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Vor der U20-EM: Acht Hessen, acht Prognosen


Marc Reuther will ins 800-Meter-Finale (Foto: Iris)

Im schwedischen Eskilstuna soll es heute regnen. Ergiebig regnen. Dazu Gewitter und Temperaturen um 19 Grad. Die Vorhersage des Wetterportals „weather.com“ macht einem die Industriestadt im Nordwesten der Provinz Södermanland nicht gerade sympathisch. Dennoch lohnt sich für Leichtathletik-Interessierte der Blick nach Eskilstuna. Dort finden noch bis zum Sonntag (19. Juli) die 23. U20-Europameisterschaften statt. Ein Stelldichein der Stars der Zukunft, das gestern mit einer Show aus Magie, Musik und Tanz feierlich eröffnet wurde. Heute begann der sportliche Teil mit der Qualifikation im Kugelstoßen der Junioren um 9.25 Uhr und dem ersten von insgesamt 44 Finalwettkämpfen (10.000 Meter Bahngehen der Juniorinnen/9.30 Uhr). Die ersten Rekorde stehen auch schon fest. 1.038 Athletinnen und Athleten aus 47 Ländern nehmen teil – so viele wie noch nie. Darunter auch acht Hessen. Nur acht, muss man sagen, denn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte ursprünglich neun Athleten aus hessischen Vereinen nominiert. Doch Lukas Abele, der 1.500-Meter-Läufer vom SSC Hanau-Rodenbach, musste seine Teilnahme aufgrund einer Erkrankung kurzfristig absagen. „Das ist natürlich Riesenpech“, kommentierte sein Trainer Sascha Arndt, der aber so etwas wie Entwarnung gab. „Wenn Lukas bald in den normalen Trainingsrhythmus zurückkehren kann, dann ist ein Podiumsplatz bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Jena (31. Juli bis 2. August) das nächste Ziel.“

Doch wie steht es um die Chancen der acht verbliebenen HLV-Athleten in Schweden, wann greifen sie ins Geschehen ein und und wer sind ihre größten Konkurrenten? Eine kurze Orientierungshilfe:

Lisa Mayer (LG Langgöns/Oberkleen/100 Meter und 4x100 Meter): In der DLV-Mannschaftsbroschüre geht Lisa Mayer in die Offensive. Als Ziele gibt sie an: PB & Finale und Staffel-Gold. Die 19 Jahre alte Germanistik- und Geografiestudentin aus Frankfurt ist also hochmotiviert – und das nicht zu Unrecht. Ihre 11,31 Sekunden, gelaufen bei der U23-DM in Wetzlar, sind die zweitbeste Meldeleistung hinter der Polin Ewa Swoboda (11,24). Auch die Tschechin Kristina Sivkova (11,31) sollte in den Kampf um die Podiumsplätze eingreifen, nicht zu unterschätzen auch die englische Jugendmeisterin Daryll Neita (11,40). Lisa Mayer startet heute Vormittag im dritten von fünf Vorläufen um 11.14 Uhr. Die jeweils ersten vier ziehen sicher in eines von drei Halbfinals um 16.30 Uhr ein, dazu vier weitere Zeitschnellste. Das Finale steigt am Freitag um 17.25 Uhr.

In der 4x100 Meter-Staffel weist das deutsche Quartett weltweit die drei schnellsten Zeiten des Jahres in der U20 auf: 43,70, 43,79 sowie 43,82 Sekunden. Großbritannien (44,49) und Frankreich (44,52) sind aber traditionell starke Staffel-Nationen, beide Formationen sollten noch Steigerungspotenzial besitzen. Trotzdem: die größten Chancen auf einen hessischen Podestplatz in Eskilstuna liegen wohl in der Sprintstaffel der Juniorinnen. 13 Länder haben gemeldet. Die Entscheidungen fallen allesamt am Sonntag. Die Vorläufe starten um 10.30 Uhr, knapp sechs Stunden später ist das Finale (16.06 Uhr).

