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Schlesinger: "Athleten sollten konsequent sein und ihr Ziel visualisieren können"


Philipp Schlesinger und Lea Menzel beim Mehrkampf-Meeting in Bernhausen 2013 (Foto: privat)

Philipp Schlesinger gehört mit seinen 30 Jahren zur jungen Trainer-Garde im Hessischen Leichtathletik-Verband. Dynamisch, rank und schlank – man könnte den gebürtigen Gießener selbst noch für einen Sportler halten. Doch dieser Eindruck täuscht. Als aktiver Leichtathlet war sich Schlesinger "seiner Grenzen schnell bewusst". Als Trainer aber ist Philipp Schlesinger seinen Weg gegangen. Zuerst in einem Physiotherapiezentrum als Athletik- und Rehatrainer und seit September 2010 als hauptamtlicher Trainer beim HLV. Er betreut den Landeskader im Sieben- und Zehnkampf, ist darüber hinaus verantwortlich für alle Disziplinen des Blocks Sprung (Weit-, Drei-, Hoch- und Stabhochsprung), betreut den amtierenden Deutschen Hochsprungmeister Martin Günther (LG Eintracht Frankfurt), die Nachwuchs-Mehrkämpferin Lea Menzel (TV Neu-Isenburg) und seit wenigen Monaten auch den Zehnkämpfer Jan Felix Knobel (Frankfurt/ab 2015 Königsteiner LV). Im Gespräch mit hlv.de zieht Philipp Schlesinger seine Jahresbilanz und gibt Einblicke in seine tägliche Arbeit und seine Trainingsphilosophie.

Meine Bilanz der Saison 2014:

Es war ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Das Highlight kam gleich zu Beginn: der Deutsche U20-Titel für Lea Menzel im Hallen-Fünfkampf. Es war sehr erfreulich, dass sie sich vor zwei Athletinnen mit internationaler Erfahrung (Anm.: die U18-Siebenkampf-Weltmeisterin Celina Leffler und die U18-WM-Dritte Louisa Grauvogel) platzieren konnte. Dazu kam ein insgesamt toller Winter für Martin Günther, der bei den Deutschen Hallenmeisterschaften nah an seine Bestleistung (Anm.: 2,30 Meter) gesprungen ist und nur knapp an 2,31 Metern scheiterte.

Kurze Zeit später folgte die Ernüchterung. Lea knickte mit ihrem Sprungfuß um und infolge eines Knochenödems standen für vier Monate nur Rehamaßnahmen und alternatives Training auf dem Programm. Der Start bei den Deutschen Mehrkampfmeisterschaften war ein Wagnis. Ihr hat die Routine gefehlt und sie ist mit dem 4. Platz mit einem blauen Auge aus der Saison rausgegangen.

Auch Martin Günther konnte nicht an seine vielversprechende Form aus der Halle anknüpfen. Fußprobleme und eine Herzmuskelbeutelentzündung hatten ihn weit zurückgeworfen. Ich fand es bewundernswert, dass er sich nie hat hängenlassen und sich aus dem Loch herausgekämpft hat. Erst bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm hatte er den Anschluss wiederhergestellt. Ausgerechnet dann fing es an zu regnen. Die Qualifikation für die EM in Zürich (Anm.: gefordert waren 2,28 Meter) wäre möglich gewesen. Trotz des Meistertitels (Anm.: Martin Günther siegte mit übersprungenen 2,25 Metern) war die verpasste EM eine ziemliche Enttäuschung.


