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Wer, wann, wo? Die Hessen bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften von 1980 bis 2013


Birgit Friedmann (Foto: HLV-Jahrbuch 1985)

Den Anfang machte … ja, wer eigentlich? Birgit Friedmann im Jahr 1980. Vier Jahre zuvor hatte der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) bereits eine WM im 50 Kilometer Gehen ausgeschrieben; 1980, wenige Tage nach den Boykott-Spielen von Moskau, fand im niederländischen Sittard die erste WM im Stadion statt. Genauer am 16. August, und ausgeschrieben waren nur zwei damals nicht olympische Wettbewerbe: 3.000 Meter und 400 Meter Hürden der Frauen. Mehr oder weniger waren es auch Testläufe, ob und wie Frauen den Belastungen auf diesen Strecken Stand halten würden. Aus heutiger Sicht der blanke Unsinn, aber den zumeist männlichen IAAF-Funktionären durfte vor 35 Jahren schon eine gehörige Portion Chauvinismus zugesprochen werden. Ins DLV-Wettkampfprogramm integriert sind beide Distanzen nämlich schon länger gewesen. 1980 in Sittard waren zwei Hessinnen über 3.000 Meter am Start und nach einem furiosen Rennen wurde Birgit Friedmann von Eintracht Frankfurt erste Weltmeisterin der Leichtathletik-Geschichte. Ihre Zeit: 8:48,1 Minuten, deutscher Rekord. Auf Rang sieben lief Charlotte Teske vom ASC Darmstadt (9:04,3).

1983 fand in Helsinki (Finnland) die erste „komplette“ WM statt, vom 22. bis 30 August ist nun Peking (China) an der Reihe, es ist die 15. Weltmeisterschaft. Für Hessen am Start sind Betty Heidler und Kathrin Klaas (Hammerwurf), Gesa Krause (3.000 Meter Hindernis), Carolin Schäfer und Claudia Rath (Siebenkampf) sowie als einziges Nicht-LG-Eintracht-Frankfurt-Mitglied der Zehnkämpfer Michael Schrader (SC Hessen Dreieich). Wer bei den 14 Titelkämpfen zuvor ein hessisches Trikot trug, hat hlv.de recherchiert.

1983 (Helsinki/5 Hessen): Bei der Premiere war Harald Schmid vom TV Gelnhausen einer der Stars im deutschen Team. Obwohl sein zweiter Platz über 400 Meter Hürden in 48,61 Sekunden aufgrund des großen Abstands zum Souverän Edwin Moses (USA/47,50) eine Enttäuschung gewesen sein dürfte. Ein Grund für die - vergleichsweise - schlechte Zeit war die Belastung von Schmid durch sein Sportstudium. Dass die deutsche 4x400-Meter-Staffel mit dem Mann aus Gelnhausen als drittem Läufer den zweiten Platz erlief (3:01,83), stimmte ihn dann wieder versöhnlich. Platz vier erreichte Margrit Klinger (TV Obersuhl) über 800 Meter in 1:58,11 Minuten - hinter der Tschechin Jarmila Kratochvilova (1:54,68!) sowie zwei Russinnen. Ob die drei Medaillengewinnerinnen sauber gewesen sind? Klinger gehörte mit Gewissheit zu einer ganzen Generation betrogener westdeutscher Mittelstreckenläuferinnen. Und wie sah es im Hammerwurf-Wettkampf aus, den Klaus Ploghaus vom ASC Darmstadt mit 76,96 Meter als Sechster abschloss? Sicher ist: Bei der WM 1983 stiegen Charlotte Teske (ASC Darmstadt) und Ralf Salzmann (LG Frankfurt) im Marathonrennen vorzeitig aus.


Harald Schmid (Foto: HLV-Jahrbuch 1987)

1987 (Rom/5 Hessen): Was für ein Rennen! Harald Schmid war in Bestform über 400 Meter Hürden, lieferte sich einen Dreikampf mit Edwin Moses und Danny Harris (beide USA), stellte in 47,48 Sekunden seinen Europarekord ein und wurde trotzdem nur Dritter. Moses (47,46) und Harris (47,48) stahlen ihm die Show. Uwe Schmitt (Eintracht Frankfurt) war im Vorlauf ausgeschieden (50,54), ebenso Edgar Itt (TV Gelnhausen/51,18). Für eine Enttäuschung sorgte Gerd Nagel im Hochsprung (2,20 Meter/14.), Vera Michallek (LG Frankfurt) wurde Elfte über 3.000 Meter (8:55,16), über 1.500 Meter kam sie nicht über den Vorlauf hinaus (4:09,89).


