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U23-DM, Tag 2: Ronja Böhrer holt Hindernistitel, Lisa Mayer und Constantin Schmidt starke Zweite


Constantin Schmidt (Foto: Benjamin Heller)

Nach zwei Podestplätzen und einer Lisa Mayer in Hessenrekord-Laune am ersten Tag der 72. Deutschen U23-Meisterschaften sorgten Hindernisläuferin Ronja Böhrer (SSC Bad Sooden-Allendorf), wiederum Lisa Mayer, dieses Mal über 200 Meter, sowie 400 Meter-Läufer Constantin Schmidt (TG Obertshausen) für die Höhepunkte aus hessischer Sicht am zweiten Tag der Titelkämpfe. Böhrer wurde ihrer Favoritenrolle gerecht und siegte in einem einsamen Rennen nach 10:29,57 Minuten souverän. Mayer wurde im Schlepptau der Sprint-Doppelsiegerin Rebekka Haase (LV Erzgebirge/23,26) in 23,49 Sekunden wieder Zweite, ebenso Schmidt, für den sich in 46,77 Sekunden nur Alexander Gladitz (LG Hannover/45,96) als zu stark und schnell erwies. Dazu kamen zwei fünfte Plätze, einer für den Dreispringer Leon Kirchner (TV Königstädten) mit seinem ersten 15-Meter-Sprung seiner Karriere (15,16) und der andere für die 4 x 400 Meter-Juniorinnen-Staffel der StG EAG Sprintteam Hessen (3:50,94 Minuten). Drei sechste Plätze gingen auf das Konto des Wurfbereichs in Person von Sophie Gounoué (LG Eintracht Frankfurt/Hammer), Nils Kollmar (TSV Hessen Frankenberg/Diskus) und Mona Althenn (LG Wetzlar/Kugel). Gounoué und Kollmar stellten neue Bestleistungen auf.

Was in Wetzlar auffiel: Auf den Rängen wurde es oft laut. Und das nicht nur, als die Spitzenathleten ansprechende und zum Teil auch international wertvolle Leistungen zeigten. Exemplarisch dafür stehen die sehr guten Sprintleistungen bei den Juniorinnen. „Die Wetzlarer Bahn ist prädestiniert für gute Zeiten“, sagte Andreas Hein, der Leichtathletik-Abteilungsleiter in der LG Wetzlar und Olympiateilnehmer mit der 4 x 400 Meter-Staffel in Atlanta 1996. Und der Schülerkoordinator Lars Wörner ergänzte: „Der Untergrund ist harter und alter Beton, belegt mit einer dünnen Tartanschicht. Außerdem herrscht meistens Schiebewind.“ Die Bedingungen nutzte schon Till Helmke 2007 zu seinem Hessenrekord über 200 Meter (20,37 Sekunden). Lisa Mayer lobte die „tolle Atmosphäre“ und das begeisterungsfähige Publikum. „Dann macht es einfach Spaß zu laufen.“ Dazu gab es positives Feedback für die Organisation, die Präsentation und den Service für Athleten und Zuschauer.


Lisa Mayer (l.) und die Weitsprung-Siegerin Malaika Mihambo im 200-Meter-Finale (Foto: Benjamin Heller)

Ronja Böhrer sagt selbst, dass sie gerne bei Wärme läuft. Doch in Wetzlar befand sie sich in einer undankbaren Rolle. Fast über die komplette Distanz lag sie alleine vorn, der Sonne ausgeliefert, mit der Qualifikationsnorm des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) für die U23-Europameisterschaften in Tallinn (Estland/9. Bis 12. Juli) als Orientierungspunkt. Gefordert sind 10:06 Minuten, in Belgien hatte Ronja Böhrer mit 10:12,33 Minuten vorgelegt. „Dort waren abends optimale Bedingungen und ich musste nur mitlaufen.“ In Wetzlar beteiligte sich nur die Berglaufspezialistin und spätere Zweite, Nada Balcarczyk (LG Würm Athletik/10:47,70), bis zum ersten Wassergraben an der Führungsarbeit. Danach war die Athletin von Trainer Georg Lehrer auf sich allein gestellt. „Ich wusste, dass es schwer wird. Und die ersten zwei Kilometer waren ganz in Ordnung.“ Danach musste die 20-Jährige den schwierigen Bedingungen Tribut zollen. Die Schritte wurde schwerer. „Die Hitze hat im Stadion gestanden. Dann habe ich ein paar Mal an den Hindernissen gepatzt und gedribbelt.“