Sarah Kistner (MTV Kronberg/5.000 Meter): Nur mal so, als kleiner Erinnerungsschub. Sarah Kistner vom MTV Kronberg, 17 Jahre alt, hat in dieser Saison bereits die deutsche U20-Meisterschaft über 5.000 Meter gewonnen (16:33,37 Minuten), sie wurde deutsche Berglaufmeisterin und gewann Anfang Juli bei der Berglauf-EM zwei Titel (U20-Einzel, Mannschaft). Und jetzt noch die U20-EM in Eskilstuna. Und wie Wikipedia weiterhin glaubhaft versichert, ist in der 65.000-Einwohner-Stadt auch Anni-Frid Lyngstad aufgewachsen, besser bekannt als der nicht blonde weibliche Part der Popgruppe Abba. Doch zurück zu Sarah Kistner. Elf junge Damen haben in der 5.000-Meter-Meldeliste eine langsamere Bestzeit als die Hessin, bei insgesamt 20 Starterinnen gestalten sich Prognosen also wie das Lesen im Kaffeesatz. Mit Alina Reh (TSV Erbach/Bestzeit: 15:55,82) kommt die Favoritin im Finale am Schlusstag, 19. Juli (17.55 Uhr), aber eindeutig aus Deutschland.


Daniel Sturma (Foto: Dirk Wagner)

Daniel Sturma (LG Eintracht Frankfurt/Zehnkampf): Soviel vorneweg: Der Nachwuchszehnkämpfer - die Kugel hat ein Gewicht von 6 Kilogramm, die Hürdenhöhe beträgt 99 Zentimeter, der Diskus wiegt 1,75 Kilogramm, dürfte aus hessischer Sicht ein extrem spannender Wettbewerb werden. Denn die Nummer 1 in Europa, der Ulmer Manuel Eitel, hat seinen ersten Einsatz im Nationaltrikot vor einer Woche absagen müssen. Eine Ellenbogenverletzung. So rückt der 18-jährige Daniel Sturma (LG Eintracht Frankfurt) von Platz fünf der „Setzliste“ auf Rang vier vor - hinter dem Russen Feliks Shestopala (7.600 Punkte), dem Tschechen Jan Dolezal (7.583) sowie dem schwedischen U18-Weltmeister Karsten Warholm (7.551). Über ihn später mehr. Sturma hat Anfang Juni beim Meeting in Bernhausen 7.504 Punkte gesammelt, doch auch von den hinteren Rängen kommt Druck. Die Punktabstände bis über den zehnten Platz hinaus sind nämlich recht gering. Für Eitel ist übrigens Jan Ruhrmann (DJK SG Tackenberg/7.307) nachgerückt, dritter deutscher Zehnkämpfer ist Marvin Bollinger (SV schlau.com Saar 05/7.407). Der Zehnkampf beginnt am Samstag, 18. Juli, um 9.45 Uhr und endet am 19. Juli um 18.35 Uhr mit den 1.500 Metern.

Constantin Schmidt (TG Obertshausen/400 Meter und 4x400 Meter): 30 Athleten bewerben sich um den europäischen U20-Titel über 400 Meter, darunter der deutsche U23-Vizemeister Constantin Schmidt von der TG Obertshausen. Mit 46,50 Sekunden hat Schmidt die viertschnellste Zeit zu Buche stehen, und so kommt es nicht von ungefähr, dass sein Trainer Robert Schieferer sagt: „Das Ziel ist natürlich das Finale.“ Im Vorlauf am heutigen Donnerstag (12.50 Uhr) trifft Schmidt übrigens auf Karsten Warholm. Ja, richtig gelesen, das ist jener schwedische Durchstarter, der auch im Zehnkampf nach den Sternen greift. 400-Meter-Bestzeit: 46,23 Sekunden, nur unwesentlich langsamer als der europäische Jahresbeste Benjamin Lobo Vedel (Dänemark/46,01). Dass Warholm bei der Junioren-Gala in Mannheim Ende Juni die 110 Meter Hürden und den Weitsprung gewonnen hat und Dritter über 200 Meter wurde, ist wieder eine andere Geschichte. Die Halbfinalrennen über 400 Meter stehen am Freitag, 17. Juli, um 19.05 Uhr an, das Finale am Samstagabend (18 Uhr).

