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In der Weltklasse angekommen


Glückliche EM-Vierte: Carolin Schäfer (Fotos: IRIS)

Siebenkämpferin Carolin Schäfer hat sich 2014 enorm entwickelt, ihre Bestleistung um über 300 Punkte gesteigert und drei Mehrkämpfe auf internationalem Topniveau absolviert. Der Höhepunkt: der vierte Platz bei den Europameisterschaften in Zürich, als sie eine Medaille nur um 28 Punkte verpasste. Ihr zweiter Platz in der Siebenkampf-Jahreswertung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF lohnte sich auch finanziell. Die Frankfurterin gewann eine Prämie von 20.000 US-Dollar. Kaum eine hessische Leichtathletin war in den letzten Monaten medial präsenter als die selbstbewusste Frankfurterin. Sie wurde als "Hessens Sportlerin des Jahres" und Frankfurts "Sportlerin des Jahres" ausgezeichnet. Nach einigen durchwachsenen Jahren ist Carolin Schäfer in die Weltklasse zurückgekehrt.


Carolin Schäfer war gerade 15, als sie bei der U18-WM 2007 Silber gewann. WM- und EM-Gold in der Altersklasse U20 folgten in den Jahren 2008 und 2009. Aber erst in dieser Saison gelang ihr der Durchbruch bei den Frauen. Rückblickend sagt die 23-Jährige: "Früher habe ich von meinem Talent gelebt. Mittlerweile habe ich gelernt für den Erfolg richtig hart zu arbeiten."

Das spricht für das Talent der Polizeikommissaranwärterin, ruft aber gleichzeitig Verwunderung hervor. Schließlich verlangen die Siebenkämpferinnen ihren Körpern an zwei Tagen in technisch und koordinativ höchst anspruchsvollen und unterschiedlichen Disziplinen so ziemlich alles ab, liegen nach den abschließenden 800 Metern erschöpft auf der Bahn. Es sei ja kein Gesundheitssport, sagte Schäfers Mehrkampfkollege Jan Felix Knobel vor einigen Monaten in einem Interview bei hlv.de. Für viele kaum vorzustellen, wie man sich bei diesen Anstrengungen nur auf sein Talent verlassen kann. Und doch sagt Carolin Schäfer, dass sie erst vor knapp zwei Jahren verstanden habe, was hartes Arbeiten wirklich bedeutet. Damals wechselte sie nach dem überraschenden Tod ihres damaligen Trainers Gyula Kovacs in die Trainingsgruppe von Jürgen Sammert.

Dem resoluten Mehrkampftrainer vertraut sie seitdem ohne Wenn und Aber. "Jürgen ist kompromisslos. Was auf dem Trainingsplan steht, wird auch durchgezogen. Und wenn wir beim letzten Tempolauf im Gehen ankommen." Die ersten zwei Jahre waren Findungsjahre mit der EM-Teilnahme 2012 in Helsinki (10. Platz) als Hoch und dem enttäuschenden sechsten Platz bei den U23-Europamisterschaften in Tampere 2013 als Tiefpunkt. Ihr Körper war den erhöhten Umfängen vor einem Jahr noch nicht gewachsen. Erst Rückenprobleme, dann eine Kniekehlenverletzung und der daraus resultierende Trainingsrückstand verhinderten, dass Carolin Schäfer ihren Ansprüchen gerecht werden konnte. Schäfer zog nach dem bisher "schwierigsten und zugleich wichtigsten Wettkampf" ihrer Karriere den Schluss: "Ich habe erkannt, dass ich einschneidende Veränderungen vornehmen muss, wenn ich vorankommen will."


Kein Fauxpas mehr im Speerwurf erwünscht: Boris Obergföll soll helfen

"Bin offen für neue Impulse"

Seitdem holt sie sich Ratschläge bei dem Ernährungsberater Tim Schultz, dem Sportpsychologen Wolfgang Knörzer und arbeitet mit den Spezialtrainern Günter Eisinger (Hochsprung) und Eva Rapp (Kugelstoßen) zusammen. Für die Saison 2015 sind gemeinsame Speerwurfeinheiten mit Boris Obergföll (Speerwurf/WM-Dritter 1995, 2003) und Rüdiger Harksen (Bundestrainer 100 Meter Hürden Frauen) geplant. Auch Sven Lang, der Trainer des zweimaligen Kugelstoßwelt- und Europameisters David Storl, hat Carolin Schäfer im Herbsttrainingslager in Südafrika beraten. Die gebürtige Nordhessin schätzt neben den fachlichen Tipps auch eine andere Wortwahl. "Ich bin immer offen für neue Impulse."