Highlight: Lea Menzel wird Mehrkampf-Hallenmeisterin (Foto: Benjamin Heller)

Bleibt noch Max Wannemacher, der Unvollendete. (siehe "Generation Zehnkampf") Er hat endlich sein Leistungspotenzial zeigen können und sich beim Thorpe Cup auf 7.574 Punkte gesteigert (Anm.: seine vorherige Bestleistung lag bei 6.935 Punkten). Das war erfreulich, aber immer noch nicht gut genug um zu sagen, dass er seinen Einstieg ins Berufsleben noch einmal um ein weiteres Jahr hinausschiebt. So schwer ihm die Entscheidung gefallen ist, glaube ich, dass es richtig war aufzuhören. (Anm: Wannemacher absolviert mittlerweile ein duales Studium der Kälte- und Klimatechnik)

Die Qualitäten eines guten Trainers:

Der Trainer ist ein wichtiger Ansprechpartner des Athleten, steuert die Trainingsprozesse und zeigt seinen Athleten Lösungsmöglichkeiten auf. Der Trainer sollte seinem Athleten immer das Gefühl vermitteln, dass er sich noch entwickeln kann. Ob der Athlet darauf eingeht, liegt in seiner Hand. Wenn ein Trainer sieht, dass der Athlet müde ist, ist es wahrscheinlich besser, ein paar Sprungserien wegzulassen. Auf der anderen Seite sollte er gegebenenfalls auf die Bremse treten, wenn ein Athlet übereifrig ist. Ebenso sollte er in der Lage sein die praktische Ausführung der Trainingsmittel auf die Athleten abzustimmen. Wenn ein Athlet auf den klassischen Weg der Sprungkraftentwicklung nicht anspricht, sollte ein für die jeweilige Person besserer Weg gefunden werden.

In Krisenzeiten sollte der Trainer Optimismus ausstrahlen ohne den Blick für die Realität zu verlieren. Ein Trainer sollte sich mehr damit beschäftigen, wie er die individuellen Stärken seines Athleten ausbauen und weniger wie er seine Defizite beheben kann. Das habe ich von Jörg Graf gelernt. Ich glaube, man ist auf dem richtigen Weg, wenn man sich auf seine eigenen Stärken konzentriert, solange man sie noch verbessern kann. Natürlich dürfen die Schwächen nicht Überhand nehmen.

Meine "Trainingsphilosophie":

Ich versuche die Athleten im Training zur Selbständigkeit zu erziehen, damit sie ihren Wettkampf selbst gestalten können. Für mich kann nur aus einem selbstständig agierenden Athlet am Ende ein erfolgreicher Athlet werden.

Im Wettkampf versuche ich so wenig wie möglich in die Wettkampfgestaltung einzugreifen. In der Anfangsphase einer Saison bin ich in der Regel aktiver, wenn es um grundlegende Anpassungen geht. In den Hauptwettkämpfen versuche ich mich dagegen sehr stark zurückzunehmen. Der Athlet muss seine Leistung abrufen und sich gegen seine Konkurrenten durchsetzen können. Das heißt aber nicht, dass ich den Athleten komplett alleine lasse. Ich kann mich als Trainer ständig in den Trainings- und Wettkampfprozess einklinken. Das Vetorecht für Entscheidungen bleibt beim Trainer.


Martin Günther: Meister in der Halle und unter freiem Himmel (Foto: IRIS)

Meine "Lehrmeister":

Ich habe zweieinhalb Jahre sehr intensiv bei Jörg Graf hospitiert und stehe noch heute mit ihm in Kontakt. Ich habe ihn regelmäßig zwei bis dreimal die Woche im Training begleitet und habe gesehen, wie er die Inhalte vermittelt, Trainingsprozesse steuert und mit seinen Athleten kommuniziert. Von Wolfgang Heinig habe ich gelernt, wie wichtig konsequentes Handeln ist. Entweder man macht etwas richtig oder man macht es gar nicht. Das war der Fall bei Max Wannemacher. Er hat sich für ein weiteres Jahr die nötigen Freiräume für den Sport geschaffen mit bis zu zehn Trainingseinheiten pro Woche und hat sich parallel abgesichert, indem er auf 400 Euro-Basis gearbeitet hat. Er stand am Scheideweg und vor der Frage: Mache ich es richtig oder gar nicht. Er hat es ein Jahr richtig gemacht und hat sich mit einer neuen Bestleistung belohnt.

