Sponsoren HLV Logo

Lisa Mayer startet durch


Lisa Mayer (Foto: Benjamin Heller)

Die junge Dame ist schnell, sehr schnell. 11,63 Sekunden über 100 Meter, 24,07 Sekunden über 200 Meter (mit unzulässigem Rückenwind sogar 23,97) - und das mit gerademal 17 Jahren. Keine Frage: Lisa Mayer ist derzeit das hessische Sprinttalent schlechthin. Beinahe im Vorbeilaufen hat die Gymnasiastin bei den Süddeutschen Meisterschaften die U18-Titel über beide Sprintstrecken gewonnen; erfolgreich war sie zudem mit der 4x100-Meter-Staffel der LG Langgöns/Oberkleen. LG - was? Eine durchaus berechtigte Frage. Die erwähnte Leichtathletik-Gemeinschaft hat zuletzt vor etwa 25 Jahren für Schlagzeilen gesorgt, genauer Charles Friedek, dessen internationale Karriere als Dreispringer in Mittelhessen begann. Und jetzt startet Lisa Mayer durch. Denn mit ihren Zeiten ist sie nicht mehr weit entfernt von den hessischen Bestleistungen der unter Achtzehnjährigen, wobei insbesondere der 200-Meter-Rekord eine Betrachtung wert ist. Der stammt nämlich aus dem Jahr 1975 (!), damals lief Dagmar Schenten von der LG Frankfurt 23,89 Sekunden. „Ich hoffe, dass sie diesen Rekord knackt“, sagt ihr Trainer Rainer Finkernagel. „Aber wir wollen nicht unter allen Umständen an die Leistungsgrenze heran.“

Finkernagel, ein 62-jähriger Bankkaufmann in Altersteilzeit, betreut Lisa Mayer als Heimtrainer gemeinsam mit Klaus Sommerlad. Finkernagel ist seit 42 Jahren Trainer und Leichtathletik-Abteilungsleiter des TSV Oberkleen, in dem Ortsteil von Langgöns wohnt er auch, die Sprinterin ist 2,5 Kilometer entfernt in Niederkleen beheimatet. Und Finkernagel erinnert sich noch genau, wie alles angefangen hat. „Eine Freundin hatte Lisa mit ins Training gebracht.“ Das war im Winter 2007/2008, und wenig später fragte sich Finkernagel: „Wer bewegt sich da so traumhaft leicht durch die Halle?“ Für den ersten Wettkampf bedurfte es aber einiger Überredungskunst, denn die Eltern von Lisa Mayer hatten zeitgleich eine Einladung zum Mittagessen - und die Tochter sollte mit. Gelaufen ist sie dann schließlich doch, im März 2008 gewann Lisa Mayer die Waldlauf-Kreismeisterschaften. „Anschließend haben wir so ziemlich alle Disziplinen durchprobiert. Was gar nicht ging, war Werfen.“

Knapp fünfeinhalb Jahre nach dem Wettkampfeinstieg wurde Lisa Mayer für die U18-Weltmeisterschaften in Donetsk (Ukraine/10. bis 14. Juli) nominiert, dort startet sie über 200 Meter. Ein weiterer, schon seit längerem geplanter Saisonhöhepunkt sind die deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock (26. bis 28. Juli). „Dort möchte ich eine Medaille gewinnen“, sagt sie. Nicht wenige sind überrascht von ihrem Leistungssprung, schließlich stand sie im Vorjahr mit 12,15 und 24,92 Sekunden in den Bestenlisten. „Manchmal geht es auch mir ein bisschen zu schnell“, sagt Finkernagel. „Mit diesen Zeiten haben wir nicht gerechnet.“ Auch vor dem Hintergrund, dass seine Athletin im Sommer 2012 mit wachstumsbedingten Verletzungen zu kämpfen hatte.


Lisa Mayer bei den hessischen Meisterschaften in Bad Homburg (Foto: Benjamin Heller

Der Aufstieg von Lisa Mayer in die deutsche Spitzenklasse - über 100 und 200 Meter ist die Mittelhessin jeweils Zweite der U18-Bestenliste - zeigt exemplarisch, welch logistischer Aufwand für eine solche Entwicklung betrieben werden muss. Im Winter hatte Finkernagel die Sprinterin jeweils donnerstags und samstags nach Frankfurt-Kalbach zum Training in die Stützpunkthalle gefahren; in Langgöns und speziell in Oberkleen wegen der örtlichen Drittliga-Handballmannschaft sind die Kapazitäten arg begrenzt. „Wir haben zuhause schlechte Trainingsbedingungen“, sagt Finkernagel. Auch im Stadion Langgöns, wo noch auf Asche geübt wird. Der Kampf um einen Kunststoffbelag dauert bereits ein Vierteljahrhundert. Und dies alles in einem Umfeld, das in der Leichtathletik vom LAZ Gießen und der LG Wetzlar dominiert wird; traditionell ist in Mittelhessen ohnehin der Handballsport fester verwurzelt.

Jetzt ist die Leichtathletik in der Region um die 25-köpfige Trainingsgruppe mit Lisa Mayer stärker in den Fokus gerückt. Begleiterscheinungen inklusive. „Auf einmal hat man sehr viele Freunde“, sagt Finkernagel. „Die Zahl der Schulterklopfer hat zugenommen.“ Er hat das Gefühl, dass sich einige aktive Szenekenner „einmischen wollen“. Darunter auch Personen, die ihm als C-Trainer gute Ratschläge und Tipps geben und aufzeigen möchten, wie es noch besser geht, was gut und was schlecht ist für Lisa Mayer. Mit dieser neuen Erfahrung geht es in die nächsten Wochen, dabei steht eines ohnehin über allem. „Die Schule ist wichtiger als der Sport.“ Schließlich stehen im Frühjahr 2014 am Butzbacher Weidig-Gymnasium die Abiturprüfungen an.

Uwe Martin

 


04.07.2013