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Marcin Blazinski - einfach mal weg


Marcin Blazinski 2013 in Düsseldorf (Foto: Wilhelmi)

Es ist ein Jahr her, dass Marcin Blazinski ein recht hoch gehandeltes Thema war im nationalen Langstreckenlauf. Vor dem Düsseldorf-Marathon hatte der Deutsch-Pole eine Zeit zwischen 2:11 und 2:13 Stunden angekündigt, und wenn es nach 42,195 Kilometern auch nur 2:14:45 Stunden wurden - Blazinski war deutsche Jahresbestzeit gelaufen und somit eine Hoffnung für die EM in Zürich, die Mitte August 2014 stattfindet. Über seinen Verein Eintracht Frankfurt hatte Blazinski temporär in der Sportschule des Landessportbundes eine Bleibe gefunden, man sprach recht intensiv über eine weiterführende Integration. Doch als Blazinski Ende September beim Berlin-Marathon als 23. nach enttäuschenden 2:17:53 Stunden finishte, hatte er sich schon wieder in sein Heimatland Polen zurückgezogen. Enttäuscht und frisch verheiratet. Mittlerweile erwartet seine Frau ein Kind. In den B-Kader des DLV aufgenommen wurde er seinerzeit dennoch. Wolfgang Heinig, Leitender Bundestrainer Langstrecke/Marathon, setzte auf ihn. Bis vor drei Wochen. Da flog Blazinski aus dem B-Kader, womit seine Karriere im Deutschland-Trikot vorbei sein dürfte, bevor sie begonnen hat.

DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen bestätigt die Maßnahme und sagt: „Wir hatten seit dem Jahreswechsel so gut wie keine Kommunikation mehr. Und eine Kaderzugehörigkeit ohne Kommunikation macht keinen Sinn.“ Blazinski war einfach weg. In der Stadt Lubieniec, 200 Kilometer entfernt von der polnischen Hauptstadt Warschau. „Wir haben auf unsere E-Mails so gut wie keine Rückmeldung bekommen“, sagt Kurschilgen. DLV-Disziplintrainerin Katrin Dörre-Heinig berichtet von mehreren erfolglosen Telefonanrufen. Tenor: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Bei Blazinski und dessen Manager Henryk Paskal. “Es gab keine Zusammenarbeit“, sagt Katrin Dörre-Heinig. Unlängst ist der 25-jährige Blazinski beim Marathon in Lodz (Polen) am Start gewesen, das Ziel erreichte er als Achter nach 2:17:31 Stunden. Der Mann mit den zwei Pässen macht sportlich keine Fortschritte mehr.

In Deutschland zurück bleibt ziemliche Ratlosigkeit. „Wir können nicht einmal Gründe nennen, warum wir nicht mehr mit ihm kommunizieren können“, meint Kurschilgen. Die angestrebte Integration, sagt er, habe sich nicht realisieren lassen. Christoph Kopp, bei den Marathon-Veranstaltungen in Frankfurt, Düsseldorf und Hannover für die Elite-Startfelder verantwortlich, bestätigt, dass der Läufer weiterhin kaum Deutsch spreche. „Ich denke, das Ganze war ein großes Kommunikationsproblem“, glaubt Kopp. Womöglich auch ein Missverständnis in punkto Versprechungen, Erwartungen, Hilfestellungen.

In letzter Konsequenz wurde sogar ein Verbandsthema daraus. Denn Blazinski hat laut Kurschilgen seine sogenannte Quartalsmeldung (Kontrollplanung über die Aufenthaltsorte) für die Monate Januar bis März 2014 nicht bis spätestens 25. Dezember 2013 bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) eingereicht. Dies sei dem DLV von der Nada bestätigt worden. Die Folge war ein Strike, eine Verwarnung, bei deren drei würde der Athlet für ein Jahr gesperrt. Nur als Gerücht kursiert, dass Blazinski bei zwei Dopingkontrollen nicht angetroffen worden ist. Dies wären die Strikes zwei und drei. „Ob Kontrollversäumnisse vorliegen, darüber werden wir von der Nada nicht informiert“, sagt Kurschilgen. Es bleibt also derzeit offen, ob bei Blazinski nicht nur die Integration in den deutschen Hochleistungssport gescheitert ist.


Martin Blazinski (Foto: Wilhelmi)

Anita Wieczorek ist die Schwester von Blazinski. 24 Jahre alt, Mutter zweier Kinder, sie wohnt in Rastatt bei Karlsruhe. Auf die Frage, warum ihr Bruder Deutschland verlassen habe, antwortet sie: „Er hatte keine Sponsoren und kein Geld und hat gesagt, dass ihm hier niemand hilft.“ Eine wesentliche Rolle in diesem Zusammenhang spielt Wolfram Tröger, Leichtathletik-Abteilungsleiter von Eintracht Frankfurt. Ebenso wie die deutsche Marathon-Rekordhalterin Irina Mikitenko hatte er Blazinski im Jahr 2013 verpflichtet. Der Unterschied: Irina Mikitenko ist Lauf-Millionärin, Blazinski stand seinerzeit vor dem Nichts. „Wir haben ihm mehrmals verdeutlicht, welche Möglichkeiten er in Deutschland hat, wenn er sich sprachlich integriert“, sagt Tröger. Dies sei die Auflage des Klubs gewesen. Doch passiert sei nichts. So gut wie nichts. Auch aus „finanziellen Gründen“ (Tröger) habe sich Eintracht Frankfurt dann im vergangenen Sommer entschieden, das Vor-Ort-Projekt zu beenden. „Marcin sollte seine Deutschkenntnisse im heimischen Umfeld weiter entwickeln.“ Letztmals Kontakt per E-Mail habe er mit dem Läufer im November 2013 gehabt.

Womöglich muss Blazinski eine ziemliche Unkenntnis des deutschen Sportsystems zugeschrieben werden; doch sein Verein tat auch nichts, um eine finanzielle Grundsicherung zu gewährleisten. Die ihm angebotene Wohnung hätte er nicht bezahlen können, seine Schwester ihm bis auf einen kleinen Betrag auch nicht weiterhelfen können. „Man hat ihm in Deutschland keine Chance gegeben“, sagt Anita Wieczorek. Und wiederum im Gegensatz zu Irina Mikitenko hat Blazinski - zweitschnellster deutscher Marathonläufer des Jahres 2013 und Zweiter der Crossmeisterschaften 2012 - keinen Cent Unterstützung von Eintracht Frankfurt gesehen. Was der Traditionsverein übernommen hat: die Kosten für den Kurzzeit-Aufenthalt in der LSB-Sportschule.

In der Summe etwa 5.000 Euro hat Blazinski im Jahr 2013 in den Marathonstädten Düsseldorf und Berlin laufend verdient, und als sein Manager laut Anita Wieczorek bei Eintracht Frankfurt einmal anfragte, ob eine Klubförderung möglich sei, soll die Antwort gelautet haben: „Wir haben kein Geld.“ Und sie sagt auch: „Marcin möchte immer noch für Deutschland laufen.“

Uwe Martin

 


24.04.2014