Über mangelnde Unterstützung am Rande der Bahn konnte sich Ronja Böhrer jedoch nicht beklagen. An die 15 Freunde, Verwandte und Bekannte hatte sich im Stadion verteilt, zum Anfeuern, um die Zwischenzeiten reinzurufen. „Schade, ich wäre supergern in Tallinn dabei gewesen. Aber jetzt werde ich es wohl in zwei Jahren erneut probieren.“ Der nächste Fixpunkt im Wettkampfkalender sind die deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Nürnberg (25. bis 26. Juli).

Nach der „Schelle“ kam die Wiedergutmachung. Constantin Schmidt steckte die für ihn mäßige Vorlaufzeit von 47,59 Sekunden gut weg und lief in 46,77 Sekunden auf den zweiten Platz hinter Alexander Gladitz (LG Hannover), der sich mit seiner Siegerzeit von 45,96 Sekunden an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste setzte und die Tallinn-Norm des DLV erfüllte (46,60). „Alexander Gladitz war heute eine Klasse besser“, sagte Schmidts Trainer Robert Schieferer ganz offen. Ähnlich klare Worte fand Schmidt. „Ich wusste, dass Alexander die Norm laufen wollte und gerne flott angeht.“


Die Nordtribüne, im Vordergrund Vereins- und Physiozelte (Foto: Lotz)

Auch Schmidt hatte sich vorgenommen das Tempo auf der ersten Streckenhälfte kontinuierlich zu steigern. Gladitz gab aber noch mehr Gas, hatte Schmidt schon Mitte der Gegengeraden überlaufen. Anders als am Vortag war Schmidt mit seiner Renngestaltung allerdings „recht zufrieden“. Den Vorlauf, meinte Schmidt, hätte er einfach zu locker genommen. Die 46,50 Sekunden eine Woche zuvor in Regensburg hatten ihm viel Selbstvertrauen verliehen. „Vielleicht sogar zu viel“, munkelte der deutsche U20-Meister aus 2014. Die Vorlaufzeit habe ihn jedoch „auf den Boden der Tatsachen“ zurückgeholt, ihn noch einmal „richtig motiviert“. Herauskam seine zweitschnellste Zeit über 400 Meter, nur knapp eine Viertelsekunde über seiner Regensburger Zeit. „Ich habe meine Bestzeit quasi bestätigt“, fasste Schmidt zusammen. Der nächste Wettkampf ist die Junioren-Gala in Mannheim (27. bis 28. Juni). Im Training rechnet Schmidt mit noch einer richtig anstrengenden Einheit vor Mannheim. „Das hilft wieder Spannung aufzubauen.“

Aleksi Rösler will ebenso in Mannheim wieder angreifen. Der Trainingspartner von Constantin Schmidt gewann in Wetzlar das zweite Finale in 47,86 Sekunden und belegte im Endklassement den sechsten Platz. Wie bei Schmidt deckten auch bei Rösler die Ereignisse der vergangenen neun Tage ein breites Gefühlspektrum ab. Ein optimales Rennen in Regensburg inklusive U20-EM-Norm (47,25), dann ernüchternde 48,53 Sekunden im Wetzlarer Vorlauf, gefolgt vom Happy-End am Finaltag. Von Kopfschmerzen geplagt konnte Rösler, der im Herbst ein Maschinenbaustudium aufnehmen wird, zunächst nur vorgebeugt auf den Boden starren. Dann fand er aber schnell lobende Worte für sein sportliches Umfeld, zu dem auch sein Bruder Jaakima und Eileen Demes gehören. Nächste Station für alle: die auch international geschätzte Junioren-Gala in Mannheim. „Dort will ich das Ticket für die U20-EM unter Dach und Fach bringen“, so Rösler.

