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Schmidt: "Ein guter Trainer ist Koordinator, Manager, Türöffner und Psychologe zugleich"


Georg Schmidt (Foto: Peter Schulte)

Neben Philipp Schlesinger gehört der Wiesbadener Georg Schmidt mit 29 Jahren zur jungen Trainer-Garde im Hessischen Leichtathletik-Verband (HLV). Bereits in seiner Jugend stellte er die Weichen in Richtung Trainerberuf. Erst betreute Schmidt Schüler in seinem Wiesbadener Heimatverein. Im Alter von 22 Jahren sammelte er seine ersten Erfahrungen auf HLV-Ebene und assistierte Lauf-Landestrainer Wolfgang Heinig.


Mittlerweile bekleidet Georg Schmidt zwei jeweils halbe Stellen. Die eine beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), wo er für den männlichen Mittelstrecken-Nachwuchs in den Altersklassen U20 und U18 (C- und D-/C-Kader) verantwortlich ist. Die andere beim HLV, wo er den Landeskader Kurzsprint betreut und am Landesstützpunkt in Wiesbaden die leistungssportlichen Rahmenbedingungen optimiert.


Im Gespräch mit hlv.de blickt Georg Schmidt zurück und voraus, gibt Einblicke in seine tägliche Arbeit und beschreibt die Herausforderungen des Trainerberufs.

Meine Bilanz der Saison 2014:

Im Sprint sticht Lisa Mayer mit Silber bei der Jugend-DM über 100 Meter und Staffel-Bronze bei der U20-WM heraus, zumal sie nach einer frühen Verletzung viel Boden gutmachen musste.

Meine Trainingsgruppe mit Marc Reuther (800 Meter), Simon Schütz (Sprint) und Insa Schütze (400 Meter) hatte kein gutes Jahr. Marc hat sich zwar für die U20-WM qualifiziert und ist mit 1:48,87 Minuten in Osterode auch eine gute Zeit gelaufen. Insgesamt aber hatten wir uns mehr erhofft.

Insa Schütze war leider ein Totalausfall. Nachdem die Hallensaison noch einigermaßen zufriedenstellend verlaufen war, kam sie im Freien überhaupt nicht mehr in die Gänge. Wir haben im Training vielleicht zu viel experimentiert. Was letztendlich die Gründe für ihre schwache Saison waren, kann ich nicht sagen. Sie hat einen Haken unter die Saison gemacht und wird nach einer Weltreise zu Beginn der Hallensaison wieder ins Training einsteigen.

Simon Schütz hatte eine überzeugende Hallensaison mit Platz drei bei den Deutschen Jugendmeisterschaften über 60 Meter in neuer Bestzeit von 6,86 Sekunden. Zudem war er verletzungsfrei. Das war im Freien leider nicht mehr so. Wir konnten im Training nur noch reagieren und das machen, was seine angeschlagene Gesundheit zuließ. Das hatte zur Folge, dass Simon sein Minimalziel, die Qualifikation für die U20-Weltmeisterschaften, verpasste. Insgesamt bleibt unter dem Strich ein enttäuschendes Jahr.

Meine Lehren aus der Saison 2014:

Es kann nicht immer bergauf gehen. Der Input garantiert nicht immer einen dementsprechenden Output – weder im Positiven noch im Negativen. Man kann noch so vernünftig und eifrig planen und trainieren – in den Resultaten spiegeln sich diese Bemühungen nicht immer wider.

