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WM-Vorschau, Teil 1: Die Siebenkämpferinnen im Blickpunkt – und Gesa Krause


Claudia Rath und Carolin Schäfer im 800-m-Lauf bei der EM 2014 (Foto: IRIS)

Schwülwarme Hitze, Höchstwerte bis 34 Grad, Tiefstwerte kaum unter 20 Grad, verschmutzte Luft, Smog – die 1.936 Athleten aus 207 Ländern erwarten bei den 15. Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking extreme Bedingungen. Und nur zur Erinnerung: Die Olympischen Spiele 2008 in Peking, das haben Untersuchungen ergeben, sind als die Spiele mit der höchsten Luftverschmutzung in die Geschichte eingegangen – trotz reduziertem Autoverkehr und gesenkten Emissionen. Wie haben damals die Sportler reagiert? Zwei Beispiele: Äthiopiens Ausnahmeläufer Haile Gebrselassie verzichtete auf den Marathon, lief aber die 10.000 Meter und nutzte das Rennen als Vorbereitung für seinen Marathonweltrekord in Berlin wenige Wochen später. Die belgische Tennisspielerin Justin Henin trat aufgrund ihrer Asthmabeschwerden gar nicht erst an. Hat sich seitdem etwas getan? Wenn man Berichten Glauben schenkt, in denen Pekings Luftqualität mit dem Konsum von 40 Zigaretten pro Tag verglichen wird, wohl eher nicht. Wie auch immer, nun zum sportlichen Teil. Wie steht es um die Chancen der sechs hessischen Athleten in Peking, wann greifen sie ins Geschehen ein und und wer sind ihre größten Konkurrenten? Im ersten Teil geht es um die Siebenkämpferinnen Carolin Schäfer und Claudia Rath sowie die 3.000-Meter-Hindernisläuferin Gesa Krause. Eine Orientierungshilfe:

Carolin Schäfer (TV Friedrichstein/Siebenkampf): In der DLV-Mannschaftsbroschüre sagt Carolin Schäfer: „Ich will 6.500 Punkte erzielen.“ Damit würde die Polizeikommissaranwärterin ihre Bestleistung aus Götzis, 6.547 Punkte, bestätigen – und sich auf ziemlich sicherem Kurs in Richtung Podium befinden. Denn nur dreimal hätte ihr Hessenrekord aus dem österreichischen Mehrkampf-Mekka bei Weltmeisterschaften nicht für einen Platz auf dem Treppchen gereicht, zuletzt vor vier Jahren in Daegu, als die Ratingen-Zweite Jennifer Oeser (Bayer Leverkusen/6.306), die in Peking nach der Geburt ihres Sohnes Jakob im Oktober 2014 wieder zum deutschen Aufgebot zählt, mit 6.572 Zählern Dritte wurde. In der Vorbereitung auf Peking sprang Carolin Schäfer beim Thorpe Cup mäßige 5,98 Meter weit, sprintete die 100 Meter Hürden bei der DM in Nürnberg in 13,58 Sekunden und sprang mit schweren Beinen 1,75 Meter hoch. Die größte Entwicklung hat Carolin Schäfer im Kugelstoßen gemacht. In Götzis steigerte sie ihre Bestleistung um fast 70 Zentimeter auf 14,06 Meter. 49,08 Meter mit dem Speer ließen den „Ausfall“ bei der EM in Zürich vergessen, als sie mit schwachem 44,19 eine Top-drei-Platzierung verspielte und Vierte wurde.


Carolin Schäfer (Foto: IRIS)

