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„Ich fühle mich, als sei ich nie weggewesen“ - Zehnkämpfer Michael Schrader im Interview


Die neue Autogrammkarte (Foto: privat)

Die Überraschung war groß, als Michael Schrader im November 2013 zum SC Hessen Dreieich wechselte. Doch seitdem hatte man von dem WM-Zweiten im Zehnkampf kaum mal etwas gehört. Eine langwierige Verletzung bremste den 27-Jährigen aus und verhinderte Starts bei der Hallen-WM 2014 sowie bei der EM 2014. Seit ein paar Monaten mischt Schrader wieder mit. Und seine ersten Wettkampfergebnisse sind durchaus bemerkenswert: persönliche Bestleistungen im Kugelstoßen (14,88 Meter) und im Diskuswerfen (47,19 Meter), im Weitsprung waren es bislang 7,62 Meter, über 110 Meter Hürden ausbaufähige 14,90 Sekunden. Mit hlv.de sprach der 8.670-Punkte-Zehnkämpfer über sein Comeback, Verletzungen und seine Abneigung gegen Apfelwein.

Der Stehauf-Zehnkämpfer Schrader ist nach 20 Monaten Verletzungspause zurück im Wettkampfgeschehen. Tut Ihnen gar nichts mehr weh?

Beim Aufstehen heute Morgen hatte ich Schmerzen in den Füßen. Genauer in beiden Sprunggelenken, wie jeden Tag. Das verläuft sich aber nach ein paar Stunden und die Schmerzen verschwinden. Vielleicht bin ich ein bisschen eingerostet. Mein rechter Fuß ist ja ohnehin seit ein paar Jahren angeschlagen. Und der rechte Ellenbogen zwickt derzeit ein bisschen. Doch mein Körper ist wieder voll da.

Im Gegensatz zu Ihrer Auszeit im Jahr 2014.

Ich hatte in der Patellasehne des linken Knies einige kleine Risse, die entzündet waren. Das konservative Ausheilen dauerte, da war schon mal ein halbes Jahr weg.

Das klingt nach mehr als business as usual …

Vielleicht bin ich eine Frohnatur. Sport ist mein Hobby, und das wird noch jahrelang so bleiben. Den Gedanken, nie mehr aktiv als Leistungssportler auf dem Sportplatz sein zu können, hatte ich nie. Da ist mein Umfeld wohl mehr besorgt gewesen als ich. Am liebsten würde ich den ganzen Tag Sport machen. Für alles andere habe ich später noch Zeit. Ich hoffe, dass ich bis Mitte 30 Zehnkämpfer sein kann. Ich will es genießen.

Genießen? Sie haben wegen Verletzungen bereits Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften verpasst.

Und ans Aufhören dennoch nie gedacht. Was auch damit zu tun hat, dass ich nach einem Jahr Pause nur zwei, drei Monate trainieren muss, um in etwa denselben Leistungsstand zu haben wie vorher.

Wie geht das?


Michael Schrader bei der WM 2013 (Foto: Iris Hensel)

Keine Ahnung. Es ist schon immer so gewesen. Auch in der Zeit, als mein rechter Fuß immer wieder kaputt war - mit mehreren Stressfrakturen und einem Ermüdungsbruch im Kahnbein. Ich konnte kaum auftreten, kämpfte ständig mit kleinen Risse und Ödemen. Und trotz der Trainingspausen konnte ich mein Niveau halten. Deshalb wusste ich letztes Jahr, dass ich ruck zuck wieder Weltklasseleistungen bringen kann. Und dann hört man nicht auf. Ich hatte ja ständig etwas auf dem Kasten. Wenn ich in zwei, drei Jahren merken würde, dass ich im Training keine entsprechende Form mehr habe, wäre es vielleicht anders.

Hören Sie mittlerweile intensiver in ihren Körper hinein?

Schwer zu sagen. Früher habe ich Warnsignale grundsätzlich ignoriert. Das hat sich kaum geändert. Aber ich teile jetzt zumindest mit, wenn etwas weh tut. Dann entscheidet mein Coach Wolfgang Kühne, ob ich das Training beende oder fortsetze. Wenn ich sage: „Eigentlich kann ich nicht laufen, es ist schon extrem, ich würde trotzdem gerne weitermachen“, sagt er: „Schluss“. In diesem Punkt bin ich ehrlicher geworden. Mit der Schmerzwahrnehmung tue ich mich jedoch weiterhin schwer. Schmerzen will ich manchmal einfach nicht wahrhaben.

