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Die Leichtathletik in Hessen: Im Aktivenbereich nur bedingt konkurrenzfähig - "Schwierige Phase"


Edgar Itt und Harald Schmid (Foto: 50 Jahre HLV)

Die Leichtathletik lebt - auch in Hessen. Positive Entwicklungen, strukturelle Fortschritte und sportliche Erfolge im Schüler- und Jugendbereich sind unübersehbar. Etwas anders sieht es bei den Aktiven aus. Hier sind seit Jahren fast ausschließlich dieselben Athleten auf nationaler Ebene erfolgreich; stellvertretend genannt seien der Zehn- und Siebenkampf, der weibliche Hammerwurf und die Mittel-/Langstreckengruppe um die Trainer Katrin Dörre-Heinig und Wolfgang Heinig. Gesa Krause (3.000 Meter Hindernis) gelang ohne Reibungsverluste der Sprung von der Nachwuchsklasse in die internationale Elite, Katharina Heinig (Marathon) ist nahe dran, Homiyu Tesfaye hat über 1.500 Meter den deutschen Rekord im Blick. Zu dem Erfolgsquartett gehört zudem Nico Sonnenberg.

Auch im Männersprint tut sich Erfreuliches: Felix Göltl und Michael Pohl laufen in der erweiterten deutschen Spitze. Ebenfalls im Trikot der LG Friedberg-Fauerbach unterwegs: die nationale Meisterin über 400 Meter Hürden, Christiane Klopsch.

Doch es gibt Lücken, unübersehbare Lücken, bisweilen braches Land. Nur zwei, drei Beispiele, die dem Beobachter wohl schon bekannt sind. Bei den hessischen Hallenmeisterschaften in Hanau beteiligten sich vier Frauen an der Stabhochsprung-Konkurrenz, der Titel ging weg mit 3,50 Metern. Gleichfalls nur ein Quartett beteiligte sich am Weitsprung. Im Männer-Hochsprung gab es nur fünf Teilnehmer, und hinter dem Sieger Martin Günther (2,23 Meter) klaffte eine derart große Lücke, dass für Platz drei 1,90 Meter reichten. Die genannten Vor-Ort-Stichproben sind Anlass für eine Bestandsaufnahme, die als ersten Befund folgendes Ergebnis liefert: Die hessische Leichtathletik krankt im Aktiven-Bereich. Häufig fehlt es an Klasse, fast immer an Masse, und es drängen sich Fragen auf: Sind dies hausgemachte Probleme oder sozial-gesellschaftlich bedingte Phänomene?

In einigen Disziplinen hilft aktuell der Verweis auf eine lange Tradition nicht weiter. Bestes Beispiel sind die schwächelnden 400 Meter Hürden. Heinz Ulzheimer, Harald Schmid, Uwe Schmitt, Edgar Itt, Christian Duma und Lars Birger Hense - die Zahl der deutschen Titel, die über diese Strecke seit 1953 nach Hessen gingen, beträgt 18 (!). Hoffnung auf eine kleine Renaissance nährt seit dem 1. Januar 2015 der deutsche Meister der Jahre 2010 und 2012, Georg Fleischhauer. Er geht jetzt für die LG Eintracht Frankfurt an den Start.


Christian Thomas (Foto: 50 Jahre HLV)

Ein anderes Beispiel ist der Weitsprung der Männer. Auch hier gibt es eine Historie mit klangvollen Namen: Christian Thomas (8,21 Meter/1994), Georg Ackermann (8,21/1995), Hans Baumgartner (8,18/1972), Hans-Peter Lott (8,09/1996). Gemeinsam hatten all diese Athleten: Sie wurden von Weitsprung-Guru Hansjörg Holzamer aus Heppenheim trainiert. Nicht unterschlagen werden darf in diesem Zusammenhang der deutsche Rekordhalter über 110 Meter Hürden, Florian Schwarthoff (13,05Sekunden/1995), Mitglied des TV Heppenheim und Holzamer-Schüler. Wie auch der letzte hessische Weitspringer, der national konkurrenzfähig war: Remigius Roskosch sprang im Jahr 2008 7,79 Meter weit. Danach folgte der Abschwung. Der hessische Hallenmeister 2015 landete bei 7,04 Metern und gehört noch der U20-Klasse an.


Gerd Nagel (Foto: 50 Jahre HLV)

Einige Disziplinen scheinen in Hessen völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Prägnante Beispiele sind der Frauen- und Männer-Hochsprung, in den 80- und 90er Jahren auch eine der herausragenden Disziplinen im DLV. Gerd Nagel, Kristofer Lamos, Thorsten Marschner und fast ein halbes Dutzend weiterer Athleten aus Frankfurt prägten zwei Generationen. Neben Günther gelang zuletzt Sebastian Knop (LG Wetzlar/2,18 Meter) der Sprung in die - erweiterte - deutsche Spitze. Im Jahr 2001. Interessant: Bei den Frauen haben selbst die überragenden Leistungen der deutschen Rekordhalterin Ariane Friedrich (Frankfurt) keinen Nachzieheffekt verursacht. Im Nachwuchsbereich haben die Landestrainer Günter Eisinger und Sophia Sagonas mit einem Neuaufbau begonnen, der bereits erste Erfolge zeitigt. Was von einer anderen Sprung-Problemdisziplin (Stabhochsprung/Frauen, Männer) nur bedingt behauptet werden kann.