Nach dieser Saison mit fünf Bestleistungen über 100 Meter Hürden (13,20 Sekunden), im Hochsprung (1,84 Meter), über 200 Meter (23,78), im Weitsprung (6,30) und über 800 Meter (2:15,55 Minuten) soll 2015 an den "Feinheiten gearbeitet werden", so Carolin Schäfer. Im Kugelstoßen (Bestleistung: 13,50) erwartet sie eine "enorme Entwicklung" und eine Steigerung zwischen einem halben und einem Meter. "Damit wäre ich auch in dieser Teildisziplin voll konkurrenzfähig." Im Hochsprung will sie sich um "eine Höhe" (sprich zwei Zentimeter) verbessern und über 800 Meter "habe ich sicherlich auch noch Reserven", zumal sie ihre Bestleistung im letzten Saisonwettkampf beim IAAF Combined Challenge in Talence (Frankreich) erzielte.

Aber vor allem dürfe ihr im Speerwurf kein "Fauxpas" mehr wie in Zürich unterlaufen. In Führung liegend schleuderte Carolin Schäfer das 600 Gramm schwere Wurfgerät auf enttäuschende 44,19 Meter. Sie blieb damit über vier Meter hinter ihrer Leistung von Götzis (48,76) und gar über fünf Meter hinter ihrer Bestleistung aus dem Jahr 2012 (49,50) zurück. Zwei der drei EM-Medaillengewinnerinnen warfen den Speer deutlich über 50 Meter, die dritte blieb nur knapp unter dieser Marke. "Den Speer habe ich versemmelt. Da bin ich eigentlich so sicher. Aber irgendwas muss wohl falsch laufen im Siebenkampf. Sonst würde man nicht noch die Reserven sehen und weiterarbeiten." Auch Jürgen Sammert hatte gehofft, dass seine Athletin fünf Meter weiter wirft. Dann hätte sich Carolin Schäfer über 800 Meter, unterstützt von ihrer Trainingskameradin und guten Freundin Claudia Rath, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Niederländerin Nadine Broersen um die Silbermedaille liefern können. So blieb am Ende "nur" der vierte Platz. "Ich bin superfroh, weiß aber auch, da geht noch viel mehr. Ich würde schon sagen, dass ich in der Weltklasse angekommen bin."


"Große Geste": Claudia Rath stellte sich bei der EM in den Dienst von Carolin Schäfer

Überraschender Vereinswechsel

Kann Carolin Schäfer ihre Ziele umsetzen, sollte eine Steigerung um 100 bis 150 Punkte gegenüber ihrem besten Siebenkampf von Zürich (6.395 Punkte) möglich sein. Und dann wäre Carolin Schäfer trotz starker Konkurrenz im eigenen Land z. B. durch die nach ihrem Achillessehnenriss wiedergenesene Olympia-Zweite von London, Lilli Schwarzkopf (LG Hannover/2014: 6.426), eine ziemlich sichere Kandidatin für die Weltmeisterschaften in Peking (22.-30. August).

Diesen Weg wird Carolin Schäfer für viele überraschend nicht mehr im Trikot der LG Eintracht Frankfurt beschreiten. Ende November gab die 23-Jährige über ihre Management-Agentur "Coolie" bekannt, dass sie nach sieben Frankfurter Jahren wieder zu ihrem Heimatverein TV Friedrichstein im nordhessischen Bad Wildungen zurückkehren wird. "Der Respekt und die Anerkennung aus meiner Heimat, gerade seit der EM in Zürich, haben mir die Entscheidung leichter gemacht", wird Carolin Schäfer in nebulösem PR-Deutsch zitiert.

Wolfram Tröger, der Abteilungsleiter der Eintracht-Leichtathleten, kommentierte diese Entscheidung mit Bauchgrimmen. Finanziell verbessern dürfte sich Carolin Schäfer, die weiter in Frankfurt leben und trainieren wird, kaum. Laut Wolfgang Winter, dem 1. Vorsitzenden des TV Friedrichstein, werden Carolin Schäfer über einen Sponsor lediglich die Reise- und Meldekosten erstattet. "Aber das gilt für alle anderen Sportler des Vereins auch", so Winter, der ergänzte: "Zuwendungen darüber hinaus lässt allein schon die Vereinssatzung nicht zu." Über die tieferen Gründe von Carolin Schäfers Vereinswechsel wird daher vermutlich wohl weiter spekuliert werden.

Tammo Lotz

 


29.12.2014