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Vor der U18-WM: „Cali als kleine Etappe auf dem Weg in den Spitzenbereich“


Markus Czech (l.) und Philipp Schlesinger (Fotos: privat, HLV)

Was haben Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa (Russland), Sprinter Usain Bolt (Jamaika) und 400-Meter-Läufer Kirani James (Grenada) gemeinsam? Sie alle wurden U18-Weltmeister und danach Olympiasieger und Weltmeister bei den Aktiven. Doch nicht immer beginnt eine erfolgreiche Karriere auf dem U18-WM-Podium. So wurde Jessica Ennis-Hill U18-WM-Fünfte (2003), sechs Jahre später Siebenkampf-Weltmeisterin und erst 2012 schließlich Olympiasiegerin. Und wer hätte gedacht, dass der U18-WM-13. von 2009 im Speerwurf, Keshorn Walcott (Trinidad und Tobago), drei Jahre später Olympiasieger wird?

Ganz unterschiedlich sind die Karrieren von hessischen Topathleten verlaufen: Hindernisläuferin Gesa Krause (LG Eintracht Frankfurt) stand 2011, nur zwei Jahre nach ihrem siebten Platz bei der U18-WM, im WM-Finale und belegte Platz neun.

Als U18-WM-Zweite 2007 gelang Carolin Schäfer (TV Friedrichstein) erst sieben Jahre später der internationale Durchbruch bei den Frauen mit EM-Platz vier. 2015 fliegt sie als beste deutsche Siebenkämpferin zur WM nach Peking. Der Frankfurter Hochspringer Martin Günther (U18-Weltmeister 2003) sowie die 400-Meter-Hürdenläuferin Christiane Klopsch (LG Friedberg-Fauerbach/U18-WM-Sechste 2007) haben den internationalen Durchbruch hingegen noch nicht geschafft.

Bei der heute beginnenden U18-WM in Cali (Kolumbien) sind zwei Hessinnen im deutschen Aufgebot: die Hochspringerin Mona Gottschämmer (TV Neu-Isenburg) sowie die 15 Jahre alte Siebenkämpferin Elena Kelety (Königsteiner LV).

Und so stellt sich die Frage: Welche Bedeutung haben internationale Erfolge in der Jugend für den weiteren sportlichen Werdegang? Wie sollte das Training aufgebaut sein, wie die Athleten und Trainer mit dem Normdruck umgehen? Auf diese und andere Fragen antworten der Vizepräsident Leistungssport im Hessischen Leichtathletik-Verband (HLV), Markus Czech, sowie Mehrkampf-Landestrainer Philipp Schlesinger im Doppelinterview auf hlv.de.


Drei Hessen im Trainingslager in Florida: (v. l.) Delegationsleiter Dominic Ullrich, Mona Gottschämmer und Elena Kelety (Foto: DLV)

Welchen Stellenwert besitzen U18-Weltmeisterschaften?

Czech:
Wie alle anderen internationalen Meisterschaften ist auch die U18-WM eine Herausforderung für alle beteiligten Interessengruppen: den/die Athleten/Athletin, den Trainer, den Verein und natürlich den Verband.

Schlesinger: Sie haben einen hohen Stellenwert, da junge Athleten dort erste internationale Erfahrungen sammeln können. Eine U18-WM ist ein Baustein, eine kleine Etappe auf dem Weg in den Spitzenbereich. Die jungen Athleten werden mit neuen zeitlichen Abläufen konfrontiert. Das fängt mit der Anreise ins Stadion an. Zum Aufwärmen gibt es feste Zeiten in der Aufwärmzone. Für viele Athleten ist der sogenannte „Restroom“ eine neue Erfahrung, ebenso die Aufteilung in eine Morning und eine Afternoon Session, die zeitlichen Abstände zwischen den Qualifikationen, Vorkämpfen und dem Finale. Darauf kann man junge Athleten in Deutschland kaum speziell vorbereiten. Schule und Leistungssport laufen parallel, sind zu wenig miteinander verzahnt. Umso wichtiger sind die logistischen und organisatorischen Erfahrungen bei einer U18-WM, von denen die Athleten bei späteren internationalen Einsätzen nur profitieren können.

