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Tinka Uphoff: „Laufen ist das, was mir Spaß macht“


Tinka Uphoff (Foto: Ulrich Scherbaum)

Die deutschen Vorläufer auf den Langstrecken und im Marathon sind bekannt: Arne Gabius, Homiyu Tesfaye, André Pollmächer, Katharina Heinig und Sabrina Mockenhaupt sind Profis, genießen entsprechende Unterstützung, haben ausreichende Freiräume zum Trainieren, fliegen regelmäßig in Trainingslager und haben im Regelfall einen Sponsor aus der Sportartikelbranche hinter sich. Aber wie sieht es bei den Läufer/innen aus der zweiten und dritten Reihe aus? Wie managen sie ihre Zeit, wie gelingt ihnen der Spagat zwischen Beruf und Berufung, dem Laufen? Und wie koordinieren sie Sport und Privatleben? Auf hlv.de erzählen die beiden besten hessischen Nicht-Profis Jens Nerkamp (Grün-Weiß Kassel) und Tinka Uphoff aus ihrem Alltag. Den Anfang hat Nerkamp gemacht, nun folgt der weibliche Part.

Sie passt nicht ins Schema. Als Tinka Uphoff ihr Marathonprojekt vor fünf Jahren ernsthaft aufs Gleis brachte und sich im Laufklub Spiridon Frankfurt der Leistungsgruppe um den Marathon-WM-Zwölften von 1993, Kurt Stenzel, anschloss, war sie bereits 27 Jahre alt. Seinerzeit begann sie mehr oder weniger bei null, die Eingewöhnung ins „strukturierte Training“ dauerte ein knappes Jahr. Seitdem geht es aufwärts, mittlerweile hat sie ihre Marathon-Bestzeit von 3:03 auf 2:47:04 Stunden (2013 in Frankfurt) verbessert. Und nach dem Rückschritt im Vorjahr mit einem krankheitsbedingt verpatzten Münchner Rennen (2:50:32) soll es an diesem Sonntag in Hamburg wieder aufwärts gehen. „Ich habe ein gutes Gefühl und hoffe, dass ich zumindest unter 2:45 Stunden bleibe.“ Etwa 20.000 Meldungen liegen für den Hamburg-Marathon vor, und mit ihrer prognostizierten Zielzeit könnte Tinka Uphoff zur schnellsten Hobbyläuferin Deutschlands werden. Denn die promovierte Rechtswissenschaftlerin arbeitet Vollzeit als Juristin im Finanzmarktbereich.

An eine Profikarriere hat die Späteinsteigerin nie gedacht, und ihre Herangehensweise könnte durchaus sinnstiftend sein für all jene, die hauptberuflich stets nur laufen, laufen und laufen und dann mit Mitte 30 merken, dass dies beruflich nirgendwo hingeführt hat. „Eine Profikarriere war nie eine Option. Nur Sport würde mir persönlich nicht reichen; zudem habe ich viel zu spät mit strukturiertem Training angefangen“, sagt sie. Auch weil sie die Gefahr gesehen hat, sich als Profiläuferin noch mehr unter Druck zu setzen, der Spaß am Laufen womöglich immer weniger eine Rolle spielt und „mich schließlich alles erdrückt“. Tinka Uphoff liebt das Wechselspiel zwischen geistiger und körperlicher Anstrengung. Und schließlich wisse sie ja, wie es ist, „vom Körper abhängig zu sein“. Darauf wollte sie sich nicht einlassen, ein letztes Argument gegen die Profikarriere.

Laufen als Hobby also, ambitioniert, wie es in Fachkreisen gerne heißt. Doch was heißt das konkret? Eine Beispiel-Woche aus dem vergangenen November: zwei bis drei morgendliche Trainingseinheiten mit Läufen über maximal sechs Kilometer und einer Schwimmeinheit im Sachsenhäuser Textor-Bad (Beginn jeweils 6.30 Uhr); nach dem Job war Tinka Uphoff von Montag bis Freitag am Laufen. „Beine ausschütteln“, wie sie das langsame Tempo am Montag nennt, hinzu kamen kürzere Läufe auf der Stadionbahn, lockere Übungseinheiten im Wald und auf der Straße, Tempo- und Dauerläufe. Am Samstag standen wiederum Tempoläufe auf dem Programm, am Sonntag zumeist längere Kilometereinheiten. „Laufen ist momentan das, was mir Spaß macht“, sagt sie. „Und ich habe das Gefühl, dass ich trotzdem noch Freunde treffen kann.“

