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"Der Star ist die Staffel"


Die Goldstaffeln der LAG Wesertal: v. l. Michael Fiess, Peter Dallmann, Heiko Dolstra, Herbert Wilke (über 4x400 Meter der M50 eingesetzt), Achim Schaake, Jörg Werner und Frank Blumenreuter (Foto: Berger)

Drei schnelle 1.000 Meter-Läufer für eine Vereinsstaffel zu finden, ist schon schwer. Sechs für zwei Staffeln aufzubieten, recht selten. Die LAG Wesertal hat gezeigt, dass es trotzdem geht. Bei den Deutschen Senioren Langstaffelmeisterschaften in Baunatal holte der Verein aus Nordhessen in den Altersklassen M40 und M50 jeweils die Goldmedaille. Ohne festen Trainer, dafür mit Lockerheit, Humor und mannschaftlicher Geschlossenheit. Michael Fiess, der ruhende Pol der bunten Truppe, bringt die Vereinsphilosophie treffend auf den Punkt: "Der Star ist die Staffel."


Frank Blumenreuter bescherte dem Titelverteidiger in der M50 einen blitzsauberen Start. Nach 3:16 Minuten übergab der 53 Jahre alte Bankkaufmann in Führung liegend den Staffelstab an den ein Jahr jüngeren Jörg Werner. Der staunte nicht schlecht. "So früh haben wir ja noch nie vorne gelegen", meinte der Sportlehrer, der vor knapp 30 Jahren zur Trainingsgruppe des aufstrebenden Hindernisläufers Martin Strege (u.a. WM-Achter 1995, Olympia-Zehnter 1996) gehörte. Schnell setzte sich Werner vom Rest des Feldes ab. 3:09 Minuten benötigte er für seine zweieinhalb Runden und übergab wie vor einem Jahr in Zella-Mehlis an den Schlussläufer Achim Schaake. Der fühlte sich in seiner Rolle sichtlich wohl. "Die Alten haben gut vorgelegt, dass ich mich als Jüngster ausruhen kann." Der 51 Jahre alte Schreiner ließ es aber ganz und gar nicht ruhig angehen. Im Alleingang lief er die schnellste Einzelzeit des Trios: 3:01 Minuten. Im Ziel nach 9:26,17 Minuten betrug der Vorsprung der LAG Wesertal auf die zweitplatzierte Staffel des TSV 05 Rot aus Baden-Württemberg über 14 Sekunden (9:40,96). Bronze ging an den TSV 1850/09 Korbach mit Gerhard Peters, Hubertus Henning und Joachim Peters (9:59,09).

Die M40-Vertretung der LAG Wesertal musste um ihr zweites DM-Gold nach 2011 schon mehr kämpfen. Zwar machten sich Heiko Dolstra (Jahrgang 1972), Peter Dallmann und Michael Fiess (beide Jahrgang 1966) berechtigte Hoffnungen auf Edelmetall. Als Favorit aber galt der TuS Köln mit dem Hallen-DM-Zweiten über 800 Meter von 1994, Oliver Pöschl. Der lag nach dem ersten Teilstück in Führung. Doch Wesertals Startläufer Heiko Dolstra, von Beruf Heizungsbauer, kämpfte und hielt den Rückstand bei seiner DM-Premiere in Grenzen. Der Polizist Peter Dallmann, in der Ewigen Hessischen Bestenliste mit 30:40,37 Minuten über 10.000 Meter notiert (1991), hielt den zweiten Platz und übergab den Staffelstab an Michael Fiess. Schnell sicherte der selbstständige Großhandelskaufmann die angestrebte Medaille ab. Erst dann orientierte er sich nach vorne. "Ich wollte nicht gleich Vollgas geben, sondern mein Tempo dosieren", so Fiess, der knapp 20 Jahre Wettkampferfahrung aufweist und vor allem die flotten und taktisch geprägten Mittelstrecken mag. Allmählich kam Fiess dem Kölner Schlussläufer Gerd Schäfer näher. Den Rückstand von 40 Metern zu Beginn des letzten Teilabschnitts hatte er eingangs der Schlussrunde auf knapp zehn Meter verringert. Den finalen Angriff aber initiierte er erst auf den letzten 100 Metern. "Ich habe eine schnelle Zielgerade und wollte nicht zu schnell in Führung gehen. Schlussläufer können immer mal wieder über sich hinauswachsen." Die Bedenken aber waren unbegründet. Dem Schlussspurt von Michael Fiess hatte Gerd Schäfer nichts entgegenzusetzen. Mit 2:50 Minuten auf dem letzten Kilometer sicherte Michael Fiess seiner Staffel nach 8:41,52 Minuten etwas überraschend Goldmedaille vor den Kölnern (8:46,05) und dem Aufgebot der LG Stadtwerke München (9:01,08), das wegen unterschiedlicher Trikotfarben kurz vor der Disqualifikation stand.