Was bedeuten Medaillen oder generell positive Ergebnisse bei einer U18-WM für die weitere Karriere?

Czech:
Medaillen oder ganz allgemein internationale Erfolge in jungen Jahren bringen viel Motivation mit sich auf dem langfristigen Weg eines Athleten. Sie sind aber keine Garantie für spätere Erfolge.

Schlesinger: Sie können ein Türöffner für spätere Erfolge und vor allem eine Motivationshilfe für die weitere Karriere sein. Das ist für mich wichtiger und nachhaltiger als die reinen Ergebnisse. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Athleten, die bereits in der U18 an internationalen Wettkämpfen teilgenommen haben, besser mit mageren Jahren oder Formtiefs umgehen können als andere Athleten, die diese Möglichkeit nicht besaßen. Ein gutes Beispiel ist Steffen Klink (Anmerkung: Er wurde im Achtkampf U18-WM-Dritter 2009), der immer wieder von Brixen erzählt hat und so seine körperlichen Probleme 2010 überwinden und einen guten sechsten Platz bei der U20-EM 2011 erreichen konnte.


Mona Gottschämmer (Foto: DLV)

Apropos körperliche Probleme: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Medizinern und Physiotherapeuten? In der U18 haben wir es ja mit Athleten zu tun, die sich noch im körperlichen Wachstum befinden...

Schlesinger:
...und auf die daher in gleichem, besonderen Maße Rücksicht genommen werden muss, wie auf die erwachsenen Athleten auch. Gerade im Nachwuchsbereich ist es entscheidend, orthopädische Auffälligkeiten zu erkennen und frühzeitig präventive Maßnahmen in den Trainingsprozess zu integrieren. Wir benötigen daher bereits in der U18 eine regelmäßige, qualitativ hochwertige Physiotherapie, die mit den besonderen Begebenheiten der einzelnen Disziplinen vertraut ist. Die Physiotherapie muss stärker als bisher in den Trainingsablauf integriert werden.

Wie sollte man Ergebnisse in der U18 einordnen?

Czech:
Ich würde sie mit zurückhaltender Euphorie betrachten, da sich in diesen Altersklassen noch deutliche körperliche Entwicklungsunterschiede ausmachen lassen. Sogenannte „Frühentwickler“ haben deshalb deutliche Vorteile. Es muss also nicht unbedingt ein Gradmesser für spätere Erfolge sein.

Mit welcher Einstellung können Athleten/Trainer die U18-WM angehen und wie sollte das Training gestaltet sein im Hinblick auf die weitere Entwicklung?

Czech:
Diese Fragen gehören eng zusammen. Grundsätzlich sind durch die DLV-Rahmentrainingspläne und deren Umsetzung in den Landesverbänden langfristige Entwicklungen geplant und beabsichtigt. Das Training dieser noch sehr jungen Sportler sollte also auf jeden Fall immer eine langfristige Ausrichtung haben. Von einer speziellen Vorbereitung auf internationale Top-Events in diesem Alter ist dringend abzuraten! Man sollte sich auch nicht Trainingsmittel und -methoden späterer Entwicklungsstufen bedienen, um frühzeitig mehr Leistungsfähigkeit zu generieren! Dies bedarf eines hohen Maßes an Geduld und Verantwortung gegenüber dem meistens körperlich noch nicht ausgewachsenen Sportler. Obgleich der Reiz der Teilnahme selbstverständlich äußerst hoch ist.

Schlesinger: Für alle U18-Athleten gelten die gleichen Trainingsinhalte und -mittel. Es sollen keine Trainingsmittel vorgezogen und das Verhältnis von allgemeinem und spezifischem Training nicht verändert werden. Die Qualifikation für eine U18-WM sollte aus einem kompletten und dem Alter entsprechenden Trainingsprozess resultieren. Die Athleten, die die Voraussetzungen haben sich für eine U18-WM zu qualifizieren, sollten im Training eher behutsam aufgebaut werden, damit sie beim Saisonhöhepunkt in der Lage sind ihre Bestleistung zu erzielen.