Das „phantastische Wochenende“ (Lisa Mayer) der Lisa Mayer ging weiter. Zweite Strecke, wieder der zweite Platz mit Bestleistung. Nach 23,49 Sekunden stürmte die Athletin von Trainer Rainer Finkernagel ins Ziel. Nach dem Sieg im Vorlauf in 24,02 Sekunden war sie noch skeptisch. „Ich war gar nicht locker“, verriet Lisa Mayer. Doch im Finale war sie wieder voll da, gewann ihren Lauf souverän und musste das zweite Finale abwarten. Doch nur Rebekka Haase sollte die 23,49 Sekunden der Hessin unterbieten. Die wieder genesene Anna-Lena Freese (FTSV Jahn Brinkum/23,59) wurde Dritte. „Ich brauche oft ein Rennen, um in den Wettkampf reinzukommen“, erklärte die Germanistik- und Geographiestudentin ihre Steigerung im Finale. Lisa Mayer löschte mit ihrer Zeit von Wetzlar gleich zwei persönliche Bestmarken aus: die 23,75 Sekunden, die sie im Halbfinale der U18-WM 2013 aufgestellt hatte und ihre „absolute Bestzeit“ von 23,66 Sekunden, mit denen sie im Februar deutsche Jugendhallenmeisterin geworden war.


Lange Schlange vor der Chill-out-Area (Foto: Lotz)

“Die Steigerung hat mich bei weitem nicht so überrascht wie meine Zeiten über 100 Meter. Bisher habe ich mich stets mehr als 200-Meter-Läuferin gefühlt.“ Woran das liegt? „Am Start habe ich immer noch Schwächen. Und das kann man über 200 Meter einfach besser kompensieren. Außerdem gehen mir die 100 Meter einfach zu schnell vorbei.“ So äußerte sich Lisa Mayer im Winter. Haben die Ergebnisse von Wetzlar und die verbesserte Startphase daran etwas geändert? Lisa Mayer schwieg für ein paar Sekunden, überlegte und antwortete dann leicht verschmitzt: „Darüber muss ich mit meinem Trainer noch einmal reden.“

Weniger Diskussionsbedarf besteht beim Thema weitere Saisonplanung. Über die Junioren-Gala in Mannheim geht es zu den U20-Europameisterschaften in Eskilstuna in Schweden. „Dort liegt der Fokus auf der Staffel. Wir wollen Gold“, sagt Lisa Mayer und spricht für ihre Sprintkolleginnen. Überhaupt vergleicht Lisa Mayer die Option Staffel mit der Eintrittskarte zu den ganz großen Wettkämpfen, den Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. „Die Sommerspiele 2020 in Tokio könnten ein Fernziel sein. Zunächst aber konzentriere ich mich auf meine Altersklasse.“ Das heißt die U20, wo sie im europäischen Vergleich die Plätze drei (100 Meter) und vier (200 Meter) einnimmt.

Stellt sich die Frage, wie Lisa Mayer ihre Entwicklung selbst einschätzt und begründet. Ganz einfach und eindeutig fällt die Antwort nicht aus. Es ist eine Mischung aus Gesundheit, effektivem Training, konsequenter Physiotherapie (20 bis 30 Minuten) mit anschließendem Athletiktraining (45 bis 60 Minuten). „Ich fühle mich stabiler und agiler, vor allem im Oberkörper. Aber Krafttraining mit Gewichten mache ich immer noch sehr selten. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.“ Wie hält sie es mit der Ernährung? „Ich war bei einer Ernährungsberaterin um zu erfahren, wie ich ein paar Gramm an Muskeln zulegen kann.“ Doch sie lässt Vorsicht walten. Und beschäftigt sich lieber mit der Ernährung zum Vor- und Nachbereiten der Rennen.


Startläuferin Annika Lena Lietz für die 4 x 400 Meter-Staffel der StG EAG Sprinteam Hessen (Foto: Lotz)

Auch ein sechster Platz kann erfreuen – vor allem dann , wenn er mit einer neuen persönlichen Bestleistung einhergeht. So verbesserte sich Sophie Gounoué (LG Eintracht Frankfurt) mit dem Hammer im dritten Versuch auf 55,17 Meter, knapp 60 Zentimeter weiter als die 54,54 Meter von Niederselters im April. Die besten drei Werferinnen hatten alle die 60 Meter mehr oder weniger klar im Griff, vor allem die Siegerin und U23-EM-Fahrerin Charlene Woitha (SCC Berlin/67,22), gefolgt von Susen Küster (SC DHfK Leipzig/62,72) und Sophie Gimmler (LAZ Saarbrücken/61,47). Die zweite hessische Teilnehmerin, Isabel Weitzel (ESV Jahn Treysa), schied nach 48,30 Metern und Platz 13 im Vorkampf aus.