Die U20-Weltmeisterschaften haben mir aufgezeigt, dass das internationale Niveau sowohl auf den Mittelstrecken als auch im Sprint immer mehr ansteigt und Topzeiten von immer jüngeren Athleten erbracht werden. Ein gutes Beispiel ist das 800 Meter-Finale der Olympischen Spiele 2012. Silber und Bronze gingen dort an Nijel Amos aus Botswana und Timothy Kitum aus Kenia. Beide hatten bei den U20-Weltmeisterschaften wenige Wochen zuvor die Plätze eins und zwei belegt. (Anm.: Amos egalisierte in London im Alter von 18 Jahren den alten Weltrekord von Sebastian Coe von 1:41,73 Minuten)

Die Infrastruktur in den USA ist beeindruckend. Sie ist in Eugene ganz auf American Football und Leichtathletik ausgerichtet. Die Universität von Salem (Anm.: dort waren die deutschen Athleten im Vorfeld für eine Woche im Trainingslager) ist keine ausgesprochene Sport-Universität, verfügt aber trotzdem über mehrere moderne Kältebecken und einen Topkraftraum. Etwas Vergleichbares findet man in Deutschland höchstens in Stuttgart, Leverkusen oder Wattenscheid.

Man muss nicht über dieselbe Ausrüstung verfügen, aber wenn bestimmte Strukturen nicht vorhanden sind (sei es trainingstechnischer oder physiotherapeutischer Art), dann kann man trainieren wie man will. Für ganz vorne wird es trotzdem nicht reichen.


Seit kurzem Trainingspartner: Die Sprinter Simon Schütz (blaues Trikot) und Nils Kessler (Fotos: IRIS)

Mein Ausblick auf die Saison 2015:

Marc Reuther und Simon Schütz wollen sich in ihrem letzten Jugend-Jahr für die U20-Europameisterschaften qualifizieren. Marc sollte zudem eine gute Platzierung im Endlauf anstreben. Bei Simon nenne ich nach all seinen Verletzungen keine Zeiten und keine Platzierungen. Bei ihm ist die Qualifikation in einer Einzeldisziplin das Primärziel.

Für Insa Schütze und Nils Kessler wird 2015 das erste Jahr in der U23. Insa soll erst einmal wieder ordentlich trainieren und sich dann bei den Deutschen U23-Meisterschaften in Wetzlar gut präsentieren. Von einem Staffeleinsatz bei der U23-EM zu sprechen wäre vermessen.

Nils Kessler betrachte ich ein bisschen als "Wundertüte". Ich kenne ihn bereits seit ein paar Jahren. In meiner Trainingsgruppe aber ist er neu. Zurzeit aber macht Nils riesige Fortschritte. Ich halte Zeiten zwischen 10,45 Sekunden und 10,50 für realistisch. Mit diesem Potenzial sollte er auch bei der U23-DM eine gute Rolle spielen.

Lisa Jäsert (Anm.: sie hat davor bei Wolfgang Heinig trainiert) hat sich in diesem Jahr der Trainingsgruppe angeschlossen. Nach drei "schwierigen" Jahren, in denen sie verletzungsbedingt nicht ihr wahres Leistungspotenzial zeigen konnte (Anm.: 2011 gewann sie Bronze bei der U20-EM über 3.000 Meter), wird das Jahr 2015 ein ganz entscheidendes sein. Es wird sich zeigen, ob sie in der Sportfördergruppe der Polizei (Anm.: Lisa Jäsert ist Polizeikommissaranwärterin) bleiben wird. Wichtig für Lisa wird sein, dass sie mit einer guten medizinischen Betreuung über das gesamte Jahr am Stück trainieren kann. Ihr Anspruch sollte darüber hinaus sein wieder an ihre Bestzeiten (Anm.: 1.500 Meter: 4:19,06 Minuten/3.000: 9:26,10) heranzulaufen.

Mein Werdegang:

Ich war schon während meiner Athletenzeit ein Trainer-Typ. Ich habe viele Vorgänge und Abläufe im Training hinterfragt. Aufgrund von Verletzungen habe ich bereits in der Abiturphase mit dem aktiven Sport aufgehört. Danach habe ich in Mainz mein Sportstudium mit dem Schwerpunkt "Leistungssport" aufgenommen. Parallel zum Studium habe ich in Wiesbaden auf Vereinsebene meine ersten Erfahrungen als Trainer gesammelt. Das ging mit einer Schülergruppe los. Der Fokus lag zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Mehrkampf.