Florian Schwarthoff (Foto: HLV-Jahrbuch 1994)

1991 (Tokio/5 Hessen): Wieder eine Medaille für eine hessische Starterin - Sabine Richter von der Frankfurter Eintracht lief mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel auf den dritten Platz (42,33) und feierte damit den größten Erfolg ihrer Karriere. Die damals 25-Jährige hatte nach der zweiten Kurve eine starke Leistung gezeigt und den Stab an Heike Drechsler übergeben. Im Einzelrennen schied die Frankfurterin im Zwischenlauf aus (11,66). Florian Schwarthoff (TV Heppenheim) erreichte im Finale über 110 Meter Hürden den siebten Platz (13,41), Iris Biba (TV Gelnhausen) wurde Neunte im WM-Marathon (2:33:48), Claus Dethloff (LG Frankfurt) Zehnter im Hammerwurf mit 72,96 Metern. Und dann gab es noch einen Zehnkämpfer, der einen großen Willen, eine herausragende Körpergröße und viel Talent hatte, als ehemaliger Fußball-Torwart und leichtathletischer Späteinsteiger seine motorischen Defizite aber nicht mehr ganz kompensieren konnte. Weltklasse war Thorsten Dauth (TG Groß-Karben) dennoch, er erreichte Platz zehn mit 8.069 Punkten.

1993 (Stuttgart/3 Hessen): Großer Sport von Florian Schwarthoff (TV Heppenheim) im Hürdensprint-Finale. In einem sensationell schnellen Rennen erreichte der Hesse in 13,27 Sekunden Platz fünf. Den WM-Titel schnappte sich in Weltrekordzeit der Brite Colin Jackson (12,91). Für ein weiteres Highlight aus hessischer Sicht sorgte Kurt Stenzel (ASC Darmstadt) als Marathon-Zwölfter in 2:19:53 Stunden. Dass ihn der überglückliche Sechstplatzierte Konrad Dobler nach dem Zieleinlauf so heftig umarmte, dass er dem Physiotherapeuten Stenzel einen Halswirbel ausrenkte, gehört zu den kuriosen Geschichten dieser WM. Ebenfalls bei der Heim-WM am Start: Michael Busch (PSV Grün-Weiß Kassel) über 1.500 Meter. Er schied als Vorlaufsiebter in 3:44,03 Minuten aus.


Georg Ackermann (Foto: HLV-Jahrbuch 1995)

1995 (Göteborg/5 Hessen): Und noch eine hessische Medaillengewinnerin: Gabriele Becker (LAZ Bruchköbel) holte mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel als Schlussläuferin den dritten Platz (43,01 Sekunden). Ein Medaillenkandidat war auch Florian Schwarthoff, doch der deutsche Rekordhalter (13,05) stützte im Halbfinale. Georg Ackermann (TV Heppenheim) hingegen erwischte eine glanzvolle WM und wurde Weitsprung-Vierter (8,14 Meter). Der dritte Heppenheimer in Göteborg, Zehnkämpfer Thorsten Dauth, machte bereits nach dem Hochsprung Schluss. Eine Grippe im Vorfeld, Fieber am Wettkampftag, Knieschmerzen beim Hochsprung - die WM war für Dauth ein echter Flop. Wie auch für das damalige „Enfant Terrible“ des Männer-Diskuswerfens: Michael Möllenbeck (Eintracht Frankfurt) scheiterte im Vorkampf mit 59,76 Metern.