Was ich von meinen Athleten erwarte:

Konsequentes und selbstverantwortliches Handeln, klare Vorstellungen und die Fähigkeit zur Visualisierung. Der Athlet soll so trainieren, dass er seine Leistung vor sich verantworten kann. Der Athlet darf nicht den Trainer für eine schlechte Leistung verantwortlich machen.

Die Athleten sollen das, was sie machen, aus ihrem eigenen Willen und Antrieb machen. Sie handeln für sich selbst und nicht für ihren Trainer.

Wenn jemand Leistungssport machen will, dann erwarte ich, dass er/sie für eine gewisse Zeit konsequent in den Sport "investiert", ohne ausschließlich auf die Karte Sport zu setzen. Dazu gehört ein leistungssportförderliches Umfeld mit einem dementsprechendem Studium oder einer dementsprechenden Ausbildung.

Der Athlet sollte sich konkret vorstellen können, was er einmal erreichen will. Wenn er sagt, dass er bloß seine Leistung steigern will, ist mir das zu vage. Wenn er stattdessen sagt, dass er beim nächsten internationalen Großereignis aufs Treppchen will, kann ich viel besser mit dem Athleten arbeiten. Klare Vorstellungen zeugen von einer hohen Eigenmotivation des Athleten. Dazu kommt, und das ist entscheidend, ob der Athlet in der Lage ist sich bei diesem Erfolg "zu sehen". Sieht er oder sie sich zum Beispiel in zwei Jahren auf dem Treppchen im Olympiastadion von Rio? Das meine ich mit der Fähigkeit zur Visualisierung.

Ein Athlet sollte außerdem in der Lage sein, sein Handeln reflektieren zu können. Er soll sich bewusst darüber sein, was es heißt konsequent und selbstverantwortlich zu handeln.

Mein Werdegang:

Ich habe schon frühzeitig angefangen Leichtathletiktraining für Kinder und Jugendliche zu leiten und hatte immer den Ansporn präzise und genau zu sein. Deshalb habe ich mich auch zu einem Sportstudium in Frankfurt entschlossen, obwohl damals noch nicht feststand, ob ich die Richtung Physiotherapie, Medizin oder Sportwissenschaft einschlagen werde. Die trainings- und bewegungswissenschaftliche Historie, gepaart mit der Biomechanik und der leistungssportlichen Forschung in Frankfurt, hat mich gereizt an diesem Standort zu studieren.

Ich bin in die Trainertätigkeit hineingewachsen. Bevor ich zum HLV gekommen bin, habe ich einem Physiotherapie- und Rehazentrum gearbeitet und unter anderem das Athletiktraining der Basketballer der Giessen46ers (Anm.: damals 1. Bundesliga) geleitet. Ich habe gemerkt, dass ich gerne mit Sportlern zusammenarbeite und ihnen mit meinen Möglichkeiten helfen möchte sich weiterzuentwickeln und ihre Grenzen auszuloten.

Ein typischer Tagesablauf:

Das ist ein sehr zerstückelter Tagesablauf, der von vielen Faktoren abhängt wie zum Beispiel den Trainingszeiten der Athleten. Einen klassischen Arbeitstag mit festen Arbeitszeiten aber gibt es für mich als Trainer nicht. Im Vergleich zu den festen Arbeitszeiten im Rehazentrum erfordert die Trainertätigkeit beim HLV wesentlich mehr Abstimmung und Organisation. An mehreren Tagen habe ich jeweils zwei zwei- bis dreistündige Trainingseinheiten vormittags und nachmittags. Dazu kommen zweieinhalb Stunden Büroarbeit vor und dem nach dem Training. Hier fehlen noch regelmäßige Telefongespräche mit Heimtrainern, die in der Regel nur abends dafür Zeit haben, da sie ehrenamtlich tätig sind. Und nicht mitgerechnet sind die Fahrtzeiten zwischen den Trainingsanlagen an der Hahnstraße, der HLV-Geschäftsstelle und und der Halle in Frankfurt-Kalbach. In diesen Situationen wird mir bewusst, dass aus dem Hobby Leichtathletik mein Beruf geworden ist und kaum noch Zeit für ein Hobby neben dem Beruf bleibt. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich damit klargekommen bin.