2007 übernahm ich beim HLV meine erste Aufgabe und assistierte Wolfgang Heinig (Anm.: Heinig war damals Trainer für den Landeskader Lauf). Während Wolfgang Heinig für die älteren Schüler um Gesa Krause zuständig war, habe ich mich um die jüngere Schülergruppe gekümmert. Martin Schwerdtfeger und Benjamin Stalf gehörten damals zu den betreuten Athleten. Dann tauchten plötzlich auf Vereinsseite viele Sprinter auf.

2011 habe ich beim HLV den den Landeskader Kurzsprint übernommen, 2013 das Angebot des DLV als C- und D-/C-Trainer für die Mittelstrecke männlich angenommen. Das umfasst die Jahrgänge U20 und U18, doch Sichtungslehrgänge für Schüler gehören ebenfalls dazu.


Steigt wieder ins Training ein: Insa Schütze (Foto: Benjamin Heller)

Meine Aufgaben am Landesstützpunkt in Wiesbaden:

Ich versuche die leistungssportlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Das umfasst die Teilgebiete Logistik, medizinische und physiotherapeutische Betreuung sowie die Anschaffung von Sportgeräten. Außerdem betreue ich vor Ort (neben meiner eigenen Trainingsgruppe) Jugendliche, die dem hessischen Landeskader im Kurzsprint angehören.

Die Qualitäten eines guten Trainers:

Die Aufgaben eines Trainers lassen sich am besten unter dem Oberbegriff "Athletenmanagement" zusammenfassen. Der Trainer im Nachwuchsbereich ist Koordinator, Manager und Türöffner zugleich. Es müssen viele Dinge aufeinander abgestimmt werden. Der Trainer ist für die Athleten der erste Ansprechpartner was das Training, die ärztliche und physiotherapeutische Betreuung sowie die Koordination von Leistungssport und beruflicher Ausbildung betrifft.

Trainingswissenschaftliches Grundwissen ist die Grundvoraussetzung. Ein guter Trainer sollte aber auch über die nötigen außersportlichen Kontakte verfügen und dieses Netzwerk seinen Athleten zur Verfügung stellen. Ein Trainer muss nicht alles wissen, aber er sollte wissen, an wen er sich bei bestimmten Thematiken wenden kann.

Ein Trainer sollte eine Atmosphäre schaffen, in denen über alle Dinge diskutiert werden kann – auch über unangenehme Themen. Darauf zu hoffen, dass sich bestimmte Problemen und Spannungen von alleine lösen, ist für mich der falsche Ansatz.

In Krisenzeiten ist der Trainer auch als "Psychologe" gefordert. Das beste Beispiel ist Marc Reuther. Für ihn ging es ab 2012 fast nur bergauf. Er gewann zwei deutsche Meistertitel und lief bei der U18-WM auf den fünften Platz. Das Aus nach dem Vorlauf in Eugene war eine herbe Enttäuschung und musste erst im Athleten-Trainer-Gespann verarbeitet werden. Aber Marc wird 2015 wieder angreifen. Das zeigte schon seine Aussage, dass Eugene trotz der Enttäuschung die bisher wichtigste Erfahrung seiner Karriere gewesen sei.

Was ich von meinen Athleten erwarte:

Das lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: alles. In meiner Anfangszeit als Landeskadertrainer habe ich dazu geneigt, meinen Athleten alles abzunehmen und alles optimieren zu wollen, von schulischen Dingen über die ärztliche Betreuung bis zur Ernährung. Mittlerweile erwarte ich von meinen Athleten, dass sie sich aus eigenem Antrieb hundertprozentig für ihren Sport einsetzen. Ich will nicht sagen, dass die Zusammenarbeit mit Athleten, bei denen diese intrinsische Motivation nicht vorhanden ist, keine Perspektive hat, denn Menschen sind lernfähig. Allerdings glaube ich auch, dass Menschen nur bedingt wandlungsfähig sind. Wer am Anfang zu allem überredet werden muss, wird sich später kaum zu allem selbst motivieren können. Und ein Leistungssportler, der zu allem überredet werden muss, hat meiner Ansicht nach keine Perspektive.

