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Zehnkämpfer Michael Schrader nach WM-Platz sieben: „Es haben die Höhen gefehlt“


Michael Schrader: Nur 4,60m im Stabhochsprung (Foto: IRIS)

Zuverlässige „Superstars“ über 4x100 Meter (Usain Bolt, elfter WM-Titel seit 2009) und 5.000 Meter (Mo Farah, viertes 5.000-/10.000-Meter-Titel-Doppel bei WM, EM und Olympia seit 2012) sowie mit Ashton Eaton ein Zehnkampf-Dominator, der wie von Bundestrainer Rainer Pottel erwartet in einer „eigenen Liga“ spielte: Es war viel los am vorletzten Wettkampftag der 15. Leichtathletik-WM in Peking. Beim einzig noch verbliebenen hessischen Starter, Michael Schrader vom SC Hessen Dreieich, lief im Zehnkampf jedoch nicht alles wie erhofft. Während Eaton bei seiner erfolgreichen Titelverteidigung Historisches gelang, als erster Zehnkämpfer überhaupt stellte er bei einer WM einen Weltrekord auf (9.045 Punkte), blieb für Schrader nach seinem zweiten Platz in Moskau vor zwei Jahren (8.670) dieses Mal Rang sieben mit 8.418 Punkten, ähnlich wie im Juni in Ratingen (8.419) und im Mai in Götzis (8.415). Besser erging es seinem WG-Kumpel Rico Freimuth (SV Halle) auf Rang drei mit neuer persönlicher Bestleistung (8.561) hinter dem Kanadier Damian Warner (8.695/Landesrekord). Es war am achten Tag in Peking die siebte Podestplatzierung für den Deutschen Leichtathletik-Verband (1/3/3). Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied/8.448) wurde Sechster.

Zufrieden war Michael Schrader mit seiner Vorstellung im „Vogelnest“ nur bedingt: „Es haben die Höhen gefehlt, nur über 400 Meter und 1.500 Meter habe ich meine Leistung auf den Punkt gebracht“, sagte er danach dem Internetfachportal leichtathletik.de. Die 47,12 Sekunden über die Stadionrunde am Ende des ersten Tages bedeuteten persönliche Bestleistung für den 28 Jahre alten Sportsoldaten, die 4:22,30 Minuten ganz zum Schluss Saisonbestleistung. Ganz in Ordnung auch 10,78 über 100 Meter, 1,95 Meter im Hochsprung, 14,19 über 110 Meter Hürden, 44,58 im Diskuswurf und 62,09 mit dem Speer. Im Weitsprung wurden 7,71 gemessen - „gerne weiter“ schrieb Schrader auf seiner Homepage. Im Kugelstoßen zeigte sich Schrader im dritten Versuch nervenstark. Nach bis dahin indiskutablen 12,11 Metern stieß er die 7,26 Kilo schwere Eisenkugel auf 14,32. In Ratingen ging es dieses Jahr mit 14,80 aber schon deutlich weiter. Im Stabhochsprung patzte Schrader, nur die Anfangshöhe von 4,60 ging in die Statistik ein. „Ich habe versagt, hatte einen Blackout.“ Zum Vergleich: In Götzis und Ratingen flog Schrader jeweils über 5,00 Meter, ebenso bei seinem zweiten Platz in Moskau. Hätte Schrader das auch in Peking geschafft, hätte er am Ende 120 Punkte mehr auf dem Konto gehabt, genauso viele wie der Vierte Ilya Shkurenov aus Russland (8.538) - und wäre in Schlagdistanz zu Freimuth gewesen. Insgesamt fasste Schrader zusammen: „Es ist ein Übergangsjahr und wenn man verletzt war, sind drei Wettkämpfe im Jahr nicht schlecht.“ Von 2009 bis 2014 hat der gebürtige Duisburger wegen Fuß- und Knieverletzungen drei Europa-, zwei Weltmeisterschaften sowie die Olympischen Spiele verpasst. Der WM-Zehnkampf im „Vogelnest“ wird trotzdem einen besonderen Platz in seinen Erinnerungen einnehmen. „Dass ich hier beim Weltrekord von Ashton Eaton dabei war, kann ich vielleicht in 20 Jahren immer noch meinen Kindern erzählen.“


Zusammen mit dem Weltrekordler Ashton Eaton (ganz links): Michael Schrader, Rico Freimuth und Kai Kazmirek (Foto: privat)

Vor den 1.500 Metern stand der Marschplan für den in Schraders Augen „größten Athleten der Welt“ fest: Er darf in seinem ersten Zehnkampf seit der WM 2013 (2014 startete Eaton über 400 Meter Hürden, in Götzis fehlte er krankeitsbedingt) nicht langsamer als 4:18,2 Minuten laufen, um seinen Weltrekord aus dem Jahr 2012 (9.039) zu brechen – bei einer Bestzeit von 4:14,48 durchaus machbar. Erst nutzte Eaton Schrader als „Lokomotive“, dann den Afrika-Rekordler Larbi Bourrada aus Algerien (Fünfter/8.461), zwei bekannt flotte Läufer. Und für die letzten 400 Meter in der stickigen Pekinger Luft benötigte Eaton tatsächlich nur knapp 63 Sekunden, nach 4:17,52 war er im Ziel, Weltrekord.

In Peking wurde dieser endgültig zum Thema, als Eaton seine Stärken über 400 Meter ausspielte und nach 45,00 Sekunden ins Ziel kam – nie zuvor war ein Zehnkämpfer auf der Stadionrunde schneller. Zum Vergleich: Der schnellste deutsche 400-Meter-Läufer 2015 hat eine Zeit von 45,96 Sekunden stehen. Eatons Leistungen in Peking, in Klammern die Resultate bei seinem 9.039-Punkte-Wettkampf 2012: 10,23 über 100 Meter (10,21), 7,88 im Weitsprung (8,23), 14,52 im Kugelstoßen (14,20), 2,01 im Hochsprung (2,05), 45,00 über 400 Meter (46,70), 13,69 über 110 Meter Hürden (13,70), 43,34 im Diskuswurf (42,81), 5,20 im Stabhochsprung (5,30), 63,63 im Speerwurf (58,87) und 4:17,52 über 1.500 Meter (4:14,48). Der Lohn vom Leichtathletik-Weltverband IAAF für den ersten Weltrekord dieser Welttitelkämpfe: 100.000 US-Dollar. Und das Mehrkampf-Paar Ashton Eaton/Brianne Theisen-Eaton darf Peking immerhin mit einem Titel verlassen. Im Siebenkampf hatte die Weltjahresbeste aus Kanada etwas überraschend gegen die nach ihrer Babypause zurückgekehrte Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill (Großbritannien) verloren und "nur" Platz zwei belegt.

Tammo Lotz

 


29.08.2015