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Nicht nachdenken, werfen


Seit 11 Jahren Hammerwerferin: Carolin Paesler (Foto: IRIS)

Abgeschiedenheit und Schlichtheit spornen so manchen zu Höchstleistungen an. So geschehen bei Gewichtheber Matthias Steiner und Hammerwerferin Betty Heidler. Beide trainierten schon auf dem knapp 1.400 Meter hohen Herzogenhorn im Schwarzwald – und wurden danach Olympiasieger (Steiner/2008) beziehungsweise Weltmeisterin (Heidler/2007). Die Weltrekordhalterin (79,42 Meter) und Weltjahresbeste (78,00) und ihr Trainer Michael Deyhle haben vor den 114. Deutschen Meisterschaften in Ulm (25. bis 27. Juli) wieder Quartier auf dem Herzogenhorn bezogen. Und mit ihnen Carolin Paesler, seit 2013 im Eintracht-Trikot und drauf und dran als dritte Frankfurter Hammerwerferin hinter Kathrin Klaas (74,62) auf den EM-Zug nach Zürich (Schweiz/12. bis 17. August) zu springen.


Noch liegt die 23-Jährige knapp unter der vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) geforderten 1. Norm für Zürich. Die steht bei 70,80 Metern. Am 27. Juni in Schönebeck fehlten Carolin Paesler mit 70,76 Metern ganze vier Zentimetern zur sicheren EM-Teilnahme. Es wäre Paeslers erster internationaler Einsatz bei den Frauen.

Bei der U20-WM 2008 (Platz elf) und der U20-EM 2009 als Siebte trug die Sportsoldatin bereits das Nationaltrikot. 2014 hat Carolin Paesler ihre Bestweite um über zwei Meter verbessert und sieben der zehn besten Wettkämpfe ihrer jungen Karriere absolviert. Die Durchschnittsweite ihrer acht Wettkämpfe liegt bei knapp 67,71 Metern. Ihr weitester Wurf 2013 war nicht einmal einen Meter weiter (68,63).

Mit dieser Leistungsentwicklung, befeuert durch das gemeinsame Training mit Betty Heidler seit Herbst 2012, haben sich auch Carolin Paeslers Ansprüche nach oben verschoben. "Konstante 68er-Weiten kann und will ich immer werfen. Aber mittlerweile messe ich mich an den 70 Metern." Im Ulmer Donaustadion will Paesler die vor etwas mehr als einem Jahr an gleicher Stelle errungene Bronzemedaille "bestätigen und weit werfen". Eine konkrete Weite aber nimmt sich die gebürtige Halberstädterin nicht vor. Damit folgt sie einer Einstellung, die schon in Schönebeck fruchtete. "Ich war überzeugt, dass ich über 70 Meter werfen kann. Ich war locker. Ich war gut drauf. Und als ich in den Ring gestiegen bin, habe ich nicht nachgedacht, wollte einfach nur werfen und Spaß haben."

"Ich war voller Adrenalin"

Carolin Paesler erlebte das, was Psychologen den Flow nennen, diesen Zustand der Euphorie und Mühelosigkeit, Konzentration und Harmonie. Das Ergebnis waren 70,56 Meter im ersten und 70,76 Meter im zweiten Versuch. Zwei Bestleistungen in Serie. Carolin Paesler zitterte am ganzen Körper. "Ich war voller Adrenalin. Danach ist eine unheimliche Spannung von mir abgefallen." Trotzdem gelangen ihr noch drei weitere Würfe jenseits der 69 Meter, die vom DLV als 2. EM-Norm oder "Stabilisationsleistung" festgelegt sind.

Nach ihrem "bisher besten Wettkampf" (Paesler) hat Michael Deyhle für seine Athletin einen kompletten Aufbauzyklus konzipiert, ähnlich dem Training im Herbst. Mit hohen Wiederholungsserien im Kraftraum und Würfen mit dem 9-Kilo-Hammer, um Schnelligkeit sowie athletische und koordinative Fähigkeiten "auf das Gerät zu übertragen", wie es in der Hammerwurf-Sprache heißt. Und um die mentale Stärke zu fördern. "Ich muss meinem Körper vertrauen können. Nur dann kann ich auch weit werfen", so Carolin Paesler.

Auf dem Herzogenhorn hat in den Tagen vor Ulm der Fokus auf "kleinen Reizen in den Bereichen Technik und Schnelligkeit" gelegen, so Deyhle, in Personalunion Heim- und Bundestrainer von Betty Heidler und Carolin Paesler. "Danach sollen sich Betty und Carolin gut regenerieren, damit sie in Ulm locker und frisch sind."

EM-Nominierung wäre Zeichen für den Nachwuchs

Carolin Paesler sieht die Voraussetzungen dafür auf dem Herzogenhorn gegeben, schätzt die Ruhe und Abgeschiedenheit des kargen Leistungszentrums. "Hier kann ich mich ganz auf den Sport konzentrieren." Auf dem Berg gibt es einen Rasenplatz, einen Hammerwurfplatz und einen Kraftraum. Dazu noch viele Bäume und eine gute Aussicht. Mehr nicht. Ganz anders das pulsierende Berlin, wo Heidler und Paesler mittlerweile trainieren. "Dort sind meine Familie, meine Freunde, mein gesamtes Umfeld", erzählt Paesler. Soll heißen: es gibt jede Menge Ablenkungen, die dem Sport nicht immer förderlich sind.

Ganz egal wie der Wettkampf in Ulm verläuft; Michael Deyhle glaubt fest an die EM-Chance für seine Athletin. "Aufgrund ihrer Leistungsentwicklung und Konstanz wäre die Nominierung die logische Fortsetzung." Carolin Paesler hofft einfach, "dass ich mitgenommen werde und dem Nachwuchs eine Chance gegeben wird." Die letzte deutsche Hammerwerferin bei einem internationalen Großereignis, die so alt war wie Carolin Paesler und nicht Betty Heidler oder Kathrin Klaas hieß, war Susanne Keil bei der EM 2002 in München als Zehnte. Ebenfalls eine Frankfurterin.

Zu allen hessischen Teilnehmern der 114. DM in Ulm

Tammo Lotz

 


25.07.2014