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Behrenbruch und Knobel suchen die zweite Chance


Pascal Behrenbruch (Foto: Iris Hensel)

Es lief alles andere als wunschgemäß für die Frankfurter Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch und Jan Felix Knobel beim Traditionsmeeting im österreichischen Götzis. Europameister Behrenbruch machte halblang und beendete den Wettkampf vorzeitig nach fünf Disziplinen, Knobel hatte bereits nach zwei Disziplinen die Reißleine gezogen. Bei widrigen äußeren Bedingungen war er über 100 Meter mit 11,30 Sekunden gestartet, es folgten 6,86 Meter im Weitsprung, dann besprach er sich mit seinem Trainer Jürgen Sammert. Er wolle aussteigen, um Kräfte zu sparen für den entscheidenden WM-Qualifikationswettkampf Mitte Juni in Ratingen, sagte der 24-jährige Architekturstudent. Sammert hatte eine andere Meinung („Ich hätte es so nicht gemacht“), letztlich sei diese Entscheidung aber „Sache des Athleten“. Behrenbruch und Knobel hatten in Götzis keine Chance, 8.200 Punkte zu erreichen, dies ist der Normwert für die WM in Moskau. Deshalb stehen beide jetzt mächtig unter Druck, ihre zweite Chance ist zugleich die letzte.

Und mit Michael Schrader, der unlängst in Ulm ein großartiges Comeback feierte und 8.427 Punkte sammelte, sowie Johannes Hock (beide Bayer Leverkusen/8.293 Punkte) haben zwei deutsche Zehnkämpfer bereits vorgelegt. Weitere Konkurrenten sind der Olympiasechste Rico Freimuth (Halle) und Kai Kaczmirek (LG Rhein-Wied).

Sammert hadert. Mit dem miserablen Mai-Wetter und seiner Planung, die neue Akzente setzen sollte. Mit fünf Wettkämpfen in Einzeldisziplinen sollte sich Knobel in Form bringen; für Götzis Stabilität, Sicherheit und Selbstvertrauen aufbauen. Doch in Wehrheim herrschten ebenso nur acht Grad wie in Kirberg, wo es zudem noch regnete. Und so reiste Knobel verunsichert nach Götzis. „Die Leistungen im Vorfeld waren nicht so, wie Jan sie erwartet hatte“, sagt Sammert. Anders gesagt: Zwischen dem, was Knobel kann und seinen Ergebnissen gab es zuviel Spielraum. „Er hat nicht gefühlt, was er draufhat“, sagt Sammert. Und als sich das Wetter im Vorarlberg dauerhaft unfreundlich bis schauderhaft präsentierte, war der Zehnkampf eigentlich schon vorbei, bevor er begonnen hatte. „Jan hat sich nicht bereit gefühlt, bei diesen Bedingungen einen guten Zehnkampf zu machen. Jetzt muss er sich im Kopf stabilisieren.“

Die Bestleistung von Knobel liegt bei 8.288 Punkten, erzielt im Jahr 2011. Denkbar, dass er in Ratingen einen neuen persönlichen Rekord aufstellen muss, um eine WM-Chance zu haben. Der Weg dorthin könnte am nächsten Wochenende über weitere Einzelstarts bei den Hessenmeisterschaften in Bad Homburg führen. „Wir hoffen auf Sonne und Wärme“, sagt Sammert. Bis Ratingen sind es dann noch zwei Wochen. Dort qualifizierte sich Knobel bereits im Vorjahr für die Olympischen Spiele, in London war er dann aber müde und ausgepowert.

Wie komme ich zur WM? Diese Frage stellte sich in Götzis auch der 28 Jahre alte Behrenbruch. Und stieg am zweiten Tag auf Anraten seines Trainers Andrej Nazarov nicht mehr in den Startblock. Bei normalem Verlauf hätte der gebürtige Offenbacher womöglich 8.000 Punkte erreicht, was angesichts seiner Bestleistung (8.558/2012) ein rechter Tiefschlag gewesen wäre. Im April-Trainingslager in Florida hatte Behrenbruch wegen einer Grippe zehn Tage Antibiotika eingenommen, womöglich war dies ein Grund für seine Formschwäche. „Da habe ich viel verloren.“ Nun steht auch für ihn die letzte Ausfahrt Ratingen auf dem Programm. Angesichts der spannenden Konstellation in etwas mehr als zwei Wochen spricht der Leitende Mehrkampf-Bundestrainer Claus Marek schon pathetisch von „großem Sport“.


Jan Felix Knobel (Foto: Iris Hensel)

Die Betrachtungsweise von Sammert ist anders. Seiner Meinung nach ist die Leistung von Hock Anfang Mai in Waco (Texas), wo sich der deutsche U23-Zehnkampfmeister um mehr als 400 Punkte gesteigert hatte, kein ernsthaft zu vergleichender Wert. Zum einen, weil es sich nicht um einen sogenannten Normwettkampf gehandelt habe, die stets vor Saisonbeginn festgelegt werden. Insofern versteht der Trainer nicht, warum davon geschrieben wird, dass Hock die WM-Norm erfüllt habe. „Wenn das wirklich so sein sollte, brauchen wir keine Richtlinien mehr.“

Der zweite Argumentationsstrang von Sammert, die unterschiedlichen äußeren Bedingungen, ist nachvollziehbar, aber letztlich nur Glück oder Pech. Hock hatte Sonne, etwa 30 Grad Celsius und bei seinem besten Weitsprung (7,46 Meter) Rückenwind von 3,7 Metern pro Sekunde; Knobel und Behrenbruch in Götzis zeitweise nur acht Grad, Regen und etwa 1,5 Meter pro Sekunde Gegenwind. Thomas Kurschilgen, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, teilte dem jungen Aufsteiger Hock bereits mit: „Wir werden Ihre in Waco erbrachte Zehnkampfleistung sowie Ihre weiteren Zehnkampfergebnisse in 2013 gemäß den Nominierungsrichtlinien in unsere Nominierungsentscheidungen einbeziehen.“ Richtig spannend könnte es werden, sollten andere deutsche Zehnkämpfer in Ratingen über der WM-Norm, aber unterhalb der Hockschen Punktzahl abschließen. „Ich kann mir vorstellen, dass dann Athleten klagen werden“, sagt Sammert.

Uwe Martin

 


29.05.2013