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„Ich werde weiterarbeiten wie Sisyphos“


Dr. Gerd E. Pfeiffer (Foto: privat)

Gerd E. Pfeiffer ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und Sportmedizin. Der 68-Jährige hat seine Praxis in Gelnhausen vor fünf Jahren aufgeben, ist seither „nur noch“ als Anti-Doping-Beauftragter des Hessischen Leichtathletik-Verbandes (HLV) sowie als Dopingfahnder der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada) tätig. Der ehemalige Sportlehrer ist ein Zeitzeuge im Kampf für sauberen Sport - seine erste Kontrolle nahm er 1979 vor. Nachdem ihn der damalige Leiter des Kölner Instituts für Biochemie an der Sporthochschule Köln, Manfred Donike, auf einem Fortbildungsseminar für die Mitarbeit gewonnen hatte. Zum Jahresabschluss 2014 gab er hlv.de ein ausführliches Interview.

Herr Dr. Pfeiffer, was hat ein Anti-Doping-Beauftragter für eine Jobbeschreibung?

Laut Satzung bin ich für alles rund um die Begriffe Doping/Anti-Doping verantwortlich. Hier berate ich den HLV und bin gemeinsam mit der Wettkampforganisation für die Koordination der Dopingkontrollen zuständig. Wobei wir aus finanziellen Gründen nicht so viele Kontrollen durchführen können wie wir wollen. Und ich unterbreite Verbesserungsvorschläge, auch im Sinne von Prävention. Etwa an Informationsständen bei Meisterschaften.

Wo wird in der hessischen Leichtathletik denn kontrolliert?

Hauptsächlich bei Landesmeisterschaften im Jugend- und Seniorenbereich. Beginnend bei der Altersklasse von 14 Jahren. Das ist auch bei der aufklärenden Prävention das gängige Alter. Der älteste Sportler, den ich kontrolliert habe, war 86 Jahre alt. Bei den Jugendlichen losen wir von den Finalteilnehmern ein bis zwei aus, bei den Senioren einen Starter. In der Summe hatte der HLV hierfür im Jahr 2014 einen Betrag von 3.000 Euro in seinen Etat eingestellt. Hätten wir mehr Geld zur Verfügung, wäre sicher mehr Durchschlagskraft im Anti-Doping-Kampf gegeben.

Der Anti-Doping-Kampf leidet grundsätzlich unter begrenzten Finanzmitteln - wie könnte dies besser werden?

Ich halte viele Vorträge im Sinne der Aufklärung, in Gymnasien ab dem zehnten Schuljahr, vor Studenten an Universitäten, bei Kaderlehrgängen, in Vereinen, für Vereinigungen des Deutschen Roten Kreuzes und selbst in Landfrauenvereinen. Es mag ein bisschen glatt klingen, aber im Kern sage ich immer eines: „Ein Promill for Doping kill“. Und zwar von den 20, 30 oder 40 Milliarden Euro, die jährlich im deutschen Sport generiert werden. Ob ich beispielsweise für ein T-Shirt 14,95 oder 14,97 Euro ausgebe, ist doch letztlich egal. Die Mehrausgaben für den Anti-Doping-Kampf würde man nicht spüren. Aber darauf lässt sich leider niemand ein. So aber kämpft die Nada um eine Million Euro, lächerlich. Dabei ist mehr Geld im Sinne der Forschung dringend nötig.

Die Bundesregierung hat den Entwurf für ein Anti-Doping-Gesetz vorgelegt, das bis zu drei Jahren Haft vorsieht. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass dies keinen allzu großen Nutzen nach sich ziehen wird und stehe mit meiner Meinung nicht allein. Es betrifft ja auch nur die in den Testpools erfassten Athleten …

… etwa 7.000 mehr oder weniger professionelle Spitzensportler.

Viele andere fallen deshalb durch das Raster. Und auch staatliche Stellen müssen dem betreffenden Athleten nachweisen, dass er gedopt hat. Zudem befürchte ich, dass Verfahren recht lange dauern werden. Dabei wären schnelle Entscheidungen eher das Gebot der Stunde, und hier hat die Sportgerichtsbarkeit mehr Chancen. Es ist von der Politik wohl eher ein Signal in die Richtung: Auch wir sind auf diesem Gebiet aktiv. Das Anti-Doping-Gesetz wäre ein Einstieg. Mehr nicht.

Auch im Sinne der Abschreckung?

