Jugendklasse genießen. Es wird mein letztes Erlebnis dieser Art sein.

Das klingt wehmütig. Gesa Krause ist erwachsen geworden?

Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften geht es anders zur Sache. Das ist für viele Athleten ein Wow-Erlebnis, aber später einmal auch Routine. Da nehme ich mich, wenn ich es schaffen sollte, in den nächsten Jahren auch mit hinein. Doch sicher ist die WM in Moskau ein ganz großes Ziel, das ich mit Freude angehen werde.

Und der deutsche Rekord?

Das fragen viele. Die 9:18,54 Minuten von Antje Möldner-Schmidt sind eine große Herausforderung. Aber es muss dieses Jahr noch nicht sein. Ich arbeite darauf hin, in einem optimalen Rennen kann ich das schaffen. Mal schauen.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)

 


15.03.2013