Aus was besteht die Büroarbeit?

Die Büroarbeit umfasst die Wettkampfplanung und -betreuung der Athleten - nicht nur meiner eigenen Trainingsgruppe sondern auch der Kaderathleten. Dazu kommen die Organisation von Trainingslagern, Trainingsmaßnahmen und Trainingsgeräten sowie die Dokumentation und Analyse von Leistungen, Leistungsentwicklungen und Statistiken wie zum Beispiel der Entwicklung der Leistungen im Mehrkampf sowohl im Längs- wie auch im Querschnitt. Dazu bin ich in die C-Trainer-Ausbildung und in die Lehre eingebunden und gebe Trainer-Fortbildungen. Im Spätsommer stehen Kadernominierungen und Gespräche mit Athleten und Heimtrainern an. Dazu kommen die Absprache und der Austausch mit den Bundestrainern, Ärzten und Physiotherapeuten.

Den ganzen Bereich Budgetverwaltung und Budgetorientierung muss ich koordinieren. Ich stehe in ständigem Kontakt mit dem Vizepräsidenten Leistungssport Markus Czech und dem Leistungssportreferenten Carsten Ebert (bis 31.10.2014 Michael Siegel). Dazu kommen Abstimmungen mit den einzelnen Kadertrainern des Blocks Sprung. Gerade für die Kadernominierungen muss ich nicht nur über alle Mehrkämpfer, sondern auch über alle Springer den Überblick behalten. Das erweitert meinen Aufgabenbereich immens.

Dazu obliegt mir die Betreuung des E-Kaders. Das beinhaltet viele Schriftwechsel, das Formulieren und Bearbeiten von Anträgen, das Anpassen von Normen und Eingangskriterien sowie Quartalsabrechnungen. Außerdem bin ich in die Talentsuche und -förderung des Landessportbundes Hessen eingebunden.


Max Wannemacher: Bestleistung zum Karriereende (Foto: Schaake)

Die Grundeigenschaften eines erfahrenen Mehrkämpfers:

Der Trend geht dahin, dass sich die schnellen und sprungbegabten Athleten international durchsetzen. Die Grundbausteine des Mehrkampfs sind die Schnelligkeit und eine schnelle motorische Auffassungsgabe, was vor allem im Stabhochsprung von zentraler Bedeutung ist. Jan Felix Knobel und Pascal Behrenbruch sind aber Gegenbeispiele. Beide sind in den Wurfdisziplinen am stärksten.

Das Training eines Mehrkämpfers:

Es gibt verschiedene Ansätze. Ich plädiere für Schwerpunktbildungen in zwei bis drei Disziplinen pro Saison und klare hierarchische Über- und Unterordnungen. Hürdenlauf und Stabhochsprung ist eine ziemlich oft gewählte Disziplinkombination im Zehnkampftraining. Im Siebenkampf ist es aufgrund der niedrigeren Anzahl an Disziplinen weniger komplex, aber auch hier favorisiere ich Schwerpunktbildungen im Jahresturnus. Der Versuch alle Disziplinen pro Woche zu trainieren geht in der Regel schief, da die Regenerationszeiten zu kurz sind und die Athleten einfach überfrachtet werden.

Die Schlüsseldisziplinen im Mehrkampf:

Im Zehnkampf sind das der Hürdensprint, der Stabhochsprung und der Diskuswurf. Der Übergang vom Hürdenlauf zum Diskuswurf gilt als ziemlich schwierig. Deswegen trainiert man diese Disziplinen in Kombination häufiger. Und der Stabhochsprung ist die komplexeste Disziplin überhaupt und sollte frühzeitig ein regelmäßiger Trainingsbestandteil sein. Im Siebenkampf ist die Bezeichnung "Schlüsseldisziplin" etwas weicher, da das Training deutlich einfacher aufeinander abzustimmen ist. Wenn die Athletin sprint- und sprungstark ist, ist die Basis bereits gelegt. Die Umstellungsschwierigkeiten sind deutlich geringer als im Zehnkampf.

