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100 Kilometer? 100 Kilometer! Vier Ultra-Hessen bei den Weltmeisterschaften in Winschoten am Start


Jan-Hendrik Hans 2012 beim Stadtlauf Biedenkopf (Foto: Heiko Krause)

Nicht wenige fragen zunächst einmal nach. In etwa so: „Mit dem Fahrrad oder laufen?“ Andere, wie die stellvertretende Schulleiterin von Jan-Hendrik Hans, vermuten ihn als Konkurrenten von Usain Bolt. „100 Meter, oder?“ Man hat es offensichtlich schwer als Ultraläufer, nicht nur auf dem Asphalt. Es sind trotzdem mehr als man glaubt. Wenn an diesem Samstag, 12. September, im niederländischen Winschoten um 10 Uhr die 100-Kilometer-Welt- und Europameisterschaften gestartet werden, werden sich einige hundert Ultras auf die Strecke begeben, insgesamt gemeldet wurden 696 Teilnehmer. Darunter 240 aus 37 Nationen in der WM-Wertung, für die Europäer geht es zudem um EM-Medaillen, für die Senioren um WM-Platzierungen. Die Masse alleine ist erstaunlich. Was sicher auch damit zu tun hat, dass die Veranstaltung in der Provinz Groningen jede Menge Tradition hat, die Ultra-Running-Hochburg ist zum 40. Mal Treffpunkt für extrem Ausdauernde aus aller Welt. Wer (und vor allen Dingen warum) auf die Idee gekommen war, die 100-Kilometer-WM im Vorjahr Ende November in Doha (!) stattfinden zu lassen, ist eine andere Frage. In Winschoten am Start im deutschen Nationaltrikot sind jedenfalls auch vier WM-Teilnehmer, die Mitglied eines hessischen Vereins sind.

Und zwar Antje Krause vom Ultra Sport Club Marburg sowie Simone Stöppler (SSC Hanau-Rodenbach), ferner Florian Neuschwander (Spiridon Frankfurt) und eben Jan-Hendrik Hans von der LG Wettenberg. Hans, 28 Jahre alt, stammt aus Wilhelmshaven, 2008 war er für sein Studium ins Mittelhessische gekommen, wohnte in Kleinlinden. Mittlerweile ist er wieder zurückgekehrt in den Norden, in die ostfriesische Stadt Leer, von dort ist es ungefähr eine Stunde Fahrtzeit nach Wilhelmshaven. Hans ist Sport- und Biologielehrer, hatte in Mittelhessen eine Zweidrittelstelle auf Vertragsbasis, nun arbeitet er an seinem zweiten Staatsexamen und an der Verbeamtung. Genug gute Gründe also für den abermaligen Ortswechsel, die anderen sind, man kann es sich denken, familiärer Art. Zu seinen WM-Chancen kann Hans nicht arg viel sagen, denn: „Ich kenne die Gegner nicht so genau. Und es spielen über 100 Kilometer viele Faktoren wie Ernährung, das Wetter und die Tagesform eine große Rolle.“ Und mit dem Zusammenschluss von Gruppen, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu helfen, habe er „zweimal die Erfahrung gemacht, dass es nicht funktioniert“, deshalb: „Ich muss mein eigenes Rennen machen.“ Über 100 Kilometer, was ziemlich genau der Entfernung von Wiesbaden nach Koblenz entspricht. Laufend. Gehpausen sind selbstverständlich nicht eingeplant.


Ein Foto vom 6-Stunden-Lauf 2015 in Steenbergen (Foto: Heiko Krause)

Mit Ultraläuferinnen und -läufern ins Gespräch zu kommen, ist nicht ganz einfach. Weil sich ihre Distanzen dem Normalläufer nicht erschließen, schon der Gedanke daran übersteigt die Vorstellungskraft von ambitionierten Freizeit- und Hobbyläufern. Beim Marathon ist zumeist Schluss. Dann haben Leistungssportler wie Hans, dessen 100-Kilometer-Bestzeit von 7:20 Stunden aus dem Jahr 2013 stammt, nicht einmal die Hälfte hinter sich. „Wir fangen an, wo Marathon aufhört“, heißt es selbsterklärend auf der Website der Deutschen Ultramarathon Vereinigung. Sein Training hat Hans am vorvergangenen Mittwoch beendet, seitdem befindet er sich in der „Tapering-Phase“, das heißt: entspannen und wöchentlich nur vier bis fünf lockere Läufe über maximal eine Stunde hinter sich bringen. Doch was muss jemand trainieren, der 100 Kilometer am Stück vor sich hat? Hans hat auch schon Trainingsläufe über sechs Stunden absolviert, vor der WM in Winschoten jedoch nicht, „da war bei 60 Kilometer Schluss“. Es ist wohl grundsätzlich eine Gratwanderung zwischen organisch/kardiologischer Grenzbelastung sowie orthopädisch vertretbarer Beanspruchung. „Deshalb gönne ich meinem Körper lange Ruhephasen“, sagt Hans.


Jan-Hendrik Hans im Portrait (Foto: Jürgen Leib)

Und die Renntaktik? „Man muss seinen Körper gut kennen und auf seine Signale hören“, sagt Hans. „Und am Anfang keinen Druck aufnehmen. Und hinten heraus fliegen ist auch nicht.“ Eher gleichmäßig im Tempo bleiben und gegen die zunehmende Ermüdung ankämpfen. Auch im Kopf. Obwohl: Bei seinem entscheidenden WM-Qualifikationsrennen am 10. Mai in der Provinz Steenbergen (Niederlande) hat er es anders gemacht. Mit einem „kleinen Steigerungslauf“ über die vorgegebene Laufzeit von sechs Stunden. „Da war der Einbruch hinten heraus eingeplant.“ Sein Ergebnis: 85,168 Kilometer und Platz eins. Unwesentlich weiter kamen erst drei Läufer in der Steenbergener Veranstaltungshistorie. Hans wird während des WM-Rennens übrigens nur Flüssignahrung zu sich nehmen, einen Mix aus Kohlehydraten und Salz. Feste Nahrung wie bei der DM, als er bei Kilometer 30 einen Energieriegel zu sich nahm, ist nicht eingeplant. „Das war nur für den Magen, damit etwas drin ist, ein Hungergefühl hatte ich nicht.“

Anders als im Marathon sind die weltbesten 100-Kilometerläufer nur absoluten Szenekennern bekannt. Etwa die Titelfavoriten bei den Männern, der Russe Vasily Larkin und der Brite Steven Way, beide waren schon schneller als 6:20 Stunden, 60 Minuten schneller als Hans. Bei den Frauen hat die Amerikanerin Camille Herron (7:26 Stunden) die beste Vorleistung. Wer am Samstagmorgen genügend Zeit hat, kann das Geschehen über einen Livestream auf der Website www.runwinschoten.nl verfolgen.

Uwe Martin

 


09.09.2015