Sponsoren HLV Logo

Georg Fleischhauer: Auf der Suche nach der Form


Georg Fleischhauer: Blickrichtung Rio 2016 (Fotos: IRIS)

Gibt man den Namen "Georg Fleischhauer" bei der Internetsuchmaschine Google ein, erfährt man schnell, wo es für den 400-Meter-Hürdenläufer von der LG Eintracht Frankfurt hingehen soll: "Zehn Hürden, ein Ziel – Rio 2016". Die Olympischen Spiele also. Für Fleischhauer wären es die ersten seiner Karriere. Ein weiteres Großereignis, die Weltmeisterschaften in Peking (22. bis 30. August), fallen für den 26-Jährigen allerdings weg. Denn am letzten Sonntag endete der Nominierungszeitraum. Mit seiner Jahresbestzeit von 50,31 Sekunden verfehlte Fleischhauer die Vorgabe des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) von 49,40 Sekunden recht deutlich. Es ist nicht so, dass ihm diese Zeit nicht zuzutrauen wäre. Fleischhauers persönlicher Rekord steht bei 48,72 Sekunden. Das Problem dabei: Er ist schon knapp vier Jahre alt. Nach diversen Rückschlägen und fehlgeschlagenen Experimenten soll es wieder aufwärts gehen. Aber wie? Fleischhauer ist gerade ziemlich ratlos.

“Ich habe versucht nicht zu viel nachzudenken und meinem Körper zu vertrauen, dass er das schon macht. Aber mir gelingt es nicht, die guten Trainingsleistungen ins Rennen zu transportieren.“ Fleischhauers Rückblick auf den Finallauf von Nürnberg fällt ernüchternd aus. Ein zweiter Platz in 50,74 Sekunden – weit weg von seinen Ansprüchen. Befand er sich eingangs der Zielgeraden noch gleichauf mit dem späteren Sieger, dem U20-WM-Vierten Jonas Hanßen (SC Myhl LA/49,97), ging ihm danach die Puste aus, mit letzter Kraft stapfte er ins Ziel. Ursachenforschung: „Auf den ersten 200 Metern laufe ich nicht ökonomisch, etwas zu nah an die Hürden ran, ich muss abbremsen, bei der Hürdenüberquerung fehlt mir etwas der Schwung.“ Fleischhauer stören Kleinigkeiten, die sich im Verlauf eines Rennens summieren. Die Endzeiten frustrieren. Mangelnden Einsatz kann sich der 1,95-Meter-Hüne nicht vorwerfen. „Aber ich weiß, dass ich mit dem Kraftaufwand von heute vor ein paar Jahren noch locker unter 50 Sekunden geblieben bin.“

Fleischhauer meint vor allem das Jahr 2011, seine bisher beste Saison. Elfmal lief er die Langhürdendistanz unter 50 Sekunden, im WM-Vorlauf in Daegu die besagten 48,72 Sekunden. Mit dieser Zeit steht Fleischhauer auf Platz sieben der ewigen deutschen Bestenliste. Einen Platz hinter dem Mann, der ihn seit letztem Herbst trainiert: Volker Beck, 400-Meter-Hürden-Olympiasieger von 1980, Leitender DLV-Bundestrainer für Sprint und Langsprint und Coach bei Eintracht Frankfurt. Davor gab in Dresden Erika Falz neun Jahre die Richtung vor. Unter ihrer Regie wechselte Fleischhauer 2009 vom Hürdensprint auf die Langhürdenstrecke, wurde zweimal deutscher Meister (2010, 2012), EM-Sechster (2012) und stand 2011 im WM-Halbfinale.


DM-Zweiter 2015 in 50,74 sec – das soll 2016 besser werden

Fleischhauer hauchte einer Problemdisziplin im DLV neues Leben ein – und suchte nach frischen Impulsen. „2013 habe ich an der Grundlagenausdauer gearbeitet, im Training längere Läufe bis 900 Meter gemacht. Doch das hat nicht so richtig funktioniert.“ Er blieb nur noch einmal unter 50 Sekunden, fühlte sich zu schwer, machte drastisch Diät. „Das war ziemlich unklug“, gibt Fleischhauer heute zu und fügt an: „Ich wiege heute noch immer 95 Kilo, wie 2011. Ich war schon immer ein kräftiger Typ, das geht auf meine Zeit als Hürdensprinter zurück.“ Es folgten weitere Umstellungen. Wieder ohne Erfolg. 2014 lief er nur noch 50,37 Sekunden. Georg Fleischhauer fing an zu grübeln, stellte seine sportliche Karriere in Frage. „Meine Kumpels waren mit dem Studium fertig, haben angefangen vernünftig Geld zu verdienen. Und ich musste gucken, wie ich im Sport über die Runden komme.“ Das DM-Finale 2014 in Ulm brachte die Wende. „Ich habe mir gesagt, ´Das ist genau das, was ich machen will, auf der Bahn stehen und nicht gemütlich zu Hause auf dem Sofa sitzen´“ Rio 2016 war das Ziel. Und Fleischhauer wusste endgültig, dass etwas in seiner Karriere passieren muss – und passieren wird. „Wenn ich den Trainer wechsele, dann 2014.“ Begründung: „Nach einem Trainerwechsel dauert es oft ein Jahr, bis alles läuft. 2016 soll es dann richtig zur Sache gehen.“

Die Entscheidung fiel für Beck, inklusive Vereinswechsel zur LG Eintracht. Was gab den Ausschlag? Der zarte Aufschwung, den 400-Meter-Läufer Kamghe Gaba (LG Stadtwerke München) 2014 unter Beck erlebte und dessen Erfahrung als Athlet und Trainer. „Da er selbst Hürden gelaufen ist, kann er mir sehr gut erklären, was er von mir will.“ Die Schwerpunkte im Training haben sich verschoben. Weniger längere Läufe stehen auf dem Programm, dafür mehr kurze und intensive Einheiten. „Das kommt mir entgegen. Da gehe ich an meine Grenzen. Das gehört dazu.“

Auch das wirtschaftliche Umfeld im Rhein-Main-Gebiet sagt Fleischhauer zu - Stichwort duale Karriere. Fleischhauer studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Dresden mit den Schwerpunkten Energiewirtschaft und Energietechnik. Im Oktober wird er seine Masterarbeit einreichen und möchte anschließend sachte ins Berufsleben einsteigen. Bisher sind seine Einnahmequellen neben der Eintracht die Deutsche Sporthilfe, die Sporthilfe Hessen und die Frankfurter Sportstiftung. „Es läuft ganz gut.“ Doch mit dem Ende des Studiums laufen Stipendien aus, eine Teilzeitstelle zum Jobeinstieg würde diese Lücke schließen. In den nächsten Wochen will Fleischhauer dahingehend einige Gespräche führen. Eine verpasste WM-Qualifikation schafft auch Freiräume.

Tammo Lotz

 


28.07.2015