Sponsoren HLV Logo

Jens Nerkamp: Läufer, Student, Zeitmanager


Jens Nerkamp beim Halbmarathon in Hamburg (Foto: Josef Nerkamp)

Die deutschen Vorläufer auf den Langstrecken und im Marathon sind bekannt: Arne Gabius, Homiyu Tesfaye, André Pollmächer, Katharina Heinig und Sabrina Mockenhaupt sind Profis, genießen entsprechende Unterstützung, haben ausreichende Freiräume zum Trainieren, fliegen regelmäßig in Trainingslager und haben im Regelfall einen Sponsor aus der Sportartikelbranche hinter sich. Aber wie sieht es bei den ambitionierten Läufer/innen aus der zweiten Reihe aus? Wie managen sie ihre Zeit, wie gelingt ihnen der Spagat zwischen Beruf und Berufung, dem Laufen? Und wie koordinieren sie Sport und Privatleben? Auf hlv.de erzählen die beiden besten hessischen Nicht-Profis Jens Nerkamp (Grün-Weiß Kassel) und Tinka Uphoff (Spiridon Frankfurt) aus ihrem Alltag. Den Anfang macht Jens Nerkamp, in Kürze folgt Tinka Uphoff.

Das perfekte Rennen. Das ist es, was Jens Nerkamp antreibt, Tag für Tag. „Ich liebe das Laufen, habe mein Leben danach ausgerichtet“, erzählt der 25-Jährige. Das heißt, an trainingsintensiven Tagen werden morgens und abends die Laufschuhe geschnürt. Dazwischen sitzt der gebürtige Cloppenburger im Hörsaal, besucht Seminare und recherchiert in Bibliotheken. Nerkamp studiert in Kassel Germanistik und Politikwissenschaften, im nächsten Winter stehen die Bachelorprüfungen an, danach geht es weiter mit dem Master. „Den will ich in der Regelstudienzeit schaffen, das heißt, dass ich wohl noch drei Jahre studieren werde.“

In dieser Zeit will sich Nerkamp, der seit 2012 beim ehemaligen Marathon-Bundestrainer Winfried Aufenanger trainiert, auch sportlich weiterentwickeln. Wie im vergangenen Jahr, als er bei Deutschen Meisterschaften mit Platz vier (Halbmarathon) und zwei achten Rängen (5.000/10.000 Meter) in die erweiterte nationale Spitze vorstieß. Seine 29:16,77 Minuten über 10.000 Meter machen Nerkamp besonders stolz. „Das war so ein perfektes Rennen. Ich lief im Pulk, musste ständig aufpassen, kam gar nicht zum Nachdenken.“


Mal nicht in Laufklamotten... (Foto: Josef Nerkamp)

Belgien statt Koblenz über 5.000 Meter

Solche Konstellationen sind für Läufer aus der zweiten Reihe wie Nerkamp eher die Ausnahme denn die Regel. Noch nicht schnell genug für die deutsche Spitze, aber zu schnell für den großen Rest, sind Nerkamp & Co. meistens auf sich allein gestellt. Wie zuletzt beim Osterlauf in Paderborn (10 Kilometer) oder der Halbmarathon-DM in Husum. In Paderborn rannte Multitalent Homiyu Tesfaye (Frankfurt/27:51) vorneweg. Als viertbester deutscher Läufer kam Nerkamp (30:10) auf Rang 14 ins Ziel.

In Husum heftete sich Nerkamp neun Kilometer mutig an die Fersen der drei Schnellsten, Philipp Pflieger (Regensburg/1:04:13 Stunden), Manuel Stöckert (Ostheim/Rhön/1:04:32) und Ejob Solomun (Wenden/1:04:58). Dann wurde es zu schnell. Alleine im Wind verfehlte Nerkamp zwar seine vorjährige Bestzeit (1:05:53), verteidigte dafür in 1:06:34 Stunden seinen vierten Platz aus 2014. Spätestens im Herbst soll über 10 Kilometer die 29 und auf der Halbmarathonstrecke die 65 vorne stehen. „Es ist nur eine Frage der Zeit und des richtigen Rennens.“


Beim Mini-Internationalen in Koblenz 2014 (Foto: Schaake)

Das richtige Rennen über 5.000 Meter hofft Nerkamp am 23. Mai im belgischen Oordegem gefunden zu haben. „Dort wurden zuletzt immer flotte Zeiten gerannt.“ Noch steht sein persönlicher Rekord bei 14:12,14 Minuten. „Dieses Jahr will ich nah an die 14 Minuten heranlaufen.“ 2014 blieben in Oordegem alleine vier Deutsche unter dieser Marke, wenige Tage zuvor in Koblenz kein einziger.

