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Punktlandung oder WM-Aus?


Pascal Behrenbruch (Foto: Iris Hensel)

Beim Blick auf die jüngsten Äußerungen erinnert man sich ein wenig an das Ballyhoo zwischen Daley Thompson (Großbritannien) und Jürgen Hingsen in den achtziger Jahren. Die Zehnkampfheroen inszenierten regelmäßig mediales Pingpong, doch unter die Gürtellinie ging es nie. „Hollywood Hingsen“, nannte der zweimalige Olympiasieger, zweimalige Europameister und Weltmeister seinen Konkurrenten aus Duisburg einst. Was zumindest teilweise der Wahrheit entsprach. Denn Thompson gewann alles - Hingsen keinen einzigen internationalen Titel. Einen Hang zur Selbstinszenierung hat auch Pascal Behrenbruch aus Frankfurt, Hingsen aber zumindest eines voraus: Der 28-Jährige ist bereits Zehnkampf-Europameister, im vergangenen Jahr gewann er den Titel mit persönlichem Rekord von 8.558 Punkten. Behrenbruch ist optischen Vergleichen mit dem Schauspieler Dolph Lundgren nicht abgeneigt, gerne zieht er den Oberkörper blank und zeigt sein ausgeprägtes Sixpack.

Doch das zählt nichts, wenn er an diesem Wochenende in Ratingen seine zweite und letzte Chance wahrnimmt, sich für die Weltmeisterschaften Mitte August in Moskau zu qualifizieren. Vor drei Wochen war Behrenbruch beim Meeting in Götzis vorzeitig ausgestiegen, was seinen Konkurrenten Michael Schrader aus Leverkusen zu der Bemerkung veranlasst haben soll, Behrenbruch habe keine „keine Eier in der Hose“. In einem Interview legte der Weltjahresbeste Schrader (8.427 Punkte) nochmals dezent nach. Er traue Behrenbruch die WM-Norm von 8.200 Punkten zu. Mehr nicht. „Seine Form sah in Götzis nicht gerade blendend aus.“

Behrenbruch hat sich zwei Wochen in Tallinn auf den Showdown am Niederrhein vorbereitet, die Stadt in Estland ist seit achtzehn Monaten seine zweite Heimat. Im April hatte er während eines Trainingslagers in den Vereinigten Staaten zehn Tage Antibiotika genommen, konnte nur eingeschränkt trainieren, die Form passte nicht. Deshalb war Behrenbruch am zweiten Götzis-Tag nicht mehr angetreten. Kräfte schonen, sammeln, neue Motivation finden. Was anscheinend gut gelungen ist. In Tallinn lief er die 110 Meter Hürden in 14,23 Sekunden bei regulären Windverhältnissen, stieg die Kugel mit 16,69 Meter so weit wie noch selten, wechselte im Weitsprung das Absprungbein von rechts auf links. Und erzielte mit 7,20 Meter ein gutes Resultat. „Mit rechts war ich noch nie eine Sprungfeder. Jetzt spüre ich einen Katapulteffekt.“ Schon einmal, vor vier Jahren, hatte er das Sprungbein gewechselt, seinerzeit hielt sein linker Fuß den Belastungen jedoch nicht stand. „Die Ergebnisse stimmen“, sagt Behrenbruch. „Ich habe mehr Energie und Angriffslust als in Götzis.“

Schrader wird in Ratingen nur auf der Tribüne sitzen und zusehen. Er ist so gut wie gesetzt für die WM. Kaum vorstellbar, dass ihn drei andere Deutsche noch übertreffen. Aber das offizielle Verbandslimit ist für einige möglich. Für den Olympiasechsten Rico Freimuth aus Halle, einen Trainingskollegen von Schrader, für Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) - und für den 24 Jahre alten Olympiateilnehmer Jan Felix Knobel (LG Eintracht Frankfurt). Auch der Architekturstudent hatte den Wettkampf in Götzis abgebrochen, bereits nach zwei Disziplinen. Und sich anschließend bei den Hessenmeisterschaften im Diskuswerfen (50,87 Meter) in persönlicher Rekordlaune präsentiert. Knobel hat eine Zehnkampf-Bestleistung von 8.288 Punkten. Was zur Frage aller Fragen führt: Wie viele Punkte werden ungefähr nötig sein, um sich einen der mutmaßlich zwei verbliebenen WM-Startplätze zu sichern?

„Es kommt nicht soweit, dass alle durchziehen“, meint Behrenbruch ausweichend. Entscheidend sei, wer „die stärkste Birne“ habe. „Es läuft alles im Kopf ab.“ Doch der Frankfurter räumt ein: „Ich stehe mit dem Rücken zur Wand.“ Anders gesagt: Patzt er in Götzis, waren mehr als sechs Monate hartes Training mehr oder weniger umsonst. Dann ist die Saison verpatzt. So hart sind die Gesetzmäßigkeiten im deutschen Zehnkampf. Es gibt jedes Jahr maximal zwei Chancen, um sich für die jeweiligen internationalen Großereignisse zu qualifizieren. Punktlandung oder WM-Aus. „Ich habe zu 95 Prozent mein Niveau vom EM-Titel in Helsinki“, sagt Behrenbruch. „In Götzis waren es vielleicht nur 75 Prozent.“

Uwe Martin

 


14.06.2013