Ich glaube, es wird nicht abschrecken. Wer dopen will, wird weiter dopen. Selbst wenn die Strafen noch höher wären. Die zivile Gerichtsbarkeit könnte im besten Fall kriminelle Hintermänner abschrecken. Sportler nehmen doch für Geld und Ruhm unglaublich vieles in Kauf. In Amerika wurden einmal von Soziologen anonym 60 Topathleten gefragt, ob sie für den Gewinn einer Goldmedaille dopen würden - unter der Maßgabe fünf Jahre später nicht mehr am Leben zu sein. Etwa die Hälfte hat „Ja“ gesagt. Ich glaube, das Ergebnis wäre in Deutschland ähnlich. Das beantwortet wohl die Frage.

Das klingt sehr desillusioniert.

Wir haben keine andere Möglichkeit als immer weiter aufzuklären. Andere Optionen existieren nicht. Auch wenn es die Athleten kaum noch hören können. Ich persönlich werde weiterarbeiten wie Sisyphos und penetrant, lästig und unbequem bleiben. Auch mit drastischen Bildern, etwa von schockierender Akne nach der Einnahme von Anabolika. Und manchmal merke ich, dass schon Jugendliche damit ihre Erfahrungen gemacht haben. Ob das alles viel hilft? Ich weiß es nicht. Die Fragezeichen bleiben ja auch bei Anti-Raucher- und Anti-Alkohol-Kampagnen stehen.

Sind Sie überrascht von den Ergebnissen der ARD-Dokumentation über das Doping in Russland?

Überrascht? Nein. Da gibt es auch andere Länder … da reicht ein Blick in die Medaillenspiegel. Östlich der Europäischen Union haben wir als Dopingkontrolleure ohnehin einen schweren Stand. Wir müssen häufig einen Visumantrag ausfüllen, auf dem nicht Tourist, sondern „Durchführung von Dopingkontrollen“ steht. Und manchmal trifft man von einer Mannschaft mit sechs, sieben Personen nur einen vor Ort an. Obwohl die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada den Auftrag gegeben hat. Und ich muss nach all den Jahrzehnten leider sagen, dass ich keinem Athleten mehr traue. Ich habe welche getestet, die dann später positiv waren, von denen hätte ich es nie im Leben erwartet. Noch schlimmer finde ich, wenn Freizeitläufer, etwa bei großen Marathonveranstaltungen, regelmäßig zu Schmerzmitteln und Ähnlichem greifen. Ich habe in den 70er Jahren mal einen Lauf-Treff geleitet. Und nach zwei, drei Jahren aufgehört, als es losging mit der Forderung: Wir müssen jetzt mal mit Medaillen und Urkunden anfangen!


Simret Restle-Apel (Foto: Thomas Zöller)

Auch die hessische Leichtathletik hatte vor zweieinhalb Jahren einen recht prominenten Dopingfall.

Sie sprechen von der Marathonläuferin aus Kassel?

Ja, von Simret Restle.

Epo im Kühlschrank, das angeblich für eine Verwandte bestimmt war und von der Athletin verwechselt wurde. Und ihr Mann ist Arzt. Davon habe ich gelesen und nur den Kopf geschüttelt. Das war reine Comedy. Ich kenne sie persönlich nicht, aber es ist schon ein Brüller gewesen. Darüber hätte ich mit Simret Restle gerne gesprochen.

Haben Sie Verständnis oder gar Mitleid mit Dopingsündern?

Ich stamme aus einer Generation, in der Fairness, Moral, Ethik und Gerechtigkeit eine große Rolle spielt. Jeder weiß, was auf ihn zukommt, wenn er erwischt wird: etwa die Wada-Regelsperre von vier Jahren ab dem 1. Januar 2015. Die Konsequenzen bei Doping-Vergehen muss jeder selbst verantworten. Anders gesagt: muss dafür finanziell und sozial bluten.

Hat sich die Doping-Mentalität in Deutschland verändert seit den 70er Jahren?

Ich denke schon. Damals war es so, dass mich Trainer angerufen haben, ob ich ihnen privat für ihre Athleten etwas verschreiben könnte. Das muss man sich mal überlegen, denn dieses Ansinnen ging ja auch an andere Ärzte. Seitdem hat sich die Mentalität geändert. Dazu beigetragen haben sicher die intensiven Trainingskontrollen, aber auch die präventiven Schulungen durch die Nada. Aber bestimmte Fragen bleiben weiterhin im Raum: Kann ich ohne Doping über 100 Meter zehn Sekunden und schneller laufen? Meine Antwort: Mit überragendem Talent und entsprechendem Training wohl schon. Aber wenn ich sehe, dass bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften bisweilen die Hälfte der Endlaufteilnehmer eine Dopingvergangenheit hat, beginne ich zu zweifeln.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)

 


31.12.2014