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„Ich bin nächstes Jahr wieder konkurrenzfähig“


Jan Felix Knobel 2013 bei der Mehrkampf-DM in Lage (Foto: IRIS)

Vielleicht muss man sich die Situation so vorstellen, dass der Letzte nach dem Feiern tatsächlich das Licht ausgemacht hat. Und es ist durchaus denkbar, dass Jan Felix Knobel den Schalter betätigte. Er, der in den 48 Stunden zuvor beim Thorpe Cup in Filderstadt-Bernhausen der Erste gewesen ist. Nicht von Beginn an, aber am Ende des Länderkampfes Deutschland gegen die USA. 8.045 Punkte erreichte der Zehnkämpfer vom Königsteiner LV, was angesichts einer persönlichen Bestleistung von 8.288 Punkten (2011) nicht wirklich monströs erscheint, beim Blick auf die Verletzungshistorie des 26 Jahre alten Architekturstudenten aber guten Gewissens als geglücktes Comeback bezeichnet werden darf. Zuletzt hatte Knobel im Juni 2013 einen Zehnkampf durchgestanden, in Ratingen mit windbegünstigten 8.396 Punkten. „Die Leistung ist eigentlich zweitrangig“, sagt Knobel. „Ich bin einfach nur happy.“ Zur WM in Peking (22. bis 30. August) fliegen andere, die Nominierungsperiode war ohnehin längst verstrichen. Egal. Darum ging es sowieso nicht. „Ich wollte durchkommen und anschließend gesund dastehen“, sagt Knobel.

Seine Gesundheit ist das beherrschende Thema in den zurückliegenden 24 Monaten gewesen. Der Körper rebellierte zeitweise so vehement, dass er im Frühjahr 2014 die Saison vorzeitig hatte abbrechen müssen, weil seine entzündeten Achillessehnen kein schmerzfreies Gehen mehr zuließen. In dieser Zeit war Knobel dem Karriereende näher als der Rückkehr in die Weltklasse. Es folgte eine über Gebühr geräuschvolle Trennung von Coach Jürgen Sammert, es folgte ein behutsamer Neustart mit dem hessischen Landestrainer Philipp Schlesinger. Letztlich auch der Abschied von seinem langjährigen Klub Eintracht Frankfurt. Gesund und schmerzfrei werden im neuen Umfeld, das Projekt Olympische Spiele 2016 im Auge behalten, darum ging es. Knobel ist ein intelligenter junger Mann, der gewählt formuliert, und wenn er jetzt sagt, „jahrelang durch die Scheiße gewatet“ zu sein, kann man sich vorstellen, wie er sich in den schlimmsten Momenten gefühlt hat. Beginnend mit dem Abbruch der Mehrkampf-DM im August 2013 wegen eines grippalen Infekts, dann kamen die Achillessehnen, im Frühjahr dieses Jahres gab es wiederum einen Rückschlag: Muskelfaserriss in der Wade. Am 20. Juni stoppte ihn eine Fußverletzung.


Knobel in Ratingen 2012 (Foto: IRIS)

Das zweite August-Wochenende hat für Knobel vieles positiv zurechtgerückt. Im Stabhochsprung (5,06 Meter) und im Weitsprung (7,37 Meter) stellte er persönliche Bestleistungen auf, und höher als 1,99 Meter war er in einem Zehnkampf noch nie gesprungen. „Schade, dass die drei Würfe nicht so liefen.“ Das Kugelstoßen (15,68 Meter), der Diskuswurf (44,43 Meter) und insbesondere das Speerwerfen bei böigem Wind (62,32 Meter). Bei einigen Disziplinen, etwa den 400 Metern (50,28 Sekunden), fehlte nach der langen Zehnkampfpause schlichtweg die Wettkampfpraxis: 100 Meter vor dem Ziel merkte Knobel, dass er das Anfangstempo überzogen hatte. „Hinten heraus stand ich dann fast“. Seine Erkenntnis nach zwei Tagen „Hitzeschlacht“ und „einer wahnsinnigen inneren Anspannung“: „Wir haben im Training wenig falsch gemacht. Und ich sehe mich in einer Position, dass ich nächstes Jahr wieder konkurrenzfähig bin.“

Knobel war vor vier Jahren WM-Achter, nahm an den Olympischen 2012 in London teil, und dass es schwer wird, sich angesichts der Güte der anderen deutschen Top-Zehnkämpfer überhaupt für Olympia in Rio zu qualifizieren, ist ihm bewusst. „Das wird eine enge Kiste.“ Die aktuellen WM-Teilnehmer heißen Kai Kazmirek (8.462 Punkte), Michael Schrader (8.419) sowie Rico Freimuth (8.380) und sind allesamt Weltklasse. Auf diesen Verdrängungswettbewerb wird sich Knobel in den nächsten Monaten mental einstellen müssen. Mehr als drei Startplätze gibt es bekanntlich nicht. Vorher jedoch steht etwas anderes an. „Ich werde mich um meine Bachelorarbeit kümmern und bis zum Jahresende hoffentlich einen Haken daran machen können.“

Uwe Martin

 


11.08.2015