Den Hürdensprint würde ich generell, männlich wie weiblich, immer als Schwerpunktdisziplin ausbilden. Ein guter Start über die Hürden im Siebenkampf kann die Erwartungshaltung für den gesamten Wettkampf vorgeben. Auch der Weit- und Hochsprung sowie das Speerwerfen sollten noch gut ausgebildet sein. Das Kugelstoßen ist eine Disziplin, die im Lauf der Jahre aufgrund steigender Kraftwerte gut entwickelt werden kann. Eine gute Speerwurfleistung im Siebenkampf muss aber stets durch eine adäquate Sprungleistung ergänzt werden. Wenn eine Athletin den Speer über 50 Meter werfen kann, aber nur 1,70 Meter hochspringt, kann sie damit keinen Blumentopf gewinnen. Ein ausgewogenes Leistungsbild wären zum Beispiel Höhen um 1,80 Meter oder höher im Hochsprung, Weiten um 6,40 Meter oder 6,50 Meter im Weitsprung und eine Weite um 48 Meter im Speerwurf.

Warum ist im Zehnkampf die Umstellung vom Hürdensprint zum Diskuswurf so schwierig?

Das ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt, aber man geht davon aus, dass es an der Umstellung vom Zwangssprint mit fest definierten Abständen und Schrittzahlen zu einer rotatorischen Bewegung liegt. Im Hürdensprint muss sich der Athlet auf die Abstände zwischen den Hürden und die Hürdenhöhe einstellen. Im Diskuswurf muss er die Drehbewegung, die Gewichtsverlagerung und die Drehgeschwindigkeit sehr gut aufeinander abstimmen. Dieses Zusammenspiel der Komponenten macht die Disziplin so schwierig.


Jan Felix Knobel: Wechsel als Chance (Foto: IRIS)

Wie verläuft der Kennenlernprozess bei neuen Athleten wie zum Beispiel Jan Felix Knobel?

In den ersten Monaten muss ich ihn oder sie einschätzen lernen. Da geht es für mich vor allem darum herauszufinden, ob der Athlet das, was er sagt, auch so meint. Eine typische Situation: Ist jemand, wenn er schimpft, einfach nur unzufrieden mit sich oder aber mit seiner ganzen Umwelt? Es kommt darauf an den anderen in der interaktiven Kommunikation besser kennenzulernen. Das ist der Punkt, der mir oft am Anfang am schwersten fällt. Der Lernprozess dauert an, solange Athlet und Trainer mit neuen Situationen konfrontiert werden. Jan Felix habe ich zum Beispiel noch nie in einem Wettkampf erlebt. Diese Situation steht ihm und mir noch bevor.

Die Unterschiede in der Betreuung von jungen und erfahrenen Athleten:

Ich glaube, dass ein Trainer für erfahrene Athleten genauso wichtig ist wie für junge. Ein junger Athlet wird eher Entscheidungen des Trainers übernehmen, da ihm noch die Erfahrung fehlt. Der erfahrene Athlet ist in der Regel in den Entstehungs- und Steuerungsprozess der Trainingsinhalte mehr eingebunden. Es sollte aber immer eine professionelle Distanz zwischen Trainer und Athlet erhalten bleiben.

Meine Ratschläge an Kinder und Jugendliche, die mit Leichtathletik beginnen wollen:

Ich würde Schülern raten multisportiv anzufangen. Mit dem reinen Leichtathletiktraining sollten sie erst mit 11 oder 12 Jahren beginnen. Wenn sich Schüler bis dahin im Turnen und in verschiedenen Spielsportarten ausprobiert haben, verfügen sie über ein tolles motorisches Grundgerüst.

