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Quo vadis, Pascal Behrenbruch?


Pascal Behrenbruch bei der Hallen-WM 2014 (Foto: IRIS)

Als sich Pascal Behrenbruch vor acht Monaten in die Vereinigten Staaten aufgemacht hatte, um im World Athletics Center in Phoenix (Arizona) zu trainieren, stand auch geschrieben, dass er „zurück in die Erfolgsspur“ finden wolle. Der Zehnkämpfer war auf der Suche nach Impulsen, nach neuen Trainingsinhalten, vielleicht nach neuer Motivation, Inspiration. Denn hinter ihm lag ein sportlich dramatisches Jahr 2014 mit dem Absturz auf 8.055 Punkte, er verpasste damit die EM-Qualifikation und war seinen 2012 gewonnen Titel quasi durch die Hintertür losgeworden. Und nun? Im Alter von 30 Jahren ist der gebürtige Offenbacher zum Zweifler geworden, der inneren Halt sucht, sich viele Fragen stellt, die Zeit der großen Sprüche und Überraschungscoups scheint vorüber zu sein. Behrenbruch ist wohl nicht besonders gut in Form, und wenn man seine Zitate liest, wäre ein Ergebnis jenseits von 8.000 Punkten schon ein Erfolg. Am nächsten Wochenende, bei der letzten WM-Qualifikation in Ratingen. Ende Mai in Götzis haben drei Deutsche bereits vorgelegt - Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied/8.462 Punkte), Michael Schrader (SC Hessen Dreieich/8.415) und Rico Freimuth (SV Halle/8.380) - die Plätze für die WM in Peking dürften damit vergeben sein. Und Behrenbruch kämpft mehr mit sich als mit seinen Gegnern.

„Inspirierend“ sei das Training in der Phoenix-Gruppe um Coach Dan Pfaff gewesen, der auch Weitspringer Greg Rutherford (Olympiasieger 2012/Großbritannien) und Mitchell Watt (Olympiazweiter 2012/Australien) angehören. Und einige „desperate people“ wie ich, sagt der Zehnkämpfer von der LG Eintracht Frankfurt. Je nach Übersetzung chiffriert sich damit seine Situation. Behrenbruch hatte es 2013 weiterhin mit dem estnischen Trainer Andrei Nazarow probiert, 2014 als Autodidakt in der Frankfurter Übungsgruppe um Nachwuchs-Zehnkämpfer Fabian Christ. Seine Leistungen? 2012 sammelte er als Europameister in Helsinki 8.558 Punkte, 2013 in Ratingen nochmals 8.514 Punkte, bei der WM 2013 als Elftplatzierter 8.316 Zähler. Dann ging’s rasant bergab. Ein brutaler Karriereknick. „Es wird immer schwerer“, sagt Behrenbruch. „Vielleicht liegt es an meinem Alter.“ Nicht am kalendarischen, sondern am Wettkampfalter. „Schließlich mache ich das schon so lange.“ Der Spaß gehe allmählich verloren, ausgelöst durch seine unbefriedigenden Trainings- und Wettkampfresultate. „Wenn man bei einer Sache versagt, in der man mal richtig gut war, zieht einen das runter. Und man will irgendwie nicht wahrhaben, dass es nicht klappt.“


Behrenbruch in Talence 2013 (Foto: IRIS)

Er hat ein paar Testwettkämpfe absolviert, in San Diego, in Santa Barbara, in Los Angeles, das Wetter war immer bestens, die Resultate weniger. Über 100 Meter waren es mal 11,54 Sekunden, dann 11,23 Sekunden. Beide Zeiten wären kein guter Einstieg in den Zehnkampf von Ratingen. Sein persönlicher Rekord steht bei 10,84 Sekunden. „Aber ich kann 11,10 Sekunden laufen“, sagt er. Über 110 Meter Hürden wurden in Übersee 14,19 Sekunden gestoppt, das klingt schon besser. Behrenbruch hatte mit den Nachwirkungen eines Sturzes beim Hürdenlauf zu kämpfen, zwei Monate bremste ihn eine Fersenprellung aus. Seine Ansprüche sind gesunken, zwangsläufig. „An 8.400 oder 8.500 Punkte denke ich nicht. 7.700 Punkte wären der worst case.“ Womöglich liegt die Wahrheit in der Mitte, was nicht für die WM-Norm des Verbandes (8.200 Punkte) reichen wird. Unabhängig davon, dass er die Punktzahl des Olympiasechsten Freimuth übertreffen müsste, um sich für Peking zu qualifizieren. „Früher wäre es ein Alptraum gewesen, nicht dabei zu sein“, sagt er und beendet den Satz nicht. Und heute? „Ich rechne mit allem.“

Ob Behrenbruch das Experiment in den Staaten fortsetzt, will er nach Ratingen entscheiden. Ob eine weitere Zäsur ansteht, hängt zunächst vom Ergebnis ab. 8.000 Punkte wären okay, 8.200 Zähler eine beinahe utopische Vorstellung. Doch es klingt durch, dass er bereits abgeschlossen hat mit Coach Pfaff und der Gruppe mit bis zu 80 Athleten sowie den monatlichen Kosten von 5.000, 6.000 Euro, für die er seine Ersparnisse angreifen musste. „Ich muss wieder in eine Trainingsgemeinschaft, in der es nur um Sport geht.“ Wo nicht unbedingt am großen Rad gedreht wird, sondern kleine Dinge zählen. So wie seit ein paar Tagen in Frankfurt in der Zweier-Combo mit dem Briten Benjamin Gregory (7.725 Punkte), dem er einen Startplatz in Ratingen besorgt hat. Oder wie früher, als ihn sein damaliger Wurftrainer FriedrichSchneider im Kugelstoßtraining gelockt hat. „Stoß dreimal über 16 Meter, dann gibt’s eine Pizza von mir.“

„Früher habe ich immer eine große Fresse riskiert, das geht jetzt nicht mehr“, sagt Behrenbruch. Der Lautsprecher und Platzhirsch ist Vergangenheit. Ob für immer und ewig, wird sich zeigen, auch wenn er seine Karriere bis zu den Olympischen Spielen 2016 fortsetzen will.

Uwe Martin

 


23.06.2015