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Viele Sorgen um das Knie von Homiyu Tesfaye


Homiyu Tesfaye bei der Hallen-DM 2015 (Foto: Benjamin Heller)

Sein Facebook-Posting umfasste nur ein paar Sätze, doch die Aussage war deutlich. „Leider muss ich Euch mitteilen, dass ich meine Saison aufgrund meiner Knieverletzung beenden muss. Ich bereite mich nun auf die Olympischen Spiele 2016 vor. Ich komme zurück! Stärker und schneller. Vielen Dank für Eure Unterstützung.“ Mit diesem Statement hat der Hauptgefreite Homiyu Tesfaye das wochenlange Rätselraten beendet, warum er seit dem Paderborner Osterlauf keine Wettkämpfe mehr absolviert hat. Am 4. April war er über 10 Kilometer in 27:51 Minuten nur vier Sekunden über dem deutschen Rekord von Carsten Eich geblieben, danach begannen die Probleme. Im Höhentrainingslager in Flagstaff (Vereinigte Staaten) gab es „nur Laufversuche mit Schmerzen, aber kein Speedtraining“; Anfang Mai sagte Tesfaye die Staffel-WM auf den Bahamas ab, flog dennoch auf den Inselstaat, um sich vom medizinischen Team des deutschen Verbandes untersuchen zu lassen. Etwas mehr als zwei Monate später steht fest: Das rechte Knie des überragenden deutschen Mittelstreckenläufers ist geschädigt. Wie schwer, muss sich noch zeigen. „Ich war so viel bei Ärzten unterwegs und es gibt kein Ergebnis“, sagt der 22-Jährige.

Mitte Februar hatte der gebürtige Äthiopier einen deutschen Hallenrekord über 1.500 Meter aufgestellt (3:34:13 Minuten), und nach dem März-Trainingslager in Kenia stand für ihn fest. „Ich hätte auch im Sommer deutschen Rekord laufen können.“ Den hält seit 1980 (!) Thomas Wessinghage mit 3:31,58 Minuten. „Und es hätte noch mehr werden können.“ Eine Zeit unter 3:30 Minuten, mitten hinein in die absolute Weltklasse, weit unter seiner persönlichen Bestzeit von 3:31,98 Minuten „Mein Trainer hat das für möglich gehalten“. Nun sind alle Ziele außer Reichweite. Die WM in Peking ohnehin, und wie es mit Blickrichtung Olympische Spiele 2016 weitergeht, weiß auch Wolfgang Heinig nicht. Die Zeit rennt, Tesfaye grübelt. Seit Tagen schon. Kein Ausdauerlauf, kein schneller Schritt. Nichts. „Vielleicht“, sagt jener Läufer, dem Experten zutrauen, dass er perspektivisch in Deutschland die Strecken von 800 Meter bis zum Halbmarathon dominieren und internationale Medaillen gewinnen könnte, „braucht mein Körper nach all den Jahren einfach ein bisschen Ruhe“. Tesfaye spricht leise, er klingt sorgenvoll.


Tesfaye bei der Hallen-WM 2014 (Foto: IRIS)

Der Leitende Bundestrainer Heinig betreut Tesfaye auch als Heimcoach für Eintracht Frankfurt, am vergangenen Freitag hat der 64-Jährige mit seinem Athleten ein langes Vier-Augen-Gespräch geführt und ihm seine Erkenntnisse über die Verletzung mitgeteilt. An einem Kreuzband habe sich eine Zyste gebildet und ein Arzt sage, dies sei das Problem. Ein anderer Mediziner habe auf den MRT-Bildern einen Reizzustand mit Knorpelschaden diagnostiziert. „Es gibt von den Ärzten verschiedene Auffassungen“, sagt Heinig. Letztlich werde er Tesfaye den ausstehenden Rat des Leitenden Verbandsarztes Dr. Helmut Schreiber (Freiburg) anempfehlen. Tesfaye spricht etwas nebulös von „Flüssigkeit im Knie“ und deutet auf die Innenseite des Gelenks. Außen, also lateral, habe er eine Entzündung. Zudem schmerze seine rechte Leiste. Er sei unter anderem mit Cortisonspritzen behandelt worden. „Dann konnte ich laufen, aber die Schmerzen kamen wieder.“

Was Tesfaye bevorstehen könnte, ist eine arthroskopische Entfernung der Zyste und eine anschließende Reha in Herxheim (Pfalz). Wenn dies die Option sein sollte, zu der Schreiber rät, würde Heinig gerne so schnell wie möglich handeln. Tesfaye eher nicht. „Wenn ich operiert werden muss, entscheide ich in einem Monat weiter. Vielleicht auch spontan. Aber eigentlich werde ich lieber natürlich gesund.“


Tesfaye bei der Team-EM 2014 (Foto: IRIS)

Die aktuelle Knieverletzung ist nicht die erste Belastungsprobe für das Duo Tesfaye/Heinig. Aufgrund der überaus kurzfristigen Absage für die Staffel-WM soll DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska getobt haben, und wenn man Heinig zwischen den Zeilen genau zuhört, klingt Skepsis durch, wie ernst Tesfaye seinen Beruf als Hochleistungssportler derzeit nimmt. Denn der von der Bundeswehr, seinem Klub Eintracht Frankfurt, Nike, der deutschen sowie der hessischen Sporthilfe geförderte Athlet plant einen dreiwöchigen Urlaub. Mit seiner Verlobten, der 30 Jahre alten Maryam Jamal, die beiden wohnen in Frankfurt zusammen. Die zweimalige Weltmeisterin (2007, 2009) und Olympiadritte 2012 über 1.500 Meter ist in Äthiopien als Zenebech Tola geboren worden, startet jedoch seit vielen Jahren für Bahrein, und genau dort hat sie nun laut Tesfaye „verschiedene Dinge zu erledigen“. Und er beabsichtigt mitzufliegen. Maryam Jamal dürfte den Zenit ihrer Karriere überschritten haben, der Hochbegabte Tesfaye steht am Anfang. Doch wie weitermachen? Und ist es professionell, gerade jetzt zu urlauben?

Vielleicht sind es Nachwirkungen des knüppelharten Trainings in den vergangenen Jahren, die Tesfaye Sätze sagen lässt wie den folgenden. „Ich möchte jetzt ein anderes Leben leben und nicht an mein Knie denken.“ Er sei enttäuscht, und er brauche Ruhe. „Und Geduld. Eine Woche, einen Monat, vielleicht ein Jahr.“ Daraus spricht Langmut, wie es der afrikanischen Mentalität entspricht. In Flagstaff hat er Bernard Lagat getroffen, einen amerikanischen Topläufer kenianischer Herkunft. Sei vorsichtig mit dem Knie, habe ihm der Routinier geraten. Ein anderer noch viel höher Dekorierter, Doppel-Olympiasieger Mo Farah, gab ihm seine Handynummer mit der Bemerkung „Wenn du Hilfe brauchst, ich bin bereit.“ Vielleicht sollte Tesfaye die entsprechende Nummer jetzt wählen.

Uwe Martin

 


20.07.2015