Elena Kelety (Foto: DLV)

Viele Ausnahmetalente wie Kirani James (U18-Doppelweltmeister 2009 über 200/400 Meter, über 400 Meter Weltmeister 2011 und Olympiasieger 2012) oder Kugelstoßer David Storl (U18-Weltmeister 2007, U20-Weltmeister 2008, Weltmeister 2011/2013, Olympia-Silber 2012) haben die U18-WM als Sprungbrett genutzt, sind danach richtig durchgestartet. Aber es gibt auch die „Spätentwickler“...

Schlesinger:
... die kommen entsprechend später zum Zuge. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass es in diesem Alter einen hohen Anteil an körperlich retardierten Athleten gibt. Bei entsprechender Trainingsorganisation und Strukturierung von Schule und Studium sollte der Anschluss an das internationale Niveau aber bis zum Übergang U20/U23 gelungen sein.

In der Regel kann man sagen, dass Spitzenathleten spätestens in der U20 international auffallen, siehe Carolin Schäfer (U18-WM-Zweite 2007, U20-Weltmeisterin 2008) und Jan Felix Knobel (U20-Weltmeister 2008). Schon bei Siebenkämpferin Sabine Braun (U20-EM-Zweite 1983) war das der Fall, für die die internationale Karriere in der U20 begann (Anmerkung: U18-Weltmeisterschaften gibt es erst seit 1999) und die später bei den Aktiven zahlreiche Erfolge feierte (u. a. Weltmeisterin 1991, Olympia-Bronze 1992 sowie fünf Olympia-Teilnahmen in Serie zwischen 1984 und 2000). Vereinzelte Ausnahmen sind aber nicht auszuschließen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass zu Saisonbeginn stets die Normerfüllungen im Vordergrund stehen. Ist das leistungsfördernd oder -hemmend?

Czech:
Diesen Eindruck gibt es nicht ohne Grund. Der internationale Terminplan wird mitunter immer voller und die Normen müssen somit immer früher erzielt werden, was oft zu Lasten einer überlegten und besonnenen Vorbereitung geht. Vielfach wird alles „auf eine Karte“ gesetzt, um noch auf den einen oder anderen Zug aufzuspringen. Grundsätzlich ist es für die Entwicklung gut und wichtig, wenn sich der Sportler frühzeitig seinen Zielen stellt und versteht, was er zur Erreichung absolvieren muss. In diesem Zusammenhang hat das Trainer- und Betreuerteam die wichtige Aufgabe einer Beratung und Steuerung. Der Athlet darf in diesem Zusammenhang psychisch nicht „überpacen“ und frustriert „die Flinte ins Korn“ werfen, wenn die vielleicht zu hoch gesteckten Ziele nicht erreicht - oder besser - noch nicht erreicht werden! Über Ziele und Möglichkeiten sollte mit jungen Sportlern ausführlich gesprochen werden, damit keine unterschiedlichen Vorstellungen zwischen Trainer und Athlet entstehen und zu Missverständnissen führen.


Ansprache von DLV-Präsident Dr. Clemens Prokop (Foto: DLV)

Alles in allem freut sich der Verband über jeden erfolgreichen Sportler, der an einer internationalen Meisterschaft teilnimmt, aber nicht um jeden Preis! Über allem sollte eine langfristige, alterskonforme Entwicklung mit sorgsam ausgewählten Trainingsinhalten stehen.

Schlesinger: Wir erwarten im langfristigen Aufbau, dass der Athlet dem Druck im internationalen Wettbewerb gewachsen und in der Lage ist, seine Leistung abzurufen, machen uns aber gleichzeitig Gedanken, ob wir die Sportler mit der Erbringung von Normen im Vorfeld überfordern. Das passt nicht zusammen.

Normen gehören in einer Sportart wie der Leichtathletik, in der es um messbare Leistungen geht, einfach dazu. Die Athleten sollen früh lernen, sich mit diesen Normen auseinanderzusetzen und sich darauf einstellen, bei bestimmten Wettkämpfen oder in einem festgelegten Zeitraum die jeweiligen Leistungen anbieten zu können.

Sollte eine Qualifikation im Vorfeld an der Drucksituation scheitern, gilt es dies zu analysieren und in Zukunft besser vorzubereiten. Der Zeitplan einer WM steht lange im Voraus fest. Die Sportler wissen also, worauf sie sich vorzubereiten haben.

(Das Gespräch führte Tammo Lotz)

 


15.07.2015