Die Jahresbeste Brianne Theisen-Eaton aus Kanada, die Ehefrau des amerikanischen Zehnkampf-Weltrekordlers Ashton Eaton, schickt sich nach ihrem Sieg in Götzis (6.808) an, die Ukrainerin Hanna Kasyanova als Weltmeisterin zu beerben. Dann schon kommt in der Weltjahresbestenliste Carolin Schäfer, gefolgt von 14 Athletinnen, die eine Bestleistung von mehr als 6.400 Punkten aufweisen, darunter die Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill aus Großbritannien, die nach ihrer Babypause, Sohn Reggie kam im Juli 2014 zur Welt, in Götzis ihren ersten Mehrkampf seit Olympia 2012 absolvierte (6.520 Punkte), aber lange mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen hatte und sich erst nach glänzenden 12,79 Sekunden über 100 Meter Hürden im Juli bei den Anniversary Games in London für einen WM-Start entschied. Und dann ist da noch Katarina Johnson-Thompson aus Liverpool, die Hallen-Europameisterin und Beinahe-Weltrekordlerin im Fünfkampf (5.000 Punkte) und weltbeste Siebenkämpferin des Jahres 2014 (6.652). Ihre Vorbereitung auf Peking, wo sie auch im Weitsprung gemeldet ist (Bestleistung: 6,92 Meter/2014), wurde zuletzt durch Knie- und Oberschenkelprobleme gestört, im Juli musste sie im Training knapp drei Wochen kürzertreten. Ebenfalls zu beachten: die EM-Zweite Nadine Broersen aus den Niederlanden (2015: 6.531/2014: 6.539), Barbara Nwaba (USA/6.500) sowie die EM-Dritte Nafissatou Thiam aus Belgien (2015: 6.412/2014: 6.508) - und natürlich Claudia Rath, aber zu ihr gleich noch mehr.

Noch ein paar Worte zu Titelverteidigerin Hanna Kasyanova (2013 hieß sie noch Melnychenko, sie ist verheiratet mit dem Zehnkampf-WM-Vierten von Berlin 2009, Oleksiy Kasyanov): Sie blieb sowohl 2014 (5.937) als auch in der laufenden Saison (6.277) deutlich unter ihrer Siegesleistung von vor zwei Jahren (6.586), in der Meldeliste aber taucht sie auf. Ganz im Gegensatz zu Antoinette Nana Djimou. Die zweimalige Europameisterin (2012, 2014) aus Frankreich hat ihre Saison wegen fehlender Form nach einer Operation abgebrochen und konzentriert sich schon jetzt auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Und noch eine wird im Siebenkampf fehlen: Dafne Schippers, die WM-Dritte von Moskau. Sie wird sich wie schon bei den Europameisterschaften auf die Sprints (100/200 Meter) konzentrieren. In Zürich holte sie beide Titel und verkörperte vor allem über die lange Sprintdistanz absolute Weltklasse (22,03). Mit 22,09 ist das Multitalent aus den Niederlanden derzeit die Nummer drei der Welt.


Claudia Rath im Gespräch mit Hochsprungtrainer Günter Eisinger (Foto: Benjamin Heller)

Claudia Rath (LG Eintracht Frankfurt/Siebenkampf): Vor zwei Jahren bei der WM in Moskau verpasste die 29-Jährige den dritten Platz nur um 15 Punkte, wurde mit 6.462 Punkte undankbare Vierte. Claudia Raths Bestleistung von damals besteht noch immer, der Hessenrekord gehört mittlerweile ihrer Trainingskollegin Carolin Schäfer. Auch Claudia Rath überzeugte vor wenigen Monaten in Götzis, sammelte 6.458 Zähler, liegt damit derzeit auf Platz acht in der Welt. Ganz stark: Die 6,73 Meter im Weitsprung, mit denen sie damals den Landesrekord von Beatrice Marscheck (LAZ Gießen) egalisierte. Dann kam das Weitsprungmeeting in Bad Langensalza, Claudia Rath flog auf 6,84 Meter – und doch um 0,2 Meter pro Sekunde am Hessenrekord vorbei. Denn der Schiebewind bei Raths Sprung war mit +2,2 m/s etwas zu hoch, maximal 2 m/s sind erlaubt. Mehr Glück hatte die neue Hessenrekordlerin Xenia Stolz vom Wiesbadener LV in ihrem letzten Sprung (6,74/+1,5 m/s). Bei der DM auf dem Nürnberger Hauptmarkt aber lag die Mehrkämpferin einen Platz vor die Spezialistin und wurde mit 6,52 Fünfte. Dazu kam noch Platz sieben über 100 Meter Hürden (13,84), nach 13,70 im Vorlauf, in Götzis wurden sogar 13,56 gestoppt. Beim Thorpe Cup testete Claudia Rath gleich dreimal: Herausragend die 6,67 im Weitsprung, mit 12,84 Meter und 40,58 in ihren „Problemdisziplinen“ Kugelstoßen und Speerwurf bewegte sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Im „Vogelnest“ geht Claudia Rath nach Götzis und Ratingen (6.290) in ihren dritten Mehrkampf der Saison.

