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Ein Babyboomer ist wieder auf dem Sprung


Rüdiger Weber (re.) im Jahr 1985 (Foto: privat)

Die deutschen Leichtathletik-Senioren sind eine rege und reiselustige Gruppe. Ein gar nicht mal so kleiner Zirkel, und so haben für die Senioren-Europameisterschaften in Torun (Polen) mehr als 300 ihre Meldung abgegeben. Es sind überwiegend Spätberufene, die im Alter ab 30 Jahre Höheres anstreben. Athleten, die bereits bei den Aktiven einen guten Namen hatten, finden sich selten. Doch seit drei Monaten mischt im Hochsprung der über Fünfzigjährigen ein Wahl-Frankfurter im Trikot von Eintracht Wiesbaden die Szene auf: Rüdiger Weber. Bitte wer? „Der Name sagte mir zunächst auch nichts“, meint Klaus Schuder, Vizepräsident des hessischen Verbandes und in der Senioren-Leichtathletik durchaus informiert. Weber stand einst mit 2,16 Meter (1984, 1990) auf der Trittschwelle zur nationalen Elite, unlängst sprang er beinahe im Vorbeigehen zum hessischen (1,86 Meter) sowie zum deutschen Seniorentitel (1,88 Meter). Und hat am Dienstag (10:30 Uhr) in Torun noch Höherwertiges im Sinn. „Es gibt dort nur eine vernünftige Platzierung“, meint der 51-Jährige lakonisch. Sekt oder Selters.

Weber gehörte in den Achtzigern zur hessischen Babyboomer-Hochsprunggeneration. Mit 16 Jahren verpasste er in einem Schulwettkampf auf einem Ascheplatz nur knapp die Zweimetermarke, mit 18 überquerte er 2,10 Meter, mit 21 dann 2,16 Meter, platzierte sich bei deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften und absolvierte einen Junioren-Länderkampf. Zwischenzeitlich tauchte der börsenaffine Freigeist mit Bankausbildung wochen- oder sogar monatelang ab, kümmerte sich beruflich und privat um andere Dinge. Die nötige Fokussierung, Konsequenz und Härte, um es im Hochsprung-Leistungssport weiter nach oben zu schaffen, brachte er nie auf. Es blieb bei Reihe drei im nationalen Kontext. Und doch ist seinem ehemaligen Kadertrainer Günter Eisinger (Friedberg) eine Anekdote in Erinnerung geblieben, die er angesichts des Altersklassen-Comebacks von Weber immer wieder gerne erzählt. Bei der DM 1990 im Düsseldorfer Rheinstadion hatte dieser im zweiten Versuch 2,16 Meter übersprungen, versuchte sich anschließend einmal erfolglos an 2,19 Metern, ließ dann zwei Höhen aus, stieg erst bei 2,27 Meter, riss abermals, und scheiterte mit seinem letzten Versuch ebenfalls grandios an 2,29 Metern. „Ein Kommentator sprach von einer neuen deutschen Hochsprung-Hoffnung“, meint Eisinger und schmunzelt. „Eine solch tollkühne und zugleich völlig chancenlose Aktion habe ich seitdem nie mehr gesehen.“

25 Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile dümpelt der deutsche Männer-Hochsprung in tieferen Regionen und die großen Namen wie Dietmar Mögenburg, Carlo Thränhardt und Gerd Nagel sind schon fast ein Fall für Szeneasten. Und vielleicht ist es so etwas wie die späte Rache von Weber, dass er mit 51 Jahren allen nochmals zeigt, wie es geht. Wie man mit Talent, wenig Aufwand und geringem Körpergewicht große Sprünge machen kann. Er ist wieder da. Aber ist das eine zweite Karriere? „Sie müssen das entspannt sehen“, sagt er. „Die Seniorentitel sind doch nur ein Nebenprodukt.“ Weber, der seinen Lebensunterhalt aus Vermietungen und Verpachtungen bestreitet, hat im vergangenen November wieder im Kraftraum begonnen, doch wirklich spezifisch scheint sein Training nicht zu sein. „Aber zwei Meter sind drin.“ Wohl nicht mehr unterm Hallendach, aber womöglich im Sommer, und damit würde er den M50-Weltrekord von Thomas Zacharias (USC Mainz, 1,98 Meter, 1997) verbessern.

Wie auch immer bewertet, sorgen die Leistungen von Weber für Aufsehen. Dem nächstbesten hessischen Senior war er Anfang Februar um 32 Zentimeter voraus, wobei er den Wettkampf zunächst im Schersprung und erst später im Flop absolvierte. Drei Wochen später bei den Deutschen begann er bei 1,70 Meter, der Schlusshöhe des späteren Zweitplatzierten. Interessant ist zudem der Vergleich mit Thränhardt und dessen Lebensbestleistung von 2,42 Metern (noch immer Hallen-Europarekord/1988). Dem großen Blonden, Thränhardt sprang 2013 im Alter von 55 Jahren über 1,90 Meter, fehlte mehr als ein halber Meter zu seinem persönlichen Rekord; Weber bislang 28 Zentimeter. Nur Statistik, vielleicht sogar Schnickschnack? Eine Prognose sei gewagt: Weber dürfte perspektivisch der bessere Hochsprung-Senior sein.

Doch das ambitionierte Floppen im Alter bereitet auch Schmerzen. In der linken Wade setzt recht schnell eine Muskelverhärtung ein, und dass ihm nach Wettkämpfen mehrere Tage „die Knochen wehtun“, räumt Weber ebenfalls ein. Bei der Senioren-EM gibt es wohl nur einen ernsthaften Konkurrenten - der Italiener Marco Segatel ist mit einer Saisonbestleistung von 1,90 Meter gemeldet.

Uwe Martin

 


23.03.2015