Aleksi und Jaakkima Rösler (beide SG Schlüchtern): Aleksi Rösler, wie sein Zwillingsbruder 19 Jahre alt, startet im 400-Meter-Einzelrennen, und bei einer persönlichen Bestzeit von 47,25 Sekunden wäre das Erreichen des Halbfinals ein schöner Erfolg für den Viertelmeiler von der SG Schlüchtern. Dass die deutsche 4x400-Meter-Staffel (dann mit Jaakkima Rösler) im Finale und damit im Schlusswettbewerb der U20-EM am Sonntag (19.40 Uhr) dabei sein möchte, ist mehr eine rhetorische Andeutung.

Marc Reuther (Wiesbadener LV/800 Meter): Vor Marc Reuther liegt die wohl bisher größte sportliche Herausforderung seiner Karriere. Allein sechs Läufer gehen in Eskilstuna mit einer Bestzeit unter 1:48 Minuten ins Rennen, Reuthers 1:47,98 Minuten von Osterode bedeuten Platz fünf in der europäischen Saisonbestenliste. Angeführt wird diese von dem Russen Konstantin Tolokonnikow (1:46,42), der mit seiner Spurtstärke an Juri Borsakowski (u. a. Olympiasieger 2004) erinnert. Dahinter folgt der Schwede Kalle Berglund (1:46,85), vor einem Jahr U20-WM-Finalist und wie Tolokonnikow bei der Team-EM vor dem Deutschen Robin Schembera im Ziel. Marc Reuther, der kurz über geschwollene Lymphknoten klagte, ist voller Selbstvertrauen, will ins Finale und eine neue Bestleistung laufen. Sein Trainer Georg Schmidt, der in Eskilstuna die deutschen Mittelstreckler betreut, stimmt zu, rechnet vor allem mit Kalle Berglund („Er hat Heimvorteil“), tut sich aber mit weiteren Prognosen sehr schwer: „Mit einer Bestleistung ist für Marc von einer Medaille bis Platz sechs alles möglich.“ Die Vorläufe starten am Freitag um 12 Uhr, die Halbfinals sind am Samstag (16.15 Uhr), das Finale ist für Sonntag angesetzt (15.40 Uhr).


Kidane Tewolde (Foto: Sascha Arndt)

Kidane Tewolde (SSC Hanau-Rodenbach/10.000 Meter): Kidane Tewolde ist ein fröhlicher Mensch. Der gebürtige Frankfurter hat fast immer was zu lachen, die Vorfreude auf seinen ersten Bahn-Einsatz im DLV-Trikot ist dementsprechend groß. So kündigt er auf seinem Facebook-Profil auch an, dass es heute Abend für ihn „besonders spaßig“ werden wird. Genauer gesagt um 20 Uhr. Dann erfolgt der Startschuss über 10.000 Meter, der letzten Entscheidung des ersten Wettkampftages in Eskilstuna. 22 Läufer sind gemeldet. Angeführt wird die Liste von dem Belgier Dieter Kersten, dem einzigen Läufer mit einer Bestzeit unter 30 Minuten (29:37,23), der auch gleich seinen Zwillingsbruder Maarten (30:21,75) mitbringt. Kidane Tewolde, der wie Lukas Abele bei Sascha Arndt trainiert, wird mit 30:24,75 Minuten an Position neun geführt. Die Taktik: Möglichst lange ein gleichmäßiges Tempo laufen wie bei den deutschen Langstreckenmeisterschaften in Ohrdruf Anfang Mai, wo Tewolde nur Fabian Gehring (TV Wattenscheid/30:17,17) ziehen lassen musste. Die störende Variable dabei: Tewoldes Hüftbeugerprobleme, die ihn seit Anfang des Jahres begleiten, mal mehr, mal weniger, hervorgerufen durch ein gestörtes Nerv-Muskel-Zusammenspiel. Hoffnung kann Kidane Tewolde aus der Tatsache schöpfen, dass er schon in Ohrdruf ab dem vierten Kilometer „nicht mehr rund lief“, das Tempo von knapp über drei Minuten pro Kilometer trotzdem bis zum Schluss durchhielt. „Das ist auch für Schweden das Ziel. Mit einer Zeit um 30:30 Minuten sollte ein Top-Ten-Platz möglich sein“, so Tewolde. Dann könnte der 19-Jährige wie erhofft „den Wettkampf mit einem Grinsen beenden“.

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Tammo Lotz / Uwe Martin

 


16.07.2015