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Behrenbruch auf dem Sprung nach Sopot


Pascal Behrenbruch (Foto: IRIS)

Am Mittwochmorgen ging’s los, zwei Tage später beginnt im Ostseebad Sopot (Polen) die Hallen-Weltmeisterschaft der Leichtathleten. Und Pascal Behrenbruch ist dabei - was noch vor einigen Wochen so nicht auf seinem Plan stand. Denn für die Mehrkämpfer gilt ein recht kompliziertes Auswahlverfahren. Von den acht Startplätzen wurden drei an die punktbesten Zehnkämpfer des Jahres 2013 vergeben, hinzu kamen die drei Besten der aktuellen Weltbestenliste im Hallen-Siebenkampf sowie der vorjährige Sieger der sogenannten Zehnkampf-Challenge. Der letzte freie Platz ergibt sich über eine Einladung des Weltverbandes, die Wildcard ist dem deutschen Meister im Hallen-Siebenkampf, Kai Kazmirek, zugeteilt worden. Behrenbruch war zunächst gar nicht vorgesehen, denn als Dritter der Weltbestenliste 2013 hatte der Europameister einen Standortnachteil. Direkt vor ihm ist Michael Schrader platziert - 8.670 Punkten standen 8.514 Punkte gegenüber - und nur ein Deutscher konnte über dieses Tool nominiert werden. Dann sagte Schrader verletzt ab, Behrenbruch rückte nach.

Wenn aus Zehnkämpfern in der Halle Siebenkämpfer werden, ist alles nicht so einfach, und mancher Laie fragt sich vielleicht auch, welche Disziplinen überhaupt übrig bleiben. Gestrichen werden die 400 Meter, Diskus- und Speerwurf; statt 1.500 Meter werden zum Abschluss nur 1.000 Meter gelaufen und natürlich sind Sprint und Hürdensprint verkürzt von 100 auf 60 Meter. In der Summe ergibt sich eine Disziplinkombination, die dem wurfstarken 29-jährigen Europameister Behrenbruch von der LG Eintracht Frankfurt nicht unbedingt zuträglich ist. „Ich habe die Halle noch nie sonderlich ernst genommen“, sagt er. 2012, nach seinem Wechsel zu Trainer Andrej Nazarow, hatte er in seiner Trainingsstätte in Tallinn (Estland) Wettkämpfe in Einzeldisziplinen absolviert - aber einen Siebenkampf unterm Hallendach? 2006 müsste das gewesen sein, meint er, das seinerzeitige Youngster-Ergebnis waren zirka 5.600 Punkte. „Hundsmiserabel“, findet Behrenbruch heute. Zum Vergleich: Zehnkampf-Weltrekordhalter und Olympiasieger Ashton Eaton aus Amerika ist auch im Siebenkampf global der Beste mit 6.645 Punkten, Kazmirek sammelte bislang 6.083 Punkte. Weltjahresbester ist der Niederländer Eelco Sintnicolaas (6.242 Punkte).


Behrenbruch in Talence 2013 (Foto: IRIS)

Behrenbruch liegt auf dem Balkon in der Sonne und kuriert sich aus. In der vergangenen Woche war er beim Hochsprungtraining mit dem Kopf an den Ständer geprallt, die zirka zwei Zentimeter lange Wunde musste genäht werden. Und als sich noch eine Erkältung ankündigte, flog er früher als geplant von Tallinn zurück nach Frankfurt. „Ich werde alles geben“, verspricht er. Sein Ziel: 6.000 Punkte. Was er damit erreichen kann? Eaton wird nach allgemeiner Einschätzung nicht nur der dritte Titel bei der Hallen-WM in Folge, sondern sogar ein neuer Weltrekord zugetraut; Kazmirek ist gut in Form, ebenso Sintnicolaas und der Belgier Thomas van der Plaetsen. „Der Siebenkampf verzeiht dir nichts“, sagt Behrenbruch. Ein kleiner Patzer - und alle Chancen sind dahin. Auch in punkto Geldprämien, die gestaffelt sind von 30.000 bis 6.000 US Dollar für die Plätze eins bis sechs. Es gibt also einen finanziellen Anreiz, und Behrenbruch macht aus dieser Verlockung und Notwendigkeit kein Geheimnis. Er ist Profi, muss sich finanzieren. Was mit ein Grund war, warum er vor einem Jahr auf die Hallen-Europameisterschaft verzichtete. Dort gab es nämlich nur sportlich etwas zu gewinnen.

Behrenbruch, vor zwei Jahren umjubelter Zehnkampf-Europameister mit persönlicher Bestleistung von 8.558 Punkten, hat im vergangenen August etwas Zeit gebraucht, um seine enttäuschen elften Platz bei der WM (8.316 Punkte) zu verarbeiten. „Ich habe im Urlaub in Bangkok am Strand gelegen und mich gefragt: Wie motiviere ich mich?“ Die Antwort: „Ich möchte meinen EM-Titel verteidigen.“ Das wäre im Sommer in Zürich. Doch der Weg dorthin könnte beschwerlich werden. Dem WM-Zweiten Schrader wird laut Behrenbruch beim ersten Qualifikations-Meeting in Götzis (Österreich) nämlich nur eine Art Leistungsnachweis abverlangt. Ist der Topathlet des SC Hessen Dreieich gesund, ist er quasi gesetzt. Womit nur noch zwei WM-Plätze für vier andere deutsche Kandidaten blieben: Behrenbruch, seinen Frankfurter Vereinskollegen Jan Felix Knobel, Rico Freimuth (Halle) und Kazmirek (LG Rhein-Wied). „Bei der EM nicht dabei zu sein, wäre ein Horrorszenario“, sagt Behrenbruch. „Und ich träume von einem Zehnkampf, bei dem von der ersten bis zur letzten Disziplin alles komplett läuft. Das hatte ich seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr.“

Uwe Martin

 


04.03.2014