Wieder Bestleistung für Nils Kollmar. Mit 52,29 Metern war der Diskuswerfer angereist. Gleich im ersten Durchgang übertraf er diese Marke mit 53,10 Metern. Doch es wurde noch besser. Der fünfte Wurf landete bei 53,64 Metern und genau vier Zentimeter weiter als der beste Versuch von Kai-Uwe Schmidt (ART Düsseldorf/53,60). Den Sieg schnappte sich der U20-Jugendliche Henning Prüfer, der zwar auf nur zwei gültige Versuche kam, den 2 Kilo schweren Männer-Diskus im letzten Durchgang aber auf 60,39 Meter hinausschleuderte und Sebastian Scheffel (Hallesche Leichtathletik-Freunde/58,34) noch vom oberen Podestplatz verdrängte.

Mit jedem ihrer drei gültigen Versuche übertraf Kugelstoßerin Mona Althenn ihre Saisonbestleistung vor den U23-Meisterschaften (14,38). Sie startete mit 14,58 Metern in den Wettkampf, verbesserte sich im dritten Versuch auf 14,61 Meter und stieß die Kugel zum Abschluss auf ihre Tages- und Saisonbestweite von 14,65 Metern. Der Sieg ging an Shanice Craft (MTG Mannheim/16,99), die bei den U23-Europemeisterschaften im Diskuswurf und mit der Kugel antreten wird. Einen Tag vor Wetzlar eröffnete sie ihre Diskus-Saison mit 62,69 Metern – in New York. „Ich bin um 21 Uhr Ortszeit in den Flieger gestiegen und kurz vor 11 in Frankfurt gelandet. Dann ging´s weiter nach Wettlar. Ich fühlte mich frischer als erwartet“, erklärte die EM-Dritte mit dem Diskus.


Fauxpas beim dritten Wechsel von Gianluca Puglisi auf Aron Schreiner: die 4 x 100 Meter-Staffel der LG Eintracht Frankfurt (Foto: Benjamin Heller)

Auch das gehört zu einer Meisterschaftsbilanz. Die folgenden Disziplinen fanden ohne hessische Beteiligung statt: bei den Junioren die 800 Meter, die 1.500 Meter, die 5.000 Meter, die 400 Meter Hürden, die 3.000 Meter Hindernis, der Hochsprung und der Stabhochsprung sowie bei den Juniorinnen die 1.500 Meter, die 5.000 Meter, die 100 Meter Hürden, der Hochsprung, der Dreisprung, der Speerwurf und die 3 x 800 Meter-Staffel.

Vor allem die Lücken im Laufbereich sind eklatant. Umso bedenklicher ist es, dass sie in der U23-Altersklasse auftreten – der Altersklassen, die den Athletinnen und Athleten den Übergang in die Aktivenklasse erleichtern soll. Natürlich hat mit dem am Knie verletzten Homiyu Tesfaye (LG Eintracht Frankfurt), der in Wetzlar zum letzten Mal an deutschen U23-Meisterschaften hätte teilnehmen können, eine sichere Medaillenbank über 1.500 Meter und/oder 5.000 Meter gefehlt. Und keineswegs vergessen sollte man die vielversprechenden Talente in den Jugendklassen um Marc Reuther (Wiesbaden), Lukas Abele, Kidane Tewolde (beide Hanau-Rodenbach), Yannik Gerland (Bad Sooden-Allendorf), Niklas Harsy (Gießen), Sarah Kistner (Kronberg) sowie die Leichtathletin/Triathletin Lisa Tertsch (Darmstadt). Aber Lücken in der U23-Altersklasse werfen stets mehrere Fragen auf, so zum Beispiel: wer soll bei den Erwachsenen in der näheren Zukunft für die Erfolge sorgen und die arrivierten Kräfte, sofern sie vorhanden sein, entlasten. Und noch viel wichtiger: Wie kann die Talentförderung und das Training im Nachwuchsbereich optimiert und so nachhaltig gestaltet werden, dass die Drop-out-Rate möglichst niedrig ist. Fragen, die möglichst bald Antworten erfordern.

Zu den Ergebnissen

Zum 1. Tag

Tammo Lotz

 


14.06.2015