Von Leistungssportlern bis zum "absoluten Späteinsteiger"

Die LAG Wesertal profitiert von ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit. An erster Stelle steht das Team, dann kommen die Einzelergebnisse. Die M50-Besetzung Blumenreuter/Werner/Schaake läuft seit einem Jahr zusammen, die M40-Formation Dolstra/Dallmann/Fiess gibt es seit 2012. Gefunden haben sie sich über Umwege. Achim Schaake kam mit 40 Jahren zum Laufsport und hatte davor Fußball gespielt. Jörg Werner lief in seiner Jugend- und Juniorenzeit sehr flotte Zeiten (u.a. 1.000 Meter in 2:30 Minuten, 5.000 Meter in 14:38 und 10.000 Meter in 30:55) und fand vor knapp zwei Jahren über den Fußball wieder zurück zu seiner alten Leidenschaft. Frank Blumenreuter bezeichnet sich selbst als "absoluten Späteinsteiger". Vor zweieinhalb Jahren fing er mit den kurzen Sprintstrecken an. Allmählich startete er auch bei Volksläufen. Michael Fiess wollte schon immer Marathon laufen. Das hakte er 1993 ab, bestritt seine erste Bahnwettkämpfe aber erst neun Jahre später. Mittlerweile sind die 800 und 1.500 Meter seine Lieblingsstrecken. Peter Dallmann wurde nach schnellen Zeiten in jungen Jahren vom Pfeifferschen Drüsenfieber jäh zurückgeworfen und stellte erst in den letzten Jahren den Kontakt zum Laufen wieder her. Seit drei Jahren gehört er zur "bunten Truppe" der LAG Wesertal, die größtenteils individuell trainiert, aber vor wichtigen Wettkämpfen versucht die tempospezifischen Einheiten in der Gruppe zu absolvieren. Die Absprachen erfolgen über die Vereinshomepage, den emsigen Vereinsgründer Marco Berger oder Michael Fiess, von den anderen aufgrund seiner Erfahrung gern als das "Zugpferd" bezeichnet. Dazu kommt der zur Institution gewordene sonntägliche Regenerationsdauerlauf über 15 Kilometer, bei dem schon mal die nächsten Wettkämpfe und Taktiken besprochen werden.

Dass die Belohnung wie so oft nur zu dem kommt, der warten kann, erfuhr das Wesertaler M40-Trio in Baunatal nur zu deutlich. Die Siegerehrung verzögerte sich um weit über eine Stunde. Dann tauchte Peter Dallmann aus den Katakomben auf und riss die Arme erleichtert in die Höhe. Endlich hatte er die geforderten 90 Milliliter Urin für die Dopingprobe abgeben können – nachdem er zuvor dreieinhalb Liter Wasser getrunken hatte. Mit der langersehnten Goldmedaille um den Hals verließ der Polizist das Parkstadion: "In den nächsten zwei Wochen kann ich kein Wasser mehr sehen." Wer konnte es ihm verdenken.

Zu den Ergebnissen der Deutschen Senioren Wurf-Mehrkampfmeisterschaften & Langstaffeln

Tammo Lotz

 


28.09.2014