Bei Simon Schütz, Marc Reuther, Nils Kessler, Lisa Jäsert und Insa Schütze weiß ich, dass sie sich voll mit ihrem Sport identifizieren. Sie richten ihr Leben nach dem Leistungssport aus und nicht umgekehrt. Das ist für mich die Grundvoraussetzung dafür den Leistungssport auch im Erwachsenenalter weiterzuführen.

Auch bei der Wettkampfgestaltung ist die intrinsische Motivation das A und O. Wenn der Athlet jedoch Unterstützung benötigt, soll der Trainer beratend zur Verfügung stehen.


Zwei Jugendmeistertitel über 800 Meter: Marc Reuther (Foto: IRIS)

Die Entwicklung und Perspektive von Marc Reuther:

In der U18 kam Marc in meine Trainingsgruppe. Bis dahin hatte er Leichtathletik nur sporadisch betrieben und parallel Fußball gespielt. Mit zweimal Leichtathletik- und zweimal Fußballtraining in der Woche wurde er schon in den D-/C-Kader berufen. Seitdem hat sich Marc kontinuierlich weiterentwickelt. In der Hallensaison 2013 ist er bereits eine tiefe 1:56er-Zeit gelaufen (Anm.: 1:56,09 Minuten). Bei den Jugendhallenmeisterschaften erreichte er gegen Konkurrenz aus der U20 das Finale. Im Sommer 2013 steigerte er sich auf 1:50,05 Minuten, 2014 dann auf 1:48,87 Minuten.

In den nächsten zwei Jahren wird sich entscheiden, ob Marc in der Lage sein wird sich auf den Unterdistanzen so zu verbessern, dass er später einmal 800 Meter auf absolutem Weltklasse-Niveau laufen kann. Voraussetzung dafür wäre ein Niveau zwischen 46,0 und 46,5 Sekunden über 400 Meter (Anm.: seine Bestleistung steht bei 48,59 Sekunden). Bisher ist seine 800 Meter-Zeit qualitativ höher einzuschätzen als seine Bestleistung über 400 Meter.

Marcs große Stärke sind Tempoläufen und seine hohe Laktattoleranz. Ich schließe nicht aus, dass Marc in Zukunft auch schnell und konkurrenzfähig über 1.500 Meter sein wird.

Die Situation bei Simon Schütz:

Simon Schütz hat als 15-Jähriger bereits seinen ersten deutschen Meistertitel in der Halle gewonnen. Genetisch bringt er vieles mit, was einen Sprinter auszeichnet. Leider schleppt er auch ein großes Paket an körperlichen Einschränkungen mit sich herum. Um seine Beweglichkeit und Athletik zu verbessern und verschiedene Dysbalancen auszugleichen, absolviert Simon mittlerweile vier bis fünf Krafteinheiten in der Woche.

In der Sportfördergruppe bei der Polizei hat er hat viel Zeit für das Training und die Trainingsnachbereitung. Dazu gehören Physiotherapie, Osteopathie, Orthopädie und Athletiktraining. Ich bin guter Dinge, dass jetzt ein geregeltes Training möglich sein wird. Viel mehr ist in diesem Bereich kaum noch möglich.

Die Bedeutung der Trainingsgruppe:

Für meine Topathleten gilt: sie sollen sich international erfolgreich präsentieren. Ganz egal, ob das im Nachwuchs- oder Erwachsenenbereich ist. Eine Trainingsgruppe besteht aber nicht nur aus Topathleten. Ich habe zahlreiche Athleten, die sich sehr gut in das Training einbringen und die anderen unterstützen, auch wenn sie keine höchsten leistungssportlichen Ambitionen haben. Solche Athleten sind sehr wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe.