Damit die zwei Rädchen Universität und Leistungssport ineinander greifen, müssen viele Details stimmen. Nerkamp schafft sich seine eigenen Zeitfenster. Vorgegeben sind Uni- und Trainingszeiten. Für Hausaufgaben, private Termine und Freizeit bleibt nicht so viel Zeit. Belasten tut ihn das nicht. „Ganz im Gegenteil, das Laufen ist eine gute Ablenkung und hilft mir, vom Alltag abzuschalten.“

“Ich muss Kompromisse eingehen“

Nerkamp ist kein Kaderathlet, gehört keiner Bundeswehr- oder Polizei-Sportfördergruppe an. Somit fallen viele Privilegien weg. „Ich muss Kompromisse eingehen“, sagt er und denkt dabei beispielsweise an Trainingslager. Die kann Nerkamp, wenn überhaupt, nur in den Semesterferien einbauen. Bisher war er überhaupt erst zweimal im Trainingslager, zuletzt auf der Insel Texel (Niederlande). „Meine Klausuren und Hausarbeiten kann ich nun mal nicht verschieben.“ Einen Ausrüstervertrag besitzt er ebenso wenig, Schuhe und Laufkleidung muss er selbst zahlen. „Meine Eltern sind mein größter Sponsor, sie vertrauen mir, versuchen bei sehr vielen Wettkämpfen dabei zu sein. Ohne ihre Unterstützung könnte ich gar nicht so viel trainieren.“


Seit 2012 viermal bei Hessischen Crossmeisterschaften im Einzel vorn (Foto: Schaake)

Seine sieben bis neun Trainingseinheiten pro Woche, in der Spitze um die 130 Kilometer, absolviert Nerkamp oft alleine oder zusammen mit seinem Trainingspartner Daniel Ybekal Berye aus Eritrea. „Daniel aber konzentriert sich auf den Marathon, trainiert meistens langsamer und höhere Umfänge als ich.“ Aus Gesprächen mit den früheren Kasseler Spitzenläufern Martin Strege (über 3.000 Meter Hindernis u.a. Olympia-Zehnter 1996, WM-Achter 1995 und EM-Sechster 1994) und Ralf Salzmann (im Marathon Olympia-Teilnehmer 1984 und 1988, EM-Vierter 1986 und insgesamt fünfmal in Folge Deutscher Meister) weiß Nerkamp, wie leistungsfördernd schnelle und homogene Trainingsgruppen sein können. „Da kann man sich gegenseitig hochpeitschen und helfen.“

Keine Grenzen setzen

Auf der Suche nach besseren Trainingsbedingungen blickt Jens Nerkamp über die hessischen Landesgrenzen hinaus. Er könnte sich Kooperationen mit anderen ambitionierten Laufgruppen vorstellen, als Beispiel nennt Nerkamp Erfurt, er ist offen für neue Ideen. „An den Wochenenden könnte man gemeinsam trainieren.“

Wie lange er das Laufen als Leistungssport noch ausüben will, weiß er noch nicht. „Mein Trainer sagt immer, die Qualität muss stimmen. Ich glaube, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft habe.“ In den Bereichen Trainingsumfang, Krafttraining, Ernährung und Regeneration sieht Nerkamp noch Verbesserungsbedarf. Irgendwann will er sagen können: „Ich habe das Beste aus meinen Möglichkeiten gemacht.“ Grenzen setzt er sich dabei keine – und denkt an den Rat des viertschnellsten deutschen Marathonläufers Arne Gabius (2:09:32): „Man darf sich keine Grenzen setzen, keine Mauern aufbauen.“

Tammo Lotz

 


18.04.2015