Besonders schwer tun sich die „Schwergewichte“. Hessen hat keine Diskus- und Hammerwerfer, Kugelstoßer und Speerwerfer, die bundesweit eine Rolle spielen. Auch dies war mal anders. Hier sind im Männerbereich vier Disziplinen mehr oder weniger weggebrochen. Bei den Frauen ist die Lage bekanntlich weitaus komfortabler mit Betty Heidler, Kathrin Klaas und Carolin Paesler (Hammer) sowie Sabine Rumpf (Diskus). Auch im Hammerwurf hat nach der Ära Michael Deyhle in Hessen mit der Landestrainerin Regine Isele eine neue Zeitrechnung begonnen.


Markus Czech (Foto: HLV)

Markus Czech, HLV-Vizepräsident Leistungssport, kennt all diese Problemzonen. Und weiß bei den Problemen bisweilen nicht, was Ursache und was Wirkung ist. Der 43-Jährige kennt die hessische Leichtathletik aus dem Effeff, war selbst mehrfacher Schülermeister, betreute als Trainer die ehemalige deutsche Weitsprung-Meisterin und WM-Teilnehmerin Beatrice Marscheck (LAZ Gießen). „Uns fehlt bei den Aktiven oft der Mittelbau, der direkte Anschluss zur Spitze zwischen Platz drei und zehn in der hessischen Bestenliste“, sagt er. Czech spricht von einer „schwierigen Phase“, sagt aber auch: „Wir sind dabei, neue Ideen zu finden.“ Der HLV-Vizepräsident betrachtet den HLV als Partner der Vereine, man berate die Klubs bei ihrer Arbeit und spreche Empfehlungen aus. Und eine davon lautet: „Wir müssen das Credo des Leistungssports in „homöopathischen Dosen“ verabreichen, nicht mit der Brechstange.“

„Vielleicht ist das Thema Leistungssport in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen“, sagt Czech. „Das ist jedenfalls mein Gefühl.“ Ein Ansatz sei für ihn: „Wir müssen mit den Athleten vorsichtiger umgehen.“ Athleten, die in ihrem Umfeld mehr „Störfaktoren“ hätten als in den 80er und 90 Jahren. Athleten, die schulisch/universitär/beruflich anders gefordert werden und zugleich vielfältige andere Sportangebote haben; Athleten, die wissen, dass in der Leichtathletik nur selten gutes Geld zu verdienen ist und auch Ruhm und Ehre recht überschaubar sind. Und die bisweilen allein deshalb nach einer schlechten Saison ihre Karriere beenden. Oder schlichtweg pragmatisch entscheiden, ob Aufwand/Ertrag in einem zumutbaren Verhältnis stehen.

Im Fokus von Czech steht die Arbeit der Vereinstrainer, die er „langfristig begeistern“ und zur Bildung von Netzwerken sowie zur Zusammenarbeit bewegen möchte. „Hierfür müssen aber persönliche Eitelkeiten im Sinne der Athleten beiseite geräumt werden.“ Ein Projektversuch im Jugendbereich zwischen dem LAZ Gießen und der LG Eintracht Frankfurt (Jörg Huppers) läuft seit Beginn der Hallensaison, was bei den hessischen Jugendhallenmeisterschaften bereits positive Auswirkungen zeigte. Czech hat in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt und sich umgehört. Sein Eindruck ist: „Bei vielen Vereinstrainern fehlt spezielles Wissen, das nötig ist, um Athleten auf höchstem Niveau zu betreuen.“ Was sich wohl auch darin dokumentiert, dass im Flächenland Hessen die langfristigen Kadermitglieder in den vergangenen zehn Jahren auf „eine Handvoll“ Vereine verteilt waren.


Erfolgstrainer Michael Deyhle und Betty Heidler (Foto: Martin)

Hinzu kommt: Für die größten hessischen Erfolge der vergangenen Jahre stehen fast immer dieselben Trainer: der mittlerweile pensionierte Jörg Graf, Jürgen Sammert, Eisinger, Deyhle, Wolfgang Heinig. Czech spricht in diesem Kontext von einer „Trichterbildung“, der man entgegenwirken könne, indem man aktiv den Kreis der „Wissenden“ erweitere.

Dass es „in bestimmten Disziplinen nicht gut aussieht“, räumt auch HLV-Geschäftsführer Thomas Seybold ein. „Doch welche Lehren zieht der Verband daraus?“, fragt der ehemalige Weitspringer (7,51 Meter/1981). Eingeleitet wurden bereits zahlreiche Maßnahmen: die Förderung der Zusammenarbeit Schule/Verein, zahlreiche Lehrer-Trainer-Stellen, der Traumeel-Cup als Kreis-Mannschaftsvergleichskampf, der Lauf-Cup, Kooperationsangebote an die Kreise, die Auszeichnung von Nachwuchsvereinen in Zusammenarbeit mit dem Leichtathletik Förderverein Hessen (LFH), die Leichtathletik-Gala und nicht zuletzt der 2. HLV-Kongress Ende März 2014 mit dem Thema Leichtathletik als Nachwuchsförderung. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Als Option ausgelotet wird derzeit eine Leistungssport-Tagung im Frühjahr 2015. Hier sollen interessierte Vereinstrainer und HLV-Trainer im gemeinsamen Diskurs die bestehenden Probleme erörtern und nach Lösungen suchen. „Und wir werden weitere Möglichkeiten ausloten“, sagt Czech. „Für Anregungen unserer Vereine und Kreise sind wir wie immer selbstverständlich offen.“

Uwe Martin

 


23.01.2015