1997 (Athen/2 Hessen): Ein Tiefpunkt aus HLV-Sicht - bewertet mit Blick auf die Teilnehmerzahl. Doch Iris Biba von Eintracht Frankfurt lief, wie schon 1991, einen schnellen WM-Marathon und wurde Sechste in 2:34:06 Stunden. Passabel verlief die WM-Premiere für Hammerwerfer Holger Klose von der Frankfurter Eintracht. Mit 75,16 Meter verpasste er bei einem Wettkampfbeginn um 8 Uhr (!) morgens als 13. nur knapp das Finale. Letztlich herausgekegelt von Karsten Kobs. Qualifiziert für Athen war auch der Frankfurter Speerwerfer Peter Blank, doch der 35-Jährige verzichtete wegen Schulter-, Knie- und Handschmerzen auf die Teilnahme. Als Nachrücker profitierte sein Kumpel Raymond Hecht - und scheiterte in der Qualifikation. Zwei Wochen nach der WM schleuderte Blank den Speer schon wieder weiter als 81 Meter.

1999 (Sevilla/3 Hessen): Und noch ein Tiefpunkt. Wenngleich Irina Mikitenko (Eintracht Frankfurt) über 5.000 Meter in einem grandiosen Rennen den vierten Platz belegte. Mit deutschem Rekord von 14:50,17 Minuten. Von einer Medaille war die gebürtige Kasachin sechs Sekunden entfernt. Hammerwerfer Holger Klose legte erstmals in seiner Karriere drei ungültige Versuche hin, Aus in der Qualifikation. Und Peter Blank verpasste als 13. den Speerwurf-Vorkampf. Im letzten Versuch der Qualifikation verdrängte ihn ausgerechnet der spätere WM-Sechste Boris Henry.


Irina Mikitenko (Foto: HLV-Jahrbuch 2001)

2001 (Edmonton/7 Hessen): Es war richtig etwas geboten aus hessischer Sicht in Kanada - rein zahlenmäßig. Vor Ort gut in Form, absolut verletzungs- und schmerzfrei war hingegen so gut wie niemand. Und so blieb es wiederum Irina Mikitenko (LG Eintracht Frankfurt) über 5.000 Meter vorbehalten, in einem verbummelten Rennen für das beste Ergebnis zu sorgen (Platz 5/15:13,93). Kirsten Münchow (LG Eintracht Frankfurt) wurde Hammerwurf-Neunte mit 64,39 Metern - alle anderen Hessen scheiterten in der Qualifikation: Die Frankfurter Michael Lischka (Diskuswurf), Holger Klose und Susanne Keil (Hammerwurf), Peter Blank (Speerwurf) sowie Annika Becker (LG Alheimer/Rotenburg) im Stabhochsprung (4,25 Meter).

2003 (Paris/5 Hessen): Die deutsche Rekordhalterin Susanne Keil (LG Eintracht Frankfurt) wurde Fünfte im Hammerwerfen mit 69,43 Metern, ihre Vereinskollegin Betty Heidler Elfte (65,81). Und der Frankfurter Altmeister Peter Blank, mittlerweile 41, erreichte im Speerwerfen den achten Platz (80,34). Sebastian Gatzka (LG Eintracht Frankfurt) schied mit der deutschen 4x400-Meter-Staffel im Vorlauf aus (3:04,72). Dass es über die kürzeren Langstrecken international nicht mehr ganz nach vorne reicht, musste bei den Titelkämpfen in Paris die 31-jährige Irina Mikitenko einsehen - sie verpasste als Vorlauf-Neunte das Finale in über 5.000 Meter in 15:06,97 Minuten um knapp drei Sekunden. „Nach meinen Verletzungsproblemen fehlte mir noch die Kraft für die Grundschnelligkeit“, sagte sie.

2005 (Helsinki/6 Hessen): Ein schwarzer Tag für die Hammerwerferinnen Betty Heidler und Kathrin Klaas, quasi ein doppelter Blackout, beide schieden in der Qualifikation aus. Heidler mit 61,91 Metern, Klaas ohne gültigen Versuch. So lieferte Korinna Fink (LG Eintracht Frankfurt), Freundin von 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann, das einzige wirklich zählbare Resultat für den HLV. Die 24-Jährige lief mit der deutschen 4x400-Meter-Staffel auf Platz sechs (3:28,39). Kamghe Gaba, 21 Jahre alt, kam als U23-Vize-Europameister über 400 Meter zur WM und verpasste mit dem deutschen Viertelmeiler-Quartett als Neunter (3:03,17) das Finale. Über 400 Meter Hürden zeigte der 23-jährige Christian Duma zwei gute Rennen und schied im Halbfinale nach 50,25 Sekunden aus. Als Ersatzläufer blieb Till Helmke (TSV Friedberg-Fauerbach) in der deutschen Sprintstaffel ohne Einsatz.


