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Angekommen: Marathonläuferin Nina Stöcker und ihr erstes Jahr in Frankfurt


Nina Stöcker (Foto: Norbert Wilhelmi)

Sie ist ein bisschen anders. Zurückgenommen, beinahe still, manchmal fast zu leise. Die Konkurrenz wie die Hahner-Twins Lisa und Anna wandeln längst auf dem schmalen Grat zwischen PR-Sprech und Rest-Authentizität; die routinierte Sabrina Mockenhaupt hat immer etwas zu sagen, für die weltgewandte Mona Stockhecke ist Laufen nur ein Teil ihres Lebens. Nina Stöcker hingegen hat einiges aufgegeben für eine Karriere als Profisportlerin. Zunächst ihre Heimatgemeinde Erndtebrück im Kreis Siegen-Wittgenstein, anschließend ihren späteren Wohnort Münster, Krimi-Fans bekannt als Tatort-Schauplatz und Drehort der ZDF-Serie Wilsberg. Nicht zuletzt ihr Jura-Studium nach zwei Semestern. Zu zeitintensiv, nicht vereinbar mit dem Sport. Von Münster zog es Nina Stöcker vor zwölf Monaten nach Frankfurt. Wieder eine neue Stadt („Ich mag das Lebendige hier, es ist immer etwas los“), ein neues Trainerteam (Katrin Dörre-Heinig und Wolfgang Heinig) und ein neuer Verein, die LG Eintracht Frankfurt. 22 ist sie jetzt, viertschnellste deutsche Marathonläuferin des Jahres und trotzdem ziemlich unbekannt. Vielleicht sollte sich das mal ändern.

Die junge Dame ist auf den Distanzen von 10.000 Metern bis zum Marathon unterwegs - doch eigentlich gilt für sie das Motto: „Ich laufe lieber länger als schnell.“ Also Marathon. „Ja, ich sehe mich schon als Marathonläuferin.“ Dass sie „das gerne mal machen würde“ hatte Nina Stöcker bis zum Sommer 2013 nie so richtig ausgesprochen, zudem sind ihre Eltern skeptisch gewesen. War die Tochter nicht noch zu jung? Erst nach Rücksprache mit der Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig stieg sie ins spezifische Training ein und finishte Ende September 2013 in Berlin nach 2:37:46 Stunden. Und war damit in dem Weltklasserennen zweitbeste Deutsche hinter der mittlerweile zurückgetretenen nationalen Rekordhalterin Irina Mikitenko. Der zweite Start im Frühjahr 2014 ging schief. Im Regen von Düsseldorf trat sie bei Kilometer 12 in ein tiefes Schlagloch, verletzte sich am rechten Fuß und stieg bei der Halbmarathonmarke aus. „Der Plan war eine neue Bestzeit“, sagt Nina Stöcker. „Es war so schade.“

Und folgenschwer. Die Knochenhaut am rechten Fuß und am Schienbein entzündete sich, sie konnte neun Wochen nur alternativ trainieren, deshalb stand ihr Start beim Frankfurt-Marathon Ende Oktober lange Zeit auf der Kippe. Zumal nach dem Neustart im sommerlichen Höhentrainingslager in Davos neue gesundheitliche Probleme auftraten. Nina Stöcker hatte Gewichtsschwankungen, normalerweise wiegt sie bei einer Körpergröße von 1,68 Meter um die 50 Kilogramm. „Es hat lange gedauert, bis man die Ursache gefunden hat“, sagt sie. Diagnostiziert wurde eine Unverträglichkeit, unter anderem gegen Milch, Gluten und Eiweiß. Die Folgen sind drastisch. Ihr individueller Warenkorb, zusammengestellt in Reformhäusern und Drogeriemärkten, schließt Mehl, Brot, Eier und Kuhmilch aus. „Ich komme gut damit zurecht“, sagt sie.


Unterwegs beim Frankfurt-Marathon 2014 (Foto: Norbert Wilhelmi)

Vor diesem speziellen Hintergrund war ihr dritter Marathonstart in Frankfurt (Platz 14 in 2:40:25 Stunden) auch ein Erfolg des Willens. Und wichtig für die Psyche, sagt Katrin Dörre Heinig. Ein zweiter vorzeitiger Ausstieg im dritten Rennen hätte fatale Folgen haben können. Geholfen, die 42,195 Kilometer „durchzudrücken“ (Katrin Dörre-Heinig) hatten ihre Trainings- und Vereinskollegen Gesa Krause (bis zur Hälfte), Nico Sonnenberg (die komplette Distanz) und Katarina Heinig (bis Kilometer 30). Ein Marathon als Teamsport - keine ganz so neue Entwicklung. „Das nimmt einem die Aufregung und hilft unterwegs enorm.“ Die Frankfurter Laufgruppe ist auch privat befreundet und nicht wenige haben das Ziel Olympische Spiele 2016. Auch Nina Stöcker? Ihre diplomatische Antwort: „Ich versuche, immer näher an die Norm heranzulaufen.“ Dass die deutsche Konkurrenz aktuell bessere Vorleistungen und somit Qualifikationschancen hat, weiß sie natürlich. Nina Stöcker müsste sich um mehr als fünf Minuten verbessern. Interessant in diesem Zusammenhang: Obwohl die Wahl-Hessin eine internationale Perspektive hat, existiert bislang kein Vertrag mit einem Sportartikelhersteller und einem Sponsor.

Ihr erstes Jahr in Frankfurt ist nun beinahe abgehakt. Und es ist nicht schlecht gelaufen. Ein Höhepunkt war im Frühjahr der vierte Platz bei der Halbmarathon-DM in persönlicher Bestzeit (1:15:24), sie hat ein Fernstudium aufgenommen - BWL und International Management -, die Trainingsbelastungen als Marathonläuferin (wöchentlich 140 bis 180 Kilometer) bewertet sie mit den Worten: „Klar sind die Anstrengungen da. Aber wenn ich keinen Spaß daran hätte, könnte ich es gar nicht machen.“ Das Umfeld ist hervorragend. Seit dem Sommer wohnt Nina Stöcker ein paar hundert Meter entfernt von der Fußball-Arena im Frankfurter Stadtwald, die Trainingsgruppe um das Ehepaar Heinig („Das war der Grund für meinen Wechsel nach Frankfurt“) wächst und gedeiht. „Ich bin richtig glücklich hier“, sagt Nina Stöcker. Den Blick voraus ins Jahr 2015 wagt sie dennoch vorsichtig. „Ich möchte ohne Verletzungen richtig ins Training reinkommen, damit ich meine Ziele erreichen kann.“ Und wie einige tausend andere Läuferinnen und Läufer wird sie am 28. Dezember in Frankfurt am Silvesterlauf teilnehmen. Die Anreise von ein paar hundert Metern zum Start kann sie gleich zum Aufwärmen nutzen. „Ich möchte an diesem Tag richtig Spaß haben“, sagt sie.

Uwe Martin

 


27.12.2014