Von einer zu frühen Spezialisierung ist genauso abzuraten wie von einer zu allgemeinen Ausrichtung. Stattdessen sollten junge Athleten herausfinden, welcher Disziplinblock ihnen am meisten zusagt. Wenn das der Block Sprung ist, würde ich versuchen, in allen Sprungdisziplinen eine qualitativ hohe Ausbildung zu erhalten. In der Jugend kann er die Zahl der Disziplinen verringern und sich später auf eine konzentrieren. Die Aufgabe eines jungen Athleten ist es dann einen Verein und einen Trainer zu finden, der ihm die Ausbildung in einem bestimmten Disziplinblock gewährleisten kann, ohne die leichtathletische Grundausbildung zu vernachlässigen.

Unterstützung von außen:

Sobald ich an meine Grenzen stoße, versuche ich sofort externe Hilfe aufzusuchen. Ein Trainer kann nicht auf jedem Gebiet Profi sein, sollte aber wissen, wie er die Weiterentwicklung seiner Athleten gewährleisten kann. Die oberste Maxime ist, dass der Athlet von A nach B kommt. Und auf diesem Weg kommt es auf Unterstützer an, die auf ihren Gebieten top sind. So arbeitete ich im Speerwurf seit eineinhalb Jahren mit dem ehemaligen Eintracht-Speerwerfer Steffen Schwinn zusammen. Im Kugelstoßen und Diskuswurf kooperiere ich seit einem Jahr eng mit der Nachwuchs-Bundestrainerin im Siebenkampf, Eva Rapp. Den Stabhochsprung betreut seit jeher Manfred Kehm. Hier übernehme ich aber nun ebenfalls Anteile, um einen höheren Trainingsanteil dieser Disziplin zu gewährleisten.


Jan Felix Knobel: Starker Speerwerfer (Foto: IRIS)

Wie wichtig ist das Umfeld eines Athleten?

Das Umfeld ist nicht der entscheidende Punkt, aber es begünstigt und erleichtert dennoch einige Dinge. Dazu gehören eine unterstützendes Elternhaus, eine günstige Infrastruktur (Halle, Wurfhaus, Kraftraum, medizinische und physiotherapeutische Betreuung, Olympiastützpunkt, Ernährung, Psychologie), Mobilität und eine leistungssportförderliche Ausbildung. Wenn der Athlet aber nicht in der Lage ist sich selbst zu organisieren, dann hilft auch das beste Umfeld nicht.

Die Bedeutung der Ernährung:

Die explizite Ernährungssteuerung würde ich in die Hände eines Experten geben, aber über bestimmte Inhalte und die Qualität des Essens diskutiere ich offen und vehement mit meinen Athleten. Zum Beispiel lege ich ihnen nahe ihre Kohlenhydrate in Form von möglichst unverarbeiteten Nahrungsmitteln wie Gemüse und vereinzelt Früchten aufzunehmen. Damit deckt man auch verschiedene Vitamine und Spurenelemente ab, die Nudeln, Reis und Brot nicht liefern. Je kürzer der Verarbeitungsprozess der Nahrung ist, desto höher ist die Qualität.

Die bewusste Auseinandersetzung mit der Zusammenstellung der Ernährung hat zu einem Umdenkprozess geführt. Zuletzt haben wir in meiner Trainingsgruppe über grüne Smoothies (aus u. a. Spinat und Mango) diskutiert. Sie sind gewöhnungsbedürftig, aber die Dichte an Vitaminen und Spurenelementen spricht für sie.

Mein Ausgleich zum Sport:

Das war vor allem in der Anfangszeit ein Problem. Da habe ich auf diesem Gebiet zu wenig gemacht. Mittlerweile klappt es besser. Ich versuche gelegentlich zu laufen und Rennrad zu fahren. Auch Gartenarbeit kann manchmal ganz entspannend sein.

(Das Gespräch führte Tammo Lotz)

 


18.12.2014