Betty Heidler (Foto: IRIS)

2007 (Osaka/5 Hessen): „Hessen hat eine Leichtathletik-Weltmeisterin“, schrieb HLV-Präsident Wolfgang Schad und sprach vom größten internationalen Erfolg der hessischen Leichtathletik seit Jahren. Mit 74,76 Metern, erzielt im zweiten Versuch, verwies Heidler die Kubanerin Yipsi Moreno (74,74) sowie die Chinesin Zhang Wenxiu (74,39) auf die Ränge zwei und drei. Kathrin Klaas war in der Qualifikation ausgeschieden. Wie auch Julia Hütter (LAZ Bruchköbel) im Stabhochsprung mit 4,25 Metern. Ulrich Steidl (SSC Hanau-Rodenbach) beendete bei utopischen klimatischen Bedingungen den Marathonlauf als 37. (2:30:03). Kamghe Gaba war wiederum mit der 4x400-Meter-Staffel platziert, dieses Mal auf Rang acht (3:07,40).

2009 (Berlin/8 Hessen): Die bislang stärkste WM aus hessischer Sicht. Betty Heidler gewann Silber im Hammerwerfen, Ariane Friedrich Bronze im Hochsprung (2,02), Kathrin Klaas wurde Vierte im Hammerwurf, Sergej Litvinov (Frankfurt) im Rahmen seines kurzen Gastspiels im deutschen Nationaltrikot Hammerwurf-Fünfter (76,58), Pascal Behrenbruch rückte als Sechster mit 8.439 Punkten endgültig in die Zehnkampf-Weltklasse auf. Für die deutsche 4x400-Meter-Staffel (mit Kamghe Gaba) reichte es mal wieder nicht fürs Finale, Aus im Vorlauf. In der Qualifikation scheiterten Andrea Bunjes (Frankfurt/Hammerwurf) und Beatrice Marschek (LAZ Gießen/Weitsprung).

2011 (Daegu/5 Hessen): Wieder Zweite, und damit erreichte Betty Heidler zum dritten Mal in Folge das WM-Podest. Ihre Leistung: 76,06 Meter. Kathrin Klaas wurde Siebte (71,89). Die beiden hessischen Zehnkämpfer, Pascal Behrenbruch (7./8.211) und Jan Felix Knobel (8./8.200), lagen dicht beisammen. In Daegu ging zudem der internationale Stern von U20-Europameisterin Gesa Felicitas Krause im Aktivenbereich auf: WM-Platz neun für die 19-jährige von der LG Eintracht Frankfurt in einer Zeit von 9:32,74 Minuten. Sensationell.

2013 (Moskau/6 Hessen): Acht Jahre nach Helsinki gab es eine unschöne Murmeltier-Wiederholung für die Top-Hammerwerferin Betty Heidler (68,83) und Kathrin Klaas (68,34) mit dem Aus in der Qualifikation. Auch Pascal Behrenbruch hatte sich mehr erhofft als Platz elf mit 8.316 Punkten, wobei diese Leistung angesichts seiner extrem formschwachen Jahre 2014 und 2015 sehr hoch zu bewerten ist. Wie auch die 9:37,11 Minuten von Gesa Krause über 3.000 Meter Hindernis (9.). Beste Hessin war Siebenkämpferin Claudia Rath mit persönlicher Bestleistung von 6.462 Punkten und Platz vier. Und nach wie vor ist es ein Rätsel, warum sie zum Jahresabschluss 2013 bei keiner Sportlerwahl (Frankfurt, Hessen) ganz oben stand. Bei seiner ersten WM überzeugte zudem Homiyu Tesfaye (LG Eintracht Frankfurt) als Fünfter im 1.500-Meter-Finale (3:37,03).

In den WM-Medaillenrängen waren bislang also sechs Hessen: Birgit Friedmann (1./1980), Betty Heidler (1./2007, 2./2009 und 2011), Harald Schmid (2x2./1983, 3./1987), Sabine Richter (3./1991), Gabriele Becker (3./1995) und Ariane Friedrich (3./2009).

WM-Statistik (in Englisch)

Uwe Martin

 


17.08.2015