Der Siebenkampf beginnt am Samstag, 22. August, um 3 Uhr (MESZ) mit den 100 Meter Hürden und endet am 23. August um 13.40 Uhr mit den 800 Metern.

Prognose: Top-fünf-Platzierung für Carolin Schäfer, Claudia Rath landet unter den besten acht.


Gesa Krause bei der DM in Nürnberg (Foto: IRIS)

Gesa Krause (LG Eintracht Frankfurt/3.000 Meter Hindernis): Gesa Krause geht mit 23 Jahren in ihre bereits dritten Weltmeisterschaften. Und noch nie war ihre Ausgangslage so vielversprechend wie in diesem Jahr. In der Meldeliste wird die Athletin von Trainer Wolfgang Heinig als Sechste geführt. Beim Diamond-League-Meeting im Juli in Monaco steigerte sie ihren persönlichen Rekord um über drei Sekunden auf 9:20,15 Minuten. In Peking will Gesa Krause ihre Bestzeit wieder angreifen. „Ich bin der Typ, der zum Saisonhöhepunkt seine beste Leistung zeigt“, sagte sie nach ihrem starken Alleingang bei der DM in Nürnberg (9:32,20). Eine Platzierung zwischen sechs und acht hält sie für möglich.

Der Einlauf von Monaco kann ein Vorgeschmack auf Peking gewesen sein: Die Olympia-Zweite von 2012, Habiba Ghribi (Tunesien/9:11,28), siegte vor Hyvin Kiyeng Jepkemoi (9:12,51), der Aufsteigerin Virginia Nyambura Nganda (beide Kenia/9:13,85/Bestzeit 2014: 9:58,08) und der Äthiopierin Hiwot Ayalew (9:14,98). Dann folgt in der Weltjahresbestenliste die Amerikanerin Emma Coburn (9:15,59), die bei den Commonwealth Games 2014 sogar 9:11,42 lief, so schnell wie noch nie eine US-Läuferin zuvor. Da der Veranstalter in Glasgow allerdings auf eine anschließende Dopingkontrolle verzichtete, wurde Coburns Zeit nicht als Landesrekord anerkannt. In Monaco lief eine gesundheitlich angeschlagene Emma Coburn (9:23,91) übrigens hinter Gesa Krause ins Ziel. Ebenfalls zu beachten sind die 31 Jahre alte Marokkanerin Salima Alami (9:20,64), die gebürtige Kenianerin Ruth Jebet (Bahrain/9:21,40), Madeline Heiner (Australien/9:21,56) sowie die beiden US-Amerikanerinnen Stephanie Garcia (9:23,48) und Colleen Quigley (9:24,92). Zwei Läuferinnen, die in ihrer Karriere bereits schneller als Gesa Krause gelaufen sind, in diesem Jahr aber noch hinter der Hessin liegen, sind die Olympia-Dritte (2012) und WM-Dritte (2013) Sofia Assefa (Äthiopien/9:23,04/Bestzeit: 9:09,00) und ihre Landsfrau und WM-Fünfte von vor zwei Jahren, Etenesh Diro (9:29,10/Bestzeit: 9:14,07). Und noch etwas: Drei russische Läuferinnen sind auch gemeldet. Natalya Aristarkhova (9:35,07), Lyudmila Lebedeva (9:36,56) und Ekaterina Doseykina (9:39,37). Die schnellste russische Läuferin 2015 aber, die Universiade-Siegerin Ekaterina Sokolenko (9:25,77), sie fehlt.

Die 3.000-Meter-Hindernis-Vorläufe starten am Montag, 24. August, um 3.45 Uhr (MESZ), das Finale ist am 26. August um 15 Uhr.

Prognose: Gesa Krause läuft zwischen Rang fünf und sieben ein. (tam)

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ARD/ZDF-Sendeplan

 


19.08.2015