Ihr WG-Kumpel und Trainingspartner, der Zehnkampf-Olympiasechste Rico Freimuth, hat im vergangenen Sommer gesagt: „Nach meiner Karriere bin ich bestimmt Invalide - aber ich hatte Spaß.“ Sind Sie da bei ihm?

Ich möchte nicht ausschließen, dass ich nach der Karriere körperliche Probleme haben könnte. Andererseits: Ich habe im vergangenen Jahr einige Monate fast gar nichts gemacht, und in diesem Zeitraum gingen die mir wohl bekannten Schmerzen zurück. Dieses Gefühl war nicht schlecht. Deshalb denke ich, dass nach dem Karriereende selbst meine Fußschmerzen verschwinden und ich noch in einer Altherren-Truppe Fußball spielen kann.

Der Olympiadritte Siegfried Wentz hat die legendäre 80er-Jahre-Generation der westdeutschen Zehnkämpfer als besessen bezeichnet. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Diesen wahnsinnigen Fokus, den unglaublichen Ehrgeiz, habe ich in meiner ehemaligen Trainingsgruppe in Uerdingen bei Torsten Voss erlebt. Da waren ein paar eher mittelmäßige Athleten um die 7.000 Punkte und eben ich. Eine halbes Dutzend Zehnkämpfer. Es waren in jedem Training richtige Kämpfe, geprägt von unglaublichem Leistungswillen, wir haben uns gegenseitig hochgepeitscht. Und Voss hat dies noch forciert.

Mit welchem Anspruch sind Sie in die WM-Saison 2015 gestartet?

Ich bleibe realistisch, greife nicht nach den Sternen und mache keine großen Ankündigungen. Darauf habe ich keine Lust. Ich möchte in Götzis einen vernünftigen Zehnkampf hinlegen, über Punkte will ich gar nicht sprechen. Die WM-Norm von 8.200 Punkten ist aber definitiv mein Ziel.

Und dann?

Wenn ich in Götzis gesund durchkomme, starte ich auch in Ratingen. Der Gedanke dabei ist aus meiner Sicht: Wenn ich einen Zehnkampf durchstehe, komme ich auch gesund durch den zweiten, eben Ratingen. Und die Verletzungsgefahr wird geringer.


So sieht ein WM-Zweiter aus (Foto: Iris Hensel)

Wen haben Sie für die WM im August noch auf dem Notizzettel?

Natürlich Rico Freimuth, Kai Kazmirek, wenn er gesund ist, und Jan Felix Knobel. Ihm würde ich es auch gönnen. Pascal Behrenbruch habe ich nicht auf der Rechnung.

Verspüren Sie ein Comeback-Feeling?

Nein. Ich fühle mich eher so, als sei ich nie weggewesen. Natürlich war es schade, dass ich mich so lange nicht zeigen konnte. Jede Wettkampfabsage hat weh getan. Aber meine Auszeit kam mir nicht lange vor. Es ging irgendwie schnell vorbei, so jedenfalls habe ich es wahrgenommen.

Ihr Verein heißt seit eineinhalb Jahren SC Hessen Dreieich. Was halten Sie von dem regionalen Kultgetränk Apfelwein?

Meine Freundin kommt aus dem erweiterten Umkreis, aus Aschaffenburg. Sie hat den Kontakt zu den Klubverantwortlichen in Dreieich und dem Sponsor Hahn Air hergestellt. Ich bin in Dreieich ein Vorbild für die Jugend, mache in unregelmäßigen Abständen Training mit Kindern und fühle mich wohl. Auch wenn ich aufgrund meiner Verletzung erst zehn, 15 Mal hier gewesen bin. Zum Thema Apfelwein: Den mag ich nicht so, wie ich grundsätzlich kaum Alkohol trinke. Wenn etwas zu feiern gibt, gönne ich mir mal einen Whiskey Cola. Das war’s aber schon.

Wie finanziert sich ein Weltklasse-Zehnkämpfer in Deutschland?

Um überhaupt professionell Leistungssport betreiben zu können, braucht man einen vernünftigen Verein, die Bundeswehr und einen potenten Sponsor im Rücken. Ansonsten könnte man es vergessen - oder man hat begüterte Familienverhältnisse. Ich hatte in den zurückliegenden Jahren seit 2011 nicht einmal einen Vertrag mit einem Sportartikelhersteller. Derzeit laufen in diesem Kontext Verhandlungen, die kurz vor dem Abschluss stehen.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)

 


29.04.2015