In der Trainingsgruppe sollte ein Mittelweg zwischen gesundem Egoismus und Miteinander gefunden werden. Die Athleten sollten in der Lage sich einem System, das der Trainer vorgibt, unterzuordnen. Außerdem sollte eine Grundsympathie zwischen Trainer und Athlet herrschen. Athleten und Trainer müssen sich auch menschlich etwas abgewinnen können. Sonst wird es schwierig.


Neu in Wiesbaden: Lisa Jäsert (Foto: IRIS)

Worauf ich bei neuen Athleten zuerst achte:

Ich schaue, wie sie sich bewegen und ob sie "schnelle" Füße haben. Das betrifft konkret die Reaktionsfähigkeit der Füße in der Bodenkontaktphase. So etwas kann man schnell erkennen. Ich habe bisher noch keinen Athleten getroffen, der anfangs recht schwerfällig war und dann durch Training deutlich dynamischer geworden ist. Mit Sprungformen wie reaktiven Sprüngen und dem Sprinten an sich lässt sich diese Fähigkeit noch punktuell ausbauen. Trotzdem scheinen "schnelle" Füße in hohem Maße genetisch bedingt zu sein.

Die Abstimmung zwischen Trainer und Athlet:

Ich finde, da sucht sich jeder Topf sein Deckelchen. Ich habe in den seltensten Fällen Trainer und Athleten getroffen, die sich in ihren Grundeigenschaften gänzlich unterscheiden. Meine Einschätzung ist die, dass sich Trainer und Athleten aufeinander zubewegen und sich in der Mitte treffen. Es ist nicht förderlich, wenn sich der Athlet komplett für den Trainer ändern würde oder umgekehrt. Sicher sollten bestimmten Erwartungen geäußert werden. Und die Bereitschaft leichte Abstriche zu machen sollte beiderseitig gegeben sein.

Meine Trainingsplanung:

Die Grobplanung entwerfe ich in der Regel ein Jahr, die Feinplanung ein halbes Jahr im Voraus. Die Planung ist zwar nicht in Stein gemeißelt, trotzdem versuche den roten Faden beizubehalten. Dies setzt voraus, dass keine größeren Einschränkungen wie Verletzungen dazwischen kommen.

Die Rolle des Trainers in der Betreuung von jungen und erfahrenen Athleten:

Die Konstellation Trainer-Athlet ändert sich komplett. Bei jüngeren Athleten nimmt der Trainer die Rolle eines Rundumorganisators ein. Das geht bei erwachsenen Athleten stark zurück. Der Trainer begleitet die Entwicklung zum mündigen und gänzlich selbstverantwortlichen Athleten.

Die trainingsmethodische Einordnung der 800 Meter-Strecke:

International haben die Durchgangszeiten bei 200 und 400 Metern, sei es in der Jugend oder im Erwachsenenbereich, Sprintniveau. Man muss sich nur die 400 Meter-Bestzeiten von David Rudisha (45,15 Sekunden/Anm.: der Kenianer hält seit 2012 den aktuellen Weltrekord von 1:40,91 Minuten), Nijel Amos (45,56) oder früher Alberto Juantorena (44,26; Anm.: der Olympiasieger über 400/800 Meter 1976) anschauen. Man wird im internationalen Spitzenbereich bei den Männern kaum 800 Meter-Läufer finden, die eine 400 Meter-Bestzeit von deutlich über 46 Sekunden aufweisen. Und diese Zeiten kann man nur mit einem sprintorientierten Basistraining erzielen. Bei einem 800 Meter-Läufer müssen zuerst die Zeiten auf den Unterdistanzen, sprich 200 Meter und 400 Meter, stimmen. Erst dann kann man überhaupt sagen, ob er perspektivisch ein guter 800 Meter-Läufer werden kann.

Die Bedeutung des Krafttrainings im Kurzsprint und auf den Mittelstrecken:

Das Krafttraining im Sprint und auf den Mittelstrecken ist praktisch identisch. Die Übungen, Wiederholungszahlen sowie die Umfänge unterscheiden sich kaum. Nur der prozentuale Anteil des Krafttrainings am Gesamttraining ist unterschiedlich.