Jede Woche ist verplant, knapp kalkuliert und immer muss Tinka Uphoff die Leistung, den Fortschritt in Sekunden und Minuten im Auge haben. Und natürlich auch in ihrem anspruchsvollen 41-Stunden-Wochenjob an die Grenze gehen. Ein straff getaktetes Leben. Terminlichen Freigeistern mag dies gruselig vorkommen, der Frankfurterin „fehlt nichts“, wie sie sagt. Wenn andere Party machen, freitags oder samstags, ist für Tinka Uphoff spätestens um Mitternacht Feierabend. In der Woche vor dem zweitgrößten Marathon Deutschlands sowieso. Ansonsten wäre eine „kurze Einheit“ wie am vergangenen Samstag, dem Lauf über 13 Kilometer auf den Feldberg im Taunus und der „ganz, ganz lockere Lauf“ tags darauf über 22 Kilometer nicht vernünftig zu bewältigen. Mittlerweile ist sie im regenerativen Ruhemodus, „die Beine erholen sich“, weiter als fünf, sechs Kilometer geht es vor dem Startschuss in Hamburg jetzt nicht mehr.


Marathon-Hessenmeisterin 2013 mit HLV-Vizepräsident Klaus Schuder (Foto: Frankfurt-Marathon)

Leistungssport als Hobby, das bedeutet auch, dass (fast) alle damit verbundenen Aufwendungen das Konto von Tinka Uphoff belasten. Seien es die jeweils einwöchigen Trainingslager in Portugal und Spanien, immerhin bekommt sie von zwei Sportartikelherstellern Schuhe, Klamotten und die Pulsuhr gestellt. Doch selbst die Fahrt- und Übernachtungskosten bei Wettkämpfen bleiben an ihr hängen. Finanzielle Untiefen tun sich deshalb nicht auf, die Frankfurterin verdient gut, „und schließlich gibt jeder für sein Hobby Geld aus“. Aber die genannten Fakten belegen, was es in der zweiten, dritten Reihe im deutschen Marathon zu verdienen ist: nämlich fast nichts. Nur zweimal wurden ihr überschaubare Siegprämien ausgezahlt. „Aber grundsätzlich suche ich meine Rennen nicht danach aus, ob ich Geld bekomme.“

Tinka Uphoff könnte mit mehr Aufwand schneller unterwegs sein über 42,195 Kilometer. Aber ein größeres Zeitfenster für den Sport ist schlichtweg nicht möglich. Mehr Training = mehr Leistung? „Ja, ich denke schon. In den Trainingslager habe ich ja gemerkt, was alleine verbesserte Regenerationsmöglichkeiten ausmachen.“ Als sie nach harten Trainingseinheiten am frühen Morgen beispielsweise einfach mal die Beine legen konnte. In Monte Gordo (Portugal) hat sie unter anderen mit Sabrina Mockenhaupt trainiert, eine der deutschen Vorzeigeläuferinnen. Die Siegerländerin ist zwei Jahre älter, 34, Sportsoldatin, mit 40 deutschen Titeln dekoriert und quasi der Gegenentwurf zur achtmaligen Hessenmeisterin Tinka Uphoff, seit knapp 20 Jahren als Profi unterwegs - Marathonbestzeit 2:26:21 Stunden. „Es war eine tolle Erfahrung und lehrreich, mit ihr trainieren zu können“, sagt Tinka Uphoff. In Hamburg sehen sie sich wieder. Sabrina Mockenhaupt wird aus Reihe eins starten, im Rennen von einer planmäßigen Gruppenbildung und Tempomachern profitieren. Und Tinka Uphoff? Sie ist zunächst auf sich alleine gestellt. „Ich werde mich am Anfang zurückhalten und dann schauen, was sich ergibt. Ich habe so viel trainiert wie nie zuvor und hoffe, dass ich es auf die Straße bringen kann.“

Uwe Martin

 


24.04.2015