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Claudia Rath auf der Schwelle zur Weltklasse


Claudia Rath und Jürgen Sammert (Foto: Iris Hensel)

Natürlich ist Jürgen Sammert zufrieden. Schließlich hatte sich Claudia Rath mit 6317 Punkten und dem zweiten Platz beim Meeting in Ratingen souverän für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften Mitte August in Moskau qualifiziert. Da gibt es nichts zu meckern. „Das war schon ein sehr guter Wettkampf.“ Mit einer persönlichen Bestleistung gleich zu Beginn über 100 Meter Hürden in 13,46 Sekunden, und auch den zweiten Tag begann Claudia Rath mit einem Hausrekord: 6,50 Meter im Weitsprung. Dass sie im Regelfall die schnellste 800-Meter-Läuferin ist, wurde auch in Ratingen deutlich: 2:08,68 Minuten sind eine Zeit besonderer Güte für eine Mehrkämpferin. Die Olympiaachte über 3000 Meter Hindernis, Gesa Krause, war zeitgleich bei den deutschen U23-Meisterschaften nur wenig mehr als zwei Sekunden schneller. „Ja“, sagt der 57-jährige Sammert. "Aber es gibt schon Disziplinen mit Möglichkeiten.“

Im Hochsprung blieb Claudia Rath mit 1,75 Meter sieben Zentimeter unter ihrer Bestleistung, im Kugelstoßen (12,97 Meter) und im Speerwerfen (40,30 Meter) im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Und die sind mit diesen Gerätschaften recht begrenzt. Sammert sieht trotzdem Potential für noch mehr Punkte - vielleicht schon bei der ersten WM-Teilnahme. „6400 Punkte sind möglich. Claudia kann sich bei den Saisonhöhepunkten immer sehr gut mobilisieren.“ Die Frankfurterin ist endlich auf der Schwelle zur absoluten Weltklasse angekommen, nachdem sie Jahr für Jahr Fortschritte gemacht hat. Wenngleich nicht immer sprunghafte.

Als Sammert vor sechs Jahren die Betreuung übernahm, hatte die damals 21-jährige Siebenkämpferin 5274 Punkte erreicht. Weiter ging es über 5697 Punkte (2008), 5941 Punkte (2009), vor drei Jahren folgte der erste 6000er-Wettkampf (6107), als EM-Siebte kam Claudia Rath im Vorjahr auf 6210 Punkte. „Eine große Werferin wird sie nicht mehr“, sagt Sammert. Und wenn er sagt, dass seine Athletin im Kugelstoßen und Speerwerfen „ein bisschen in ihrer Entwicklung stehen geblieben“ sei, ist in diesem Satz auch Selbstkritik versteckt. Es gebe durchaus Fortschritte, „aber in engen Grenzen“. Bei ihrem Rekord-Siebenkampf im Jahr 2007 schlug die Kugel bereits bei 10,73 Meter auf - jetzt sind es im Schnitt zwei Meter mehr. Doch vom Niveau der aktuell besten Deutschen, Julia Mächtig vom SC Neubrandenburg (6430 Punkte), ist die Hessin weit entfernt. Die Konkurrentin machte mit ihrem Stoß auf 15,79 Meter in Ratingen fast 200 Punkte gut.

Julia Mächtig, Claudia Rath und Kira Biesenbach aus Leverkusen, die sich in Ratingen auf 6137 Punkte verbesserte, bilden das deutsche Siebenkampf-Trio in Moskau. Und obwohl alle drei noch ein gutes Stück entfernt sind von den Leistungen der beiden Besten der vergangenen Jahre - der WM-Dritten Jennifer Oeser aus Leverkusen (6683 Punkte) sowie der Olympiazweiten Lilli Schwarzkopf (LG Rhein-Wied/6649 Punkte) - die Chancen auf eine Platzierung im WM-Vorderfeld sind zumindest für Julia Mächtig und Claudia Rath gar nicht schlecht. Sammert jedenfalls ist optimistisch. Wenn seine Athletin nur endlich mal wieder richtig gut hochspringen würde; eine, vielleicht zwei Höhen besser als in Ratingen, knapp über 1,80 Meter. Dann wären die 6400 Punkte bereits in greifbarer Nähe. Doch es wuppt derzeit nicht im Vertikalsprung, ähnlich wie Claudia Rath in der Hallensaison im Weitsprung „ein Loch bei 6,20 Meter“ hatte. So jedenfalls lautete ihre Selbsteinschätzung nach einigen Wettkämpfen mit beinahe identischen Leistungen.

Man tut Claudia Rath Unrecht, würde man ihr WM-Debüt allein den verletzungsbedingten Auszeiten von Jennifer Oeser und Lilli Schwarzkopf zuschreiben. „Wenn sie sich weiter so entwickelt, ist es auch für Jennifer schwer, an Claudia vorbeizukommen“, sagt Sammert. Das klingt nach 6500 Punkten im nächsten Jahr und schon beinahe wie eine Kampfansage, was für den bescheidenen und zurückhaltenden Trainer eher ungewöhnlich ist. Wann und in welcher Form Lilli Schwarzkopf (Achillessehnenriss) und Jennifer Oeser (zwei Operationen wegen Waden-, Achillessehnen- und Fersenschmerzen) wieder in die Wettkampfszene einsteigen, ist ungewiss. Gut möglich, dass die Karten im nächsten Sommer komplett neu gemischt werden. Dass bisweilen nach einer schweren Verletzung das Comeback auch unerwartet negativ verlaufen kann, kennt Sammert von seinem Nils, der mit 17 Jahren 7,76 Meter weit sprang, sich dann einen Kreuzbandriss zuzog und nach drei, vier erfolglosen Jahren seine Karriere beendete.

Uwe Martin

 


20.06.2013