Während beim Sprinter pro Woche drei- bis viermal Krafttraining von bis zu jeweils eineinhalb Stunden auf dem Programm steht, ist das beim Läufer höchstens zweimal pro Woche möglich.

Grundsätzlich baue ich Variationen der Kniebeuge und viele Übungen für die ischiocrurale Muskulatur (Anm.: hintere Oberschenkel) und den Po ein. Für den Läufer kommen dann noch speziell Übungen für die vordere Schienbeinmuskulatur dazu.


Marc Reuther in seinem Vorlauf bei der U20-WM in Eugene (Foto: IRIS)

Die Bedeutung des Umfelds:

Ein gutes Umfeld kann es dem Athleten erleichtern seine sportlichen Ziele zu verfolgen. Dazu gehören ein unterstützendes Elternhaus, Mobilität und eine leistungssportförderliche Ausbildung. Insgesamt geht es darum, dass der Athlet in der Lage sein sollte sein Umfeld nach seinen sportlichen Ambitionen auszurichten.

Eine besondere Bedeutung kommt dem medizinischen und physiotherapeutischen Bereich zu. Ich habe bisher kaum Spitzenathleten kennengelernt, die auf medizinische Betreuung verzichten konnten. In Wiesbaden kann ich mittlerweile sagen, dass die medizinische Betreuung modernen Ansprüchen entspricht. Die Hauptinstitutionen sind das Rehazentrum Med 4 Sports und das Gelenkzentrum Rhein-Main.

Med 4 Sports ist eine Außenstelle des Olympiastützpunkts (OSP) Frankfurt. Dort findet das Gros der physiotherapeutischen Betreuung statt. Mit verschiedenen Standorten ist das Gelenkzentrum Rhein-Main vertreten, das für die orthopädische Betreuung zuständig ist. Dazu gehört eine 4D-Bewegungsanalyse.

Die Möglichkeiten sind natürlich nicht für alle Athleten gleich. Aber insgesamt gibt es Ansprechpartner für alle Athleten. Wie und in welchem Umfang diese Möglichkeiten genutzt werden, hängt vom Willen und Organisationsgeschick jedes einzelnen Athleten ab.

Die Bedeutung der Ernährung:

Das ist wie in der Formel 1. Wenn ich qualitativ minderwertiges Benzin tanke, dann kann ich auch keine Spitzenzeiten erwarten. Die Möglichkeiten, die einem die neuesten ernährungsphysiologischen Erkenntnisse bieten, sollten genutzt und die einfachsten Richtlinien eingehalten werden.

Ein Beispiel: Da Leistungssportler ihre Muskelstrukturen ständig schädigen, benötigen sie Aminosäuren und hochwertige Eiweiße, um die Regeneration zu beschleunigen. Alle drei Monate lassen die Athleten ein Blutbild erstellen, um die Werte für Spurenelementen, Aminosäuren, Vitaminen und Mineralien zu kontrollieren. Immer kontrolliert werden die Werte für B-Vitamine und das Ferritin (Anm.: Speicherstoff für Eisen). Man sollte so bewusst mit seiner Gesundheit umgehen und die Fortschritte im Training nicht durch falsche Ernährung gefährden. Denn dafür trainieren wir nicht.

Ein typischer Tagesablauf:

Nach dem Aufstehen kümmern sich meine Frau und ich um unsere beiden Kindern und bringen sie in den Kindergarten. Um 8:30 Uhr beginnt die Büroarbeit, die ich zu 75 Prozent von zu Hause und zu 25 Prozent auf der Geschäftsstelle des Wiesbadener LV erledige. Bis um 14 Uhr bin ich in der Regel mit Büroaufgaben beschäftigt. Danach folgen ein oder zwei Trainingseinheiten. Die erste beginnt um 16 Uhr, die zweite um 18 Uhr. Bis 20.30 Uhr stehe ich meistens auf dem Trainingsplatz.

(Das Gespräch führte Tammo Lotz)

 


07.01.2015