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Schlussbetrachtung Hallen-EM: Tesfaye nur Vierter, Krause rehabilitiert sich als Fünfte


Zerknirscht: Homiyu Tesfaye (Fotos: Iris Hensel)

Nach zwei deutschen Rekorden jetzt der vierte Platz bei der Hallen-EM in Prag: das hatte sich Homiyu Tesfaye (Eintracht Frankfurt) anders vorgestellt. Während der Tscheche Jakob Holusa seine dramatische Aufholjagd unter dem frenetischen Jubel seiner Landsleute mit Gold in neuer Landesrekordzeit (3:37,68 Minuten) krönte, ging der weltweit schnellste 1.500 Meter-Läufer dieser Hallensaison (3:34,13) in der O2 Arena nach 3:39,08 Minuten leer aus. Der für die Türkei startende gebürtige Kenianer Ilhan Tanui Özbilen (3:37,74) musste mit Silber vorlieb nehmen. Bronze schnappte sich der Brite Chris O´Hare (3:38,96).


Wie Homiyu Tesfaye bei seinem Start-Ziel-Sieg im Vorlauf am Samstag ergriff Ilhan Tanui Özbilen im Finale sofort die Initiative. Seine Zwischenzeiten: 57,5 Sekunden nach 400 Metern, 1:59 Minuten nach 800 Metern und 2:57 Minuten nach 1.200 Metern. Während der Türke, ausgestattet mit der zweitschnellsten Saisonzeit (3:38,05) aller Finalteilnehmer, Kurs auf Gold nahm, hielt sich Homiyu Tesfaye zurück. Eingeklemmt im Pulk, konnte er kaum agieren. Auf den letzten 300 Metern forcierte zuerst O´Hare das Tempo, dann Holusa. Tesfaye versuchte aufzurücken, wurde aber wieder geblockt, musste weite Wege gehen um sich zu befreien. Der Gold-Zug war abgefahren. Im Kampf um Bronze mobilisierte der Schützling von Trainer Wolfgang Heinig zwar noch einmal all seine Kräfte. Doch es sollte nicht reichen. Wie schon letztes Jahr bei der EM in Zürich (Fünfter) und der Hallen-WM in Sopot (Siebter) jubelten die anderen – und nicht der gebürtige Äthiopier, der vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen war, seit dem Sommer 2013 für seine neue Heimat international starten darf und sich den Olympiasieg zum Ziel gesetzt hat. Die einzige Medaille auf internationaler Bühne bleibt weiterhin der Sieg bei den Militär-Europameisterschaften 2013.

Der Rückblick offenbart: so herausragend sein läuferisches Vermögen auch ist, taktisch hat Homiyu Tesfaye noch Nachholbedarf. In Zürich wurde im Finale gebummelt, dann stürzte Florian Orth eine Runde vor Schluss und Homiyu Tesfaye musste ausweichen. Die Verwirrung nutzte der Franzose Mahidiene Mekhissi-Benabbad aus und lief auf und davon. Im Schlussspurt fiel Tesfaye noch vom zweiten auf den fünften Platz zurück. Schon bei seinem zweiten Platz bei der Team-EM verhielt sich Tesfaye ungeschickt. Es kam zu einem Rempler auf der Zielgeraden (ausgerechnet mit Holusa), Tesfaye geriet ins Straucheln und der Tscheche hatte die Nase vorn. „Ich hätte einfach noch früher an die Spitze gehen müssen“, bekannte er damals selbstkritisch.

Medaillenambitionen hegte der Schützling von Trainer Wolfgang Heinig auch im polnischen Sopot. Nach einem souveränen Vorlauf-Sieg sahen viele Experten in ihm einen Medaillenkandidaten. Doch als im Finale nach 1.000 Metern die Post abging, konnte Tesfaye nicht folgen. Während der Sieger Ayenlah Suleiman (Dschibuti/3:37,52) die letzten 500 Meter in 68 Sekunden zurücklegte (Zeiten, die ein Tesfaye in Bestform auch vor einem Jahr schon hätte anbieten können), verlor der Frankfurter knapp zweieinhalb Sekunden und musste sich mit dem siebten Platz (3:39,90) begnügen.


Gesa-Felicitas Krause beim 1.500 Meter-Start

Homiyu Tesfayes Vereinskollegin Gesa-Felicitas Krause hatte gleich zwei Bewährungschancen bei ihrer ersten Hallen-EM-Teilnahme. Die erste über 3.000 Meter ging gehörig daneben: Vorlauf-Aus nach 9:11,01 Minuten, weit weg von ihrer Bestleistung (9:00,25) aus dem Januar. Verwunderlich war der unbefriedigende Auftritt auch deswegen, da der Rennverlauf in Prag ähnlich war wie bei deutschen Hallenmeisterschaften, als die Frankfurterin in 9:04,84 Minuten und einem flotten Schlusskilometer von 2:55 Minuten zu ihrem Premieren-Titel bei den Aktiven lief. In Prag sagte sie gegenüber leichtathletik.de: „Vielleicht war es ein Fehler über 3.000 Meter zu melden. Ich war im Kopf nicht wirklich da.“ Eine ehrliche, für einen Leistungssportler aber auch etwas unglückliche Aussage.

Durch den Wegfall der Vorläufe über 1.500 Meter ergab sich unerwartet die Chance zur Rehabilitation – und diese gelang einigermaßen. Während die favorisierte Niederländerin mit äthiopischen Wurzeln, die Freiluft-Europameisterin Sifan Hassan, ungestört ihre Kreise zog und einem relaxten Start-Ziel-Sieg in 4:09,04 Minuten entgegenlief, agierte Gesa-Felicitas Krause taktisch klug und passierte die Ziellinie als Fünfte. Ihre Zeit: 4:15,40 Minuten. Damit verbesserte sich die Frankfurterin gegenüber der Meldeliste, in der sie mit ihrer Bestleistung aus dem Vormonat (4:12,46) als Sechste geführt wurde, um einen Platz. Und doch war die 22-Jährige nicht ganz zufrieden „Auf dieser Strecke fehlt mir etwas die Erfahrung. Ich denke, da geht noch mehr. Aber ich habe gezeigt, dass ich gut laufen kann.“

Mehr erwartet von sich hatte auch die Weitsprung-DM-Zweite Xenia Achkinadze. Angetreten mit einer Saisonbestleistung von 6,55 Metern, wollte die Springerin vom Wiesbadener LV in der Qualifikation Vollgas geben und ihre Finalchance wahren. Wie erwartet hätte der Schützling von Trainer Peter Rouhi dafür ihr Leistungspotenzial komplett abrufen müssen. Letztlich ging der achte und letzte Finalplatz mit 6,53 Metern weg – und an die Berlinerin Melanie Bauschke. Xenia Achkinadzes dritter und weitester Satz wurde mit 6,29 Metern gemessen. Die Enttäuschung hakte die 26-Jährige schnell ab – und setzt von nun an auf den Sommer. In der Lauftechnik hat sie sich seit letztem August schon deutlich verbessert. „Damit will ich im Winter abschließen.“ Die nächste Baustelle kennt die Polizistin aus der Sportfördergruppe der Schutzpolizei in Hofheim auch schon: den Absprung. „Es gibt noch was zu holen“, sagte sie gegenüber leichtathletik.de.

Carolin Schäfer (TV Friedrichstein) brach ihren Fünfkampf vor dem abschließenden 800 Meter-Lauf ab – wegen Wadenproblemen. Ungleich schwerer wiegt der Schicksalsschlag, den sie im Vorfeld der Hallen-EM durch den tragischen Unfalltod ihres Lebensgefährten erlitten hatte. Via Pressemitteilung ließ die Nordhessin mitteilen, dass sie sich "nach langen Gesprächen mit seiner und meiner Familie sowie weiteren Personen meines Vertrauens" dazu entschieden habe, in Prag zu starten. Unter diesen Umständen sind ihre Leistungen (8,50 Sekunden über 60 Meter Hürden, 1,77 Meter im Hochsprung, 13,41 Meter im Kugelstoßen und 5,95 Meter im Weitsprung) mit großem Respekt zu betrachten.

